Ach, sagte er langsam, das letztre ist hart, aber das erste unmöglich. Kann ich meiner Empfindung einen Damm aufwerfen und zu ihr sagen: Bis hierher und nicht weiter?

Lieber, junger Mann, was wäre die moralische Würde des Menschen, wenn er das nicht zu thun vermöchte? — ich weiß, wie das heiße jugendliche Herz Genuß darin findet, sich in die geglaubte Unendlichkeit seiner Empfindungen hineinzustürzen, und nur von der gränzenlosesten Leidenschaft der Liebe Befriedigung hofft. Aber noch nie hat Leidenschaft beglückt. Ich ehre die Liebe als das reinmenschlichste Band zwischen der Sinnen- und Geisterwelt — als den schönsten Traum, der vom Paradiese her in der Seele des Menschen zurück blieb. — Wie könnte auch ich, die früher schwer Erkrankte, vergessen, was sie mir geworden ist? — Ihr Zauber verschönert das Alter wie die Jugend; er mildert alle Leiden, erhebt und veredelt alle Freuden, verdeckt uns die Aermlichkeit des Lebens, und erhält uns sanft, milde und menschlich, was man ohne Liebe so leicht zu seyn aufhört. — Doch weh dem weiblichen Wesen, dem auf dem Pfade inniger, beglückender Empfindung Leidenschaft begegnet! — Unersättlichkeit ist ihr Gepräge, und nie kann sie mit der Liebe im friedlichen Genuß einer heitern Gegenwart zusammentreffen. Leidenschaft zeigt nur die Ueberspannung des Gefühls, wie Liebe den Adel desselben an. Fast allgemein, mein Freund, wird von Euch Männern in unsern Tagen die klare Tiefe eines liebenden, weiblichen Gemüths verkannt, und Euch leidenschaftlich geliebt zu sehen, ist Euch zur höchsten Gabe des weiblichen Herzens geworden. Vor diesem verderblichen Irrthum möchte ich Sie gerne bewahren, und meine Elise schützen, daß Sie nicht künftig in ihr, wie der blaue Himmel wolkenloses, Gemüth, den Nebel eines leidenschaftlichen Affekts werfen. Glauben Sie es meiner besonneren, erfahrungsreichen Ansicht, diese gewaltigen, so oft in Romanen, so selten in der Wirklichkeit, spukenden Leidenschaften entspringen nur aus einer ungezügelten Phantasie, und die heißesten Menschen dieser Art haben fast immer sehr kalte Herzen. Aber auch in der tugendhaftesten, gefühlvollsten Seele folgt der Leidenschaft, selbst im günstigsten Falle, doch die bittre Trauer über die Zerstörung einer Täuschung, die die Zeit unausbleiblich vernichtet. Gegen dies Weh ist es mir heilige Pflicht, Elisen zu schützen, und wenn Sie einst durch sie so glücklich werden wollen, als es dem lieben Geschöpf Bedürfniß werden wird, den Mann ihres Herzens zu sehen: so scheiden Sie, von heute an, von dieser Idealen einer heißen, despotisch über Willen und Vernunft herrschenden, Leidenschaft. Gründen Sie die Hoffnungen Ihrer Liebe nur auf die sanften Empfindungen eines reinen, ruhigen Herzens, eines Gemüthes voll ungetrübter Harmonie innern Friedens, und der Mann und der Greis werden mir danken, wo jetzt der Jüngling mich zu kühl und zu strenge findet.

Dies Gespräch gab August nicht nur einen Anklang für sein Leben und wurde zum Grundton seiner Verbindung mit Elisen; sondern es giebt uns auch erklärende Winke über die Art und Weise, wie Natalie, in ihren neuen Verhältnissen, Manches und Vieles in sich auszugleichen strebte, und deutet uns den Weg an, auf dem sie glücklich zu werden hoffte.

August nahm bei seinem diesmaligen Abschied die Gewißheit mit sich, Elisen im künftigen Jahr bei Natalien anzutreffen, und die Hoffnung einer Zukunft, deren Freuden verdienen zu wollen, sein ernster Vorsatz war.

