Er war wirklich etwas blaß; Natalie wollte daher nicht genauer nach dem Grund seiner Unruhe fragen, und sagte ihm lächelnd: zur Strafe für seinen Aberglauben solle er von ihrem Frühstück nur eine Tasse Kaffee, und zur Belohnung, daß sie ihn so unerwartet vor seiner Abreise noch einmal sehe, einen Kuß bekommen. Dankend empfing er beides; aber vergebens suchte er seiner Beklemmung Herr zu werden, und als er zum Abschied Natalien an sein Herz drückte, sah sie sein Auge naß werden, und er riß sich von ihr los, als solle und müsse er ihr auf immer Lebewohl sagen.
Natalie blieb wehmüthig zurück, und fühlte es lebhaft, wie lieb er ihr sey. Am dritten Tage seiner Abwesenheit kam sein Jäger auf den Hof gesprengt — Roß und Reuter dampften. — Natalien durchzuckte eine furchtbare Ahndung, und mit immer ängstlicher, immer schwerer werdenden Herzensschlägen, harrte sie seines Eintritts. Verwirrt und verstört überreichte er ihrem Vater einen Brief. Sie wagte keine Frage; aber das immer bleicher werdende Gesicht ihres Vaters mehrte noch ihre Angst.
Was ists? frug sie, als er den Brief zusammen faltete und sichtbar beängstet nach Worten suchte — sagen Sie mir gleich Alles; ich bin auf das Schrecklichste gefaßt. Todtenbleich und zitternd setzte sie hinzu: er ist gewiß sehr krank, vielleicht schon —
Nein, mein Kind, er ist auf der Jagd gestürzt, und sein, bei dem Sturz losgegangenes Gewehr hat ihn verwundet. Der Graf schreibt mir dies, um uns auf sein längeres Außenbleiben vorzubereiten.
O seine Ahndung! rief sie schmerzlich — ich beschwöre Sie, Vater, lassen Sie mich hin — gleich — den Augenblick müssen wir fort — mein Herz sagt mir’s — er stirbt, und das vielleicht schon in dieser Minute. —
Es ist auch sein Wunsch, liebes Kind, Dich zu sehen — aber wirst Du für das Mögliche dieser Zusammenkunft Kraft und Fassung haben? —
Fassung? — o Gott, ich fürchte, es wird mir nur zu viel Zeit zu Thränen bleiben! —
Der Vater begleitete sie zu ihm. Sie war auf dem ganzen Wege tief in sich gekehrt und von unnennbarem Gram gefoltert.
Wer es erfahren hat, was es heißt, einen entfernten Geliebten sterbend zu wissen — jede Stunde sekundenweise mit dem Gedanken verrinnen zu fühlen: jetzt vielleicht stirbt er! — der weiß, was Natalie während dieser Reise litt. Wer es nicht erfahren hat, faßt es nicht, daß die sterbliche Natur solche Stunden an der äußersten Gränze ihrer Kraft zu tragen vermag.
Nataliens einziger Wunsch war, ihn noch lebend anzutreffen — aber sie fand bei ihrer Ankunft nur seine Leiche. Ihr Name war sein letzter Erdenlaut gewesen. —