August kam, und fand sein Ideal von der liebenswürdigsten Wirklichkeit übertroffen. Die Zärtlichkeit, mit der Elise an Natalien hieng, ließ ihn fühlen, welche Rechte einst die Liebe auf dies sanfte, gefühlvolle, Herz haben würde. Strenge hielt er sein Natalien gegebnes Wort: aber ihm unbewußt, und von Elisen nicht verstanden, sprach seine Liebe zu ihr aus seines Lebens leisester Bewegung, Nataliens Freundschaft und die ausgezeichnete, achtungsvolle Traulichkeit, mit der sie den jungen Mann empfing, wurden für Elisen leise Schicksalswinke. Der Mann, dem ihre Natalie so wohlwollte, konnte von ihr nicht unbeachtet bleiben, er erschien ihr bald als der liebenswürdigste ihrer Bekanntschaft, und sein Umgang wurde ihre süßeste Freude. Allein die jungfräuliche Schüchternheit ihrer Empfindungen verhinderte sie, den Eindruck, den er auf sie machte, zu beachten, sich damit zu beschäftigen, und ihn so durch die Gewalt ihrer eignen Phantasie zu verstärken, wie dies gewöhnlich das Geschäft einer romantisirten Einbildungskraft ist.
Natalie war im Stillen für das Glück der beiden Liebenden thätig. Ihr Vermögen erlaubte ihr, für die fernere Ausbildung des jungen Mannes zu sorgen, und seinen seit lange genährten Wunsch, vor dem Eintritt ins bürgerliche Leben, eine Reise durch Deutschland und England machen zu können, zu verwirklichen. Er sollte, nach ihrem Plan, noch zwei Jahre abwesend seyn; nach seiner Rückkehr in einen angemeßnen Wirkungskreis treten, und die Hand der dann achtzehnjährigen Elise erhalten.
Am Morgen seiner Abreise, als er Natalien gerührt den Schmerz dieser Trennung aussprach, gab sie ihm das Gemälde ihrer Schwester und das bestimmte Versprechen, ihre Hand für ihn aufzuheben, und sein Andenken in ihrem Herzen zu pflegen. Er hatte noch überdem den Trost, Elisen bei seinem Abschied tief bewegt zu sehen. Die Innigkeit, mit der Natalie von ihm schied, schien ihrer Schwester Rechtfertigung für die Thräne, die ihr Auge verdunkelte, als er zum Abschied ihre Hand küßte, und sie wünschte ihm so herzlich, so innig, daß er froh und wohl bleiben und bald wiederkommen möge, daß Augusts Festigkeit fast an dieser süßen, verführerischen, Herzlichkeit gescheitert wäre. Natalie beobachtete ihre Schwester, in den Stunden die seiner Abreise folgten, genau; sie fand sie den ganzen Tag träumerisch, und erröthend, wenn man sie aus diesen wehmüthigen Träumen aufrief; aber sie verstand die Kunst, unbemerkt ihre Geschäfte zu verdoppeln und ihre Empfindungen so sanft auf andre Gegenstände hinüber zu leiten, daß Elise mit den Erscheinungen ihres eignen Herzens unbefreundet, und frei von der Unruhe der Liebe blieb. Ihr Andenken an August war heiter und süß; ihre Sehnsucht nach ihm ruhig, und so blieb der schöne Friede ihres Gemüths ungestört.
Natalie ward in dem Zusammenleben mit ihr von Tag zu Tag friedlicher und liebevoller, aber eben diese Stille ihres Wesens machte es ihr fühlbar, wie viel sie noch vom Leben zu fordern habe. Sie versank nicht wieder in Unmuth und Verzweifelung; doch eine geheime, hoffnungslose, und doch so innig sehnsüchtige Wehmuth, vor der die Gesundheit der Seele, der Friede des Herzens, schwanden, ergriff sie; sie bebte, von neuem irre zu gehen, und suchte ernstlich einem Ausweg aus dem Labyrinth ihrer innern Verworrenheit. Sie wollte gerettet seyn, wie sie vor dem Tode ihrer Mutter zu Grunde gerichtet seyn wollte — doch vergeblich forschte sie nach einer Hoffnung, auf die sie liebend und vertrauend das Glück ihres Lebens gründen könne. Die Klippe, an der die Ruhe, der Werth, der edelsten weiblichen Naturen so oft scheitert und sie zum Spielwerk deren macht, die ihnen nie hätten nahen dürfen, ist diese nie erstorbene Sehnsucht nach Liebe, im reinsten, edelsten Sinn des Wortes, die im Busen des Weibes wohnt. Der Mann hat, ohne das Weib, im Leben die feste Haltung voraus — ohne Grazie, ohne Schönheit, doch edel, fest und groß, geht er, der Starke, auch einsam durch das Leben — aber was ist ein Weib ohne Liebe? — ein Räthsel, das nur sie zu entwirren, ein Wesen, das nur sie zu erklären und zu verklären vermag. — Welches Weib bliebe auf der Höhe eines Standpunktes, wo es das ruhige Bespiegeln in der Liebe des Mannes, das Einswerden zweier Naturen in Liebe und durch Liebe, zu entbehren vermöchte, noch Weib? Und ohne diese tiefere mystische Einswerdung zweier Seelen, wird kein weibliches Wesen je erfahren, wozu es gebildet und entfaltet werden kann. Liebe in diesem Sinn, bleibt der höchste Gewinn für das innre geistige Leben des Weibes, den die Erde zu bieten vermag, und dies Höchste, Schönste und Freieste im Leben, lag nur als dunkle Ahndung in Nataliens, vergeblich nach Licht und Harmonie strebender, Seele.