Bald darauf kam Elise nach Hause. Ganz Liebe und Natur, trug ihr Sinn und Wesen das Gepräge ächter Weiblichkeit. Sie konnte in keines Menschen Auge glänzen; aber sie gewann alle Herzen, so hell strahlte Jedem ihre Güte, ihre Anspruchlosigkeit, ihr freundlicher Sinn, und die schöne Wahrheit ihres Karakters, entgegen. Mit dem Frohsinn und der heitern Unbefangenheit ihres Alters verband sie die Kenntniß der Regeln des Anstandes und der äußern Höflichkeit, deren Befolgung ihr durch Gewöhnung daran seit frühster Jugend zur Natur geworden war, ohne darauf einen Werth zu setzen, der sie zum Verdienst erhoben hätte. Mit kindlicher Liebe und schwesterlichem Vertrauen hieng sie an Natalien, die mit unbeschreiblicher Sorgsamkeit und Zartheit alles von ihr zu entfernen strebte, was sie sich selbst untreu zu machen vermocht hätte, und mit einer Verläugnung, deren wenig Weiber in ähnlichen Lagen fähig seyn würden, es sich versagte, in den Gang ihrer Bildung thätig einzugreifen, und ihr irgend eine Aehnlichkeit mit sich geben zu wollen. Sie übertrug ihr gleich einen Theil des Haushalts, und gewöhnte sie zur strengsten Ordnung und Thätigkeit. Es war nicht das Verweilen bei unwichtigen Kleinigkeiten, welches manche Hausfrau, die nie mit ihren Blicken das Ganze einer Haushaltung umfaßt, ausschließlich beschäftigt, sondern die helle, geistvolle Thätigkeit eines, nicht nur auf das sparsame Ausgeben des Erwerbs, sondern auf den Erwerb selbst gerichteten, Geistes.

Wahrlich, wir Weiber tragen selbst die Schuld, wenn wir diese Sphäre häuslicher Wirksamkeit nur mit der Lauheit des prosaischen Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu abgerichteten Maschine, zu betreiben wissen, und sie nur im kleinlichen, den Geist einengenden, Lichte sehen. Ein unverschrobener, dem Müssigang — der leider mit einem gewissen aesthetischen Luxus der Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt ist — feindlicher Sinn, findet leicht ohne Resignation in der Besorgung des Haushalts den heitern Schauplatz nützlicher Thätigkeit, die sich selbst zum Lohn wird, ohne diesen von dem Gedanken treuer Pflichterfüllung entlehnen zu wollen, der uns nur bei Pflichten andrer Art kräftigen, und nicht an solche natürliche Tugenderzeugnisse weiblicher Natur verschwendet werden muß.

Der Zeitpunkt von Nataliens Verheirathung näherte sich, und sie sah ihm mit heitrer Ruhe und froher Zuversicht entgegen. Die Ueberzeugung, daß Rhode sich, ohne alle Ueberspannung, in ihrem Besitz ganz glücklich fühlte, gewährte ihr einen Genuß, dessen sie würdig seyn mußte, um seinen Werth so innig fühlen zu können.

Jetzt kam der Graf Gimborn, ein Jugendfreund ihres Verlobten, von seinen vieljährigen Reisen, auf seine, in der Nachbarschaft gelegenen, Güter zurück. Rhode führte ihn bei Natalien ein, von der er sich die Vergünstigung erbat, ihn ihr auf einige Tagen entführen und ihn zu einer großen Jagd nach einem seiner entfernteren Güter mit sich nehmen zu dürfen. Scherzend, wie er seine Bitte vortrug, wurde sie ihm gewährt, und Rhode nahm am Abend auf acht Tage Abschied.

Am andern Morgen, als Natalie früh um fünf Uhr mit ihrer Elise im Garten frühstückte, und sich des schönen Reisewetters für den geliebten Freund freuete, trat er unerwartet zu ihr in die Laube.

Vergeben Sie mir, liebe Natalie, bat er sanft, wenn ich Sie so früh überrasche. Eine sonderbare Ahndung ängstigte mich, und da ich erst um sechs Uhr bei dem Grafen eintreffen soll, zog es mich unwiderstehlich noch vorher zu Ihnen hin. Nun werde ich ruhiger seyn, da ich Sie wohl und munter gesehen habe.