Gewaltsam mußte man sie am andern Tage von der geliebten Leiche fortreißen — zum letztenmal ruhte ihr Auge auf diesen, unter dem Frost des Todes, erstarrten Zügen — sie schnitt eine seiner blonden Locken ab, und wie sie diese an ihrem Herzen verbarg, ergriff sie der Gedanke: so wird dir ewig alles schwinden, was du liebst — auch Er war nur eine fliehende Erscheinung, und weil Deine Hand, Unglückliche! ihn faßte, mußte er vor ihr abfallen ins düstre Grab hinein! — so furchtbar in seinem düstern Grausen, daß sie bewußtlos niedersank.

O wie gerne hätte sie ihr Leben als Todtenopfer mit in seine Gruft gesenkt! — Sie wurde ungerecht gegen ihre bisherige schöne, ruhige Liebe, und glaubte, ihn nicht genug geliebt zu haben. Es erschien ihr daher jetzt als Pflicht, jedes Zureden der Vernunft, jeden Trost der Ergebung, von sich zu weisen, und sie gab sich, nach ihrer Zuhausekunft, ganz und ohne Rückhalt dem stummen, gewaltigen Schmerz hin, mit dem sie in Rhoden nicht allein den Geliebten, sondern auch den Mann verlor, an dessen Leben jeder edlere Plan des ihrigen gebunden war, und fand nur in der Freiheit, ihre Thränen unversiegbar strömen zu lassen, Linderung.

Ach sie wußte noch nicht, daß diese nicht bloß physisch schaden! Der Mensch schätzt die Gabe, Thränen vergießen zu können, nicht eher, bis er diesen Wundbalsam wunder Herzen entbehrt und dann von den früher vergoßnen Thränen, wie von den Thränen seiner Kinderjahre, sagen muß: ich hätte euch für einen tieferen Schmerz, für eine unvergänglichere Trauer, aufsparen sollen! — Es kommt hienieden eine Zeit, deren sparsamere Thränen nicht mehr zu Tropfen aus dem Lethe werden und wo, so wenig im Gemüth als im Gesicht, die Züge des Kummers sich wieder verwischen. Ach, für diese dunkle, finstre Zeit, wo der Mensch mit thränenlosem Auge auf die entblätterten Gefilde seiner jugendlichen Vergangenheit und in die Irrgänge einer hoffnungslosen Zukunft blickt, sollten wir unsre Thränen sparen, und in der Jugend, deren Wunden sich, wie die der Homerischen Götter, leicht und spurlos schließen, lieber einen unterdrückten Schmerz hinnehmen, als eine Thränenquelle erschöpfen! —

Natalie hatte Neigung, Vertrauen, innige, herzliche Achtung für Rhoden empfunden; sie hätte ihn wahrscheinlich glücklich gemacht und wäre glücklich geworden; aber sie täuschte sich jetzt über ihre Gefühle, indem sie die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes für Leidenschaftlichkeit der Empfindung nahm, und sich selbst sagte: sterben mußte er, damit mein verstocktes Herz erfahre, wie es ihn liebte! — Aber wenn dem Lebenden die Fülle meiner Liebe verborgen blieb, so soll sie ihn nun in sein Grab begleiten, und mein ganzes Leben werde ein einziger, langer Trauergedanke an ihn! —

Diese gewaltsame, durch die ganze Macht ihrer Phantasie fast wissentlich verstärkte, Spannung ihres Gemüths konnte nicht dauern; die Natur kämpfte um ihre Rechte, und eine gefährliche Krankheit drohte mehrere Wochen ihrem Leben Gefahr. Die Kunst eines geschickten Arztes, ihre Jugend, und Elisens Pflege retteten sie. Sie genas; aber die Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes hatte sich an der körperlichen Ermattung dieser Krankheit gebrochen, und ihr blieb nur ein zärtliches Andenken, eine stille, wehmüthige Erinnerung an den Verlornen zurück, die, ohne jene frühere Spannung, für ihr innres Leben zum Seegen geworden seyn würde. Allein mit jenem ersten gewaltigen Schmerz verglichen, schien ihr ihre jetzige Trauer eine Kälte, die sie sich zum Vorwurf machte, und die wieder einen finstern Schatten auf ihr Leben warf.

Also auch mein Herz, sagte sie sich selbst, ist keiner Liebe fähig, und vergeblich hoffte ich von ihm eine Treue, die dem Menschen nicht gegeben ist. — O wenn je eine Liebe auf Ewigkeit ihrer Empfindungen rechnen durfte, so war es diese, die ein Verklärter, wie eine Blüthe aus jener Welt, scheidend in mein Herz senkte. — Vergessen werde ich ihn nie, werde noch lange Thränen um ihn haben, wie sie die Freundschaft, die Zärtlichkeit weint; aber jene schönere, heißere, die ganze Seele ausfüllende Liebe, mit der ich, vor dieser Krankheit, um ihn trauerte, ist dahin, und ich strecke vergeblich meine Arme nach ihr, als nach dem edelsten, köstlichsten Gefühl meines Lebens, aus! — Wie viel lieber möchte ich, daß ihre Stärke mein Herz bräche, als daß es, wie jetzt, heilt, weil sie sich ihm entfremdete.