Ihr jetziges Leben war auf Resignation und Entbehrung gegründet, und glich so wenig der geistigen Gesundheit, wie der Zustand eines durch Arzenei erhaltenen Kranken der körperlichen.
Ach, durch die ganze Schöpfung floß ein Quell, aus dem die Natur jedem empfindenden Wesen Tropfen zutheilte; sollte sie allein auf immer von ihm verwiesen seyn? — Sie gieng zu allen andern Quellen zurück, aus denen ihr nach der Ansicht der Menge, Glück fließen konnte — aber ihre ganze Seele sträubte sich jetzt gegen den armseeligen Genuß von Schimmer und Glanz — und wenn eine Welt bewundernd zu ihren Füßen gelegen hätte, so hätte diese Huldigung die Sehnsucht ihres Herzens auch nicht auf eine Minute nur zu betäuben vermocht. Auf der einen Seite sah sie, im Leben, jene Geistigkeit ohne Glauben, ohne Liebe, welche sie einst irre geführt hatte, und auf der andern, die Beschränkung einer unbefangnen Kindlichkeit und einer zufriedenen Einfalt, der sie nun einmal entwachsen war. — Aber aus der Mitte dieser Extreme, deren Bild ihre Vergangenheit ihr bot, strahlte ein heller unvergeßlicher Zeitpunkt ihres Lebens hervor — ach, wenn die Liebe schon als Schmerz um einen Todten die schönste, göttlichste Erscheinung ihres Lebens war, was konnte, was mußte sie ihr dann nicht werden, wann sie lebend der Lebenden begegnete? — Sie erkannte es jetzt, daß sie Rudolf nie geliebt hatte, daß nur innige, zärtliche Freundschaft sie an Rhode band, und fühlte es in der Einsamkeit und Stille ihres jetzigen Lebens tiefer und tiefer, daß nur Liebe ihr Herz zu heiligen, und sie zur Einigkeit mit sich selbst, zum Frieden mit der äußern Welt, zurückzuführen vermöge.
Sie hörte sich von Allen, die sie umgaben, geliebt nennen, allein man nahte sich ihr nur mit Anerkennung ihrer Ueberlegenheit, und raubte dadurch dieser Annäherung den schönsten Reiz für Nataliens Herz, das ja unter der fremden Bewunderung früher schmerzlich erkältet war, bis ihre heißen Thränen es wieder aufthauten. — Sie that Vielen wohl — sie half in der Nähe, wie in der Ferne, und jeder Unglückliche, jeder Bittende konnte bei ihr auf Theilnahme und Gewährung rechnen; die Wohlthätigkeit vermag aber nur das Glück eines befriedigten Herzens zu erhöhen; nie wird sie die Sehnsucht eines unbefriedigten anders als augenblicklich zu beschwichtigen vermögen. Man muß die Menschen, denen man wohlthut, lieben und achten, um sich in der Sorge für sie glücklich fühlen zu können, und das that Natalie nicht. Wer in den Kreis fremder Bedürfnisse tritt, wird den Menschen fast immer klein finden, und wer Vielen Gutes thut, wird selten Achtung vor den Menschen bewahren, weil er jedes höhere Bedürfniß von dem Mangel des niedern so erstickt findet, daß er fast an dem Daseyn desselben zum Zweifler werden muß.
Augusts und Elisens Liebe trat jetzt mit dem Zauber der schönsten Wirklichkeit vor sie hin und schmerzlich ergriff sie das Gefühl, was das Leben ihr hätte gewähren können, wenn sie nicht, um seinen schönsten Gehalt betrogen, denselben zu früh verloren gegeben hätte. — Jetzt hatte sie keine Hoffnung mehr, den seeligsten Göttertraum des Lebens hienieden zu träumen. — Sie konnte noch lieben — aber konnte sie noch geliebt werden? —
Das üble Befinden ihres Vaters und ihre eigne Kränklichkeit vermehrten sich mit dem Frühling, und der Arzt verordnete beiden den Gebrauch des Doberaner Seebades. Natalie trat diese Reise mit einer ihr durchaus räthselhaften, freudigen Bangigkeit an, die ihr oft als Ahndung erschien.
Ihr Vater fand in Doberan zufällig mehrere alte Bekannte, und gleich in den ersten Tagen wurden sie in einen Zirkel von Menschen und Vergnügungen gezogen, der sich täglich erweiterte. Nataliens Reiz, ihr Geist, und der Ruf ihres ansehnlichen Vermögens erwarben ihr vielen Beifall, und sie sah sich bald von einem Männerschwarm umgeben, unter dem sie vergebens nach einem antwortenden Laut auf die Stimme ihrer Seele umher horchte, — so ward sie von Tag zu Tag stiller und wehmüthiger.