Und Sie fragen nicht einmal nach dem Namen des Originals? — fragte Natalie, nach dem Schweigen einiger Minuten. —

Glauben Sie, es bedürfe für mich noch eines Namens, um es zu erkennen? unter Tausenden hätte ich sie beim ersten Blick erkannt. —

Ueberrascht von der Wärme seines Tons und dieser Aeußerung schlug er heiß erröthend sein Auge nieder. —

Was diesem Gemälde, fuhr Natalie fort, für mich den größten Werth giebt, ist, daß Elise es selbst gemalt hat.

Sie besitzt also alle Talente wie alle Reize und Tugenden? — doch sie ist ja Ihre Schwester! — aber welchen unschätzbaren Werth muß dann dies Bild für Sie haben!

Und doch denke ich es nicht zu behalten; Elise soll sich künftig noch einmal an der Seite ihres Geliebten malen, wenn ihr Herz gewählt hat, und dann will ich von ihm jenes Gemälde für dieses eintauschen.

Elisens Geliebter! rief August bewegt — o der Glückliche, den sein Loos berechtigt, um diesen Preis zu werben! —

Natalie sah ihn ernst an, der, beklemmt und schmerzlich befangen, vor ihr stand.

August, fing sie nach einer Pause an, ich lese in diesem Augenblick in Ihrem Herzen und that es vielleicht schon früher. Meine Elise soll einst frei von jeder Zufälligkeit des Standes und des Reichthums wählen; aber der Mann, der nach ihrem Besitze strebt, darf kein gewöhnlicher Mensch seyn. Der Beifall der Menge wiegt leicht: schwerer, als ihn zu erwerben, ist es, ein Herz zu verdienen, das sich mit reiner edler Liebe einem Manne hingiebt, in dem es nicht nur die Tugenden liebt, die es an sich billigt, sondern auch alle, die ihm abgehen. Nur eine lange, fortgesetzte Uebung des Karakters, in Allem was gut, was schön, was menschlich ist, kann dieses Preises werth machen. Mit diesem Händedruck verbürge ich Ihnen meine Achtung und den Wunsch, daß der Mann einst die Hoffnungen rechtfertigen möge, zu denen jetzt der Jüngling berechtigt.

Entzückt drückte er ihre Hand an seine Lippen, und schwur, feuriger denn je, der Tugend und der Liebe ewige Treue. August, sagte sie ihm gerührt, diese Versicherung aus meinem Munde berechtigt Sie zu schönen Hoffnungen; mein Herz und das Vermächtniß meiner unvergeßlichen Mutter, geben mir auf das theure, geliebte Wesen Mutterrechte, und der einzige Weg, Elisens Hand zu erhalten, ist der Besitz meiner höchsten Achtung, die ich nur der Herrschaft eines reinen, festen Willens über alle Triebe und Neigungen zolle. Ich fordre daher von Ihnen die strengste Wachsamkeit über sich selbst, daß Ihre Liebe nie Leidenschaft werde, und dann das Leichtere, mir von heut an nie unaufgefordert von Elisen zu reden.