Natalie irrte. Nicht diese für das fliehende Leben zu schmerzliche Trauer um den Verstorbenen war es, was sie jetzt vermißte, sondern jener gefährliche und doch so verführerische Genuß, den die Leidenschaft einem kräftigen Gemüth bietet, und der uns, einmal gekostet, jedes friedlichere Glück verleidet. Sie hatte dieses Gift nun noch dazu unter der anziehenden Hülle des geistigen Schmerzes kennen gelernt. Auch trauerte sie jetzt noch um Rhoden, wie sie ihn im Leben geliebt hatte, ohne Schwärmerei, mit stiller, wahrer Empfindung. Aber die Aenderung ihres Sinnes, die Erhebung ihrer Seele, die Rückkehr zu ihren alten Tugenden, die am Sterbebette ihrer Mutter in ihr aufging, war nur begonnen, nicht vollendet, und die Verläugnung aller sanften, einfachen Gefühle, zu der sie sich früher gezwungen hatte, rächte sich nun an ihr, und sie ging — das gewöhnliche Loos des Menschen — von einem Irrthum zu dem entgegengesetzten über, ohne die in der Mitte liegende Wahrheit zu berühren. Ehmals lebte sie nur in ihrem Geiste und im fremden Beifall; jetzt hingegen, wo ihr Herz aus seiner langen Unterjochung mit jugendlicher Neuheit und Kraft der Empfindungen erstand, und seine so despotisch verkannten Rechte geltend machte, wurden ihr diese zum höchsten und einzigen Gut des Lebens.

Doch verdankte sie dem Schmerz, den sie empfunden hatte, den unverrückten Blick auf das Ziel moralischer Erhebung, das sie nie wieder aus den Augen verlor, so oft sie auch noch irre ging. Die zunehmende Kränklichkeit ihres Vaters, und die Trauer, die sie um Rhode trug, berechtigten sie, in ihrer Familie und einem kleinen Kreise geprüfter Freunde, sehr einsam zu leben. Rhode hatte sie in seinem Testament zur Besitzerin von seinem Gute ernannt, und sie fühlte die Verpflichtung, ihm, durch den Wohlstand und die sittliche Cultur ihrer neuen Unterthanen, ein seiner würdiges Monument zu setzen. Da sie jetzt, in ihrem zwey und zwanzigsten Jahr, für mündig erklärt wurde, hatte sie auch mit keinem Hinderniß, bei der Ausführung ihrer wohlthätigen Pläne, zu kämpfen.

August wurde nunmehr, nach geendigten Universitätsjahren, von seinem Bruder erwartet, um mit ihm den Plan zu seinem künftigen Leben zu verabreden. Natalie forderte ihm jetzt, mit festem Hinblick auf ihren für Elisens Glück entworfenen Plan, das Versprechen ab, daß er diese, seine Liebe so wenig errathen als ahnden lassen wolle.

„Elisens Ruhe“ schrieb sie ihm, „ist ein heiliges, mir anvertrautes, Gut, von dem ich meiner seeligen Mutter und meinem eignen Herzen die strengste Rechenschaft schuldig bin. Ich wünsche Sie beide mit einander vereinigt zu sehen: aber Sie, lieber August, sind noch weit von dem Zeitpunkt entfernt, wo Sie ihr Ihre Hand werden bieten können. Ihre Kenntnisse, Ihre Talente sollen Ihnen erst den Weg zu einem Amte bahnen; wir sind berechtigt, das Beste hoffen zu dürfen; aber dem ungewissen Erfolg dieser Hoffnung dürfen Sie und ich die Ruhe meiner Schwester nicht Preis geben. Sie werden sie nach erfolgtem Geständniß verlassen, um in die Schranken zu treten und um den Preis zu ringen. Diese Thätigkeit sichert die Gesundheit Ihres innern Lebens — nicht so bei Elisen, in der Stille ihrer Existenz. Die Empfindung, die für Sie eine Schule der schönen Menschlichkeit seyn würde, deren Blüthe, von der Liebe ungepflegt, so leicht in der Seele des Mannes verdorrt, würde für Elisen zur verzehrenden Flamme werden. Aber auch um Ihrer selbst willen fordre ich dies Opfer. Herrschaft der Vernunft, bei Reichthum des Herzens, Licht mit Wärme gepaart, kann allein meine Achtung für Sie so erhöhen, daß ich mit froher Zuversicht Elisens Schicksal in Ihre Hände lege.“