Vielleicht konnte nur ein großer und heiliger Schmerz Natalien von dem betretenen, immer abschüssiger werdenden, Irrpfