Nirgends überrascht den Einsamen das Gefühl seines Einsamseyns so schmerzlich, als wenn er fremd unter eine große Menschenmenge tritt, mit der er nur zufällig eine kurze Zeit fortgleitet, wie der einzelne Tropfen mit der rauschenden, brausenden, Wasserwoge! Es ist für Seelen und Herzen immer schwer, sich in der Ueberhüllung irrdischer Verhältnisse und Körper auszufinden; in der lauten geräuschvollen Menge aber verstummt auch der leiseste Laut der Sympathie, der Liebe und der Sehnsucht.
Natalie sah hier nur das eitle Spiel eines eitlen Lebens noch eitler erneuert, und ihr Widerwille, es ferner mitzumachen, ward noch entschiedner und fester. Auch Elise trat hier zum Erstenmal auf die Scene der täuschenden Operauftritte, die man große Welt nennt. Oft wurden sie ihr langweilig; allein der kindliche Frohsinn, die unbefangene Unschuld ihres Sinnes, wurden ihr zum Schutz gegen alle schädliche Eindrücke. Wie ein Spiel glitt ihr das Getümmel vorüber, und machte ihr die Einkehr in sich selbst und die einsamen Stunden, die sie mit ihrer Natalie lebte, nur noch lieber.
Die schönen Gegenden des freundlichen Doberans, die beide Schwestern eben so eifrig aufsuchten, als sie in der Regel von den Badegästen vernachlässigt werden: der ihnen neue Anblick des Meers, der nie den Geist ermüdet, nie die Phantasie leer läßt, und die, zuweilen geist- wenn auch nicht seelenvollen, kleineren Zirkel, die sich aus dem Größeren gesondert, zusammenfinden, verlieblichten ihren Aufenthalt, und Nataliens Wangen fingen wieder an, sich im Glanz der Gesundheit zu röthen während ihr Herz mehr und mehr einem warmen Boden gleich wurde, angefüllt mit den Keimen der innigsten, seelenvollsten Liebe, die nur auf die Sonnenstralen einer fremden edlen Liebe warteten, um ihre Blüthen zu entwickeln.
Unter den gemachten Bekanntschaften zeichnete Nataliens innigste Hochachtung den edlen Domherrn von R...w aus, der, so unermüdet, ein ganzes, reiches Leben durch, Gutes wollte, Gutes wirkte und für Deutschlands niedre Stände der Schöpfer und Verbreiter einer neuen, besseren Lehrmethode ward. Seine, fast schon vergessenen und vernachlässigten Schriften enthalten einen so großen Reichthum populärer Wissenschaft und Moral, daß man sie eine Encyklopädie beider für den Landmann nennen könnte. Natalie traf mit ihm in dieser Sorge und Liebe für die Bildung desselben wenigstens in ihrem Streben zusammen, ihren Guts-Unterthanen das Glück eines guten Schulunterrichts zu verschaffen. Sie hatte schon im Frühling dieses Jahres ein geräumiges bequemes, Schulhaus erbauen und einen Garten anlegen lassen, und war jetzt nur besorgt, einen geschickten Schullehrer zu finden, der ihre Unterthanen für Wohlstand, und die Freiheit, die sie ihnen zu schenken Willens war, empfänglich bilde. Ihre Unterhaltungen mit dem edlen Greise lenkten sie häufig auf diesen Gegenstand hin, und erhellten ihre Ansichten im Spiegel seiner reifen Erfahrung zu höherer Lebensklugheit. Er erbot sich, einen jungen Mann, der seit einiger Zeit in seinem Hause lebe, und dessen Charakter und Kenntnisse er ihr mit Wärme rühmte, zur Annahme der Schullehrerstelle bei ihr zu bereden, da er sich für dies Fach gebildet habe, und die Anstellung in einer, von seinem bisherigen Aufenthalt entfernten, Gegend wünsche. Auch schrieb er, noch von Doberan aus, an ihn, und konnte Natalien schon vor ihrer Abreise der Einwilligung des jungen Mannes, dem sie ihrer würdige Bedingungen gemacht hatte, versichern.
Das Schicksal hatte dieser aber noch eine Bekanntschaft aufgespart, die ihr zu der höchsten Freude auch den tiefsten Schmerz ihres Lebens bereitete, und die sie bis zur letzten Minute ihres Lebens, als die wohlthätigste Erscheinung ihres Daseyns segnete. —
Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Doberan fiel Natalien, unter der Menge der anwesenden Fremden, ein junger, ausgezeichnet groß und edelgestalteter Mann auf, den sie an der Seite eines reizenden, lieblichen weiblichen Wesens, voll herzgewinnender Anmuth, oft unten am Bade, oder in den einsamern Spaziergängen, aber nie in dem größern Gewühl sah. Nach mancher vergeblichen Frage erfuhr sie, es sey ein Maler Willot aus Dresden, mit seiner Gattin und lebhaft fühlte sie sich zu dem Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen, hingezogen, allein die Gelegenheit dazu wollte sich in den ersten Tagen nicht finden, und der tägliche Wechsel von neuen Gesichtern und hinzukommenden Fremden drängte später das interessante Paar in Nataliens Erinnerung zurück, und ihre gegenseitige Bekanntschaft schränkte sich auf den stillen Antheil ein, mit dem sich ihre Blicke zuweilen begegneten, oder im Vorübergehen durch einen bedeutenderen Gruß sich auszeichneten. Jetzt war die Zeit von Nataliens Aufenthalt bis auf einige Tage verstrichen, von denen sie den schönsten zum Besuch des Gutes D. wählte, dessen Lage und Aussichten man ihr gerühmt hatte.
Sie fuhr allein mit Elisen hin und rechnete auf einen einsamen Tag, da D. fast nie von den Doberaner Badegästen besucht wird, allein der Zufall führte hier heut mehrere Menschen zusammen, die alle einzeln gekommen, und sich bis jetzt in dem großen Gewühl fremd geblieben waren. So einzeln und getrennt durchstrich man auch jetzt die schöne Gegend, bis ein Platzregen alle in dem kleinen Stübchen des nächsten Bauernhauses versammelte, dessen Bewohner ihren Gästen wenig zur Bewirthung anzubieten hatten. Die mehrsten derselben hatten indessen kalte Küche und Getränk bei sich — man trug das zusammen — die Männer schlugen einige Bänke auf, da es an Sitzen fehlte — die Frauen ordneten den Tisch — man kam sich während dieser Beschäftigungen im heitern Scherz näher, wurde bekannt, und nun zusammen sehr froh und munter.
Natalie traf zu ihrer Freude Willot und seine Gattin unter den Anwesenden, und fand sich mit ihm und diesem einfachen, lieblichen Wesen so leicht schnell zusammen, daß man ihnen allen, bei den ersten Worten, die Freude ansah, sich endlich zu begegnen.
Willot war ein sehr gebildeter Mensch; aber es war nicht die flache Geistigkeit der Welt- und Hofbildung, was Natalie fand, sondern die Fülle eines reichen, poetischen Lebens, das auch in seiner Höhe noch zeigte, wie hold befreundet es mit der Erde sey, an die es befestigt war, um sich desto sicherer groß und frei in die Unendlichkeit hinein gestalten zu können. Holder Ernst und schöne Begeisterung bezeichneten seinen Sinn, dessen äußere Darstellung ein reiner Spiegel des Innern war.
Natalie vermochte, diesen Karakter zu fassen und sich innig mit ihm zu befreunden. — Was sie aber mit dem lebendigsten Antheil an ihm auffaßte, war sein Verhältniß zu seiner Gattin, das bisher, ohne Vorbild in der Wirklichkeit nur als schönes Ideal in ihrer Seele heiligster Tiefe geschlummert hatte. Er so kühn, so frei, so fest, so bestimmt — sie so weich, so zart, so kindlich, fast ehrerbietig, gegen ihn, und doch so voll herzlicher, vertrauungsvoller Zärtlichkeit sich dem geehrten Mann anschmiegend, der sich nicht zu ihr hinunterließ, sie nicht zu sich hinaufheben wollte, sondern, so wie sie war, in ihr sein höchstes Glück, seine süßeste Freude, sein Theuerstes auf Erden, liebte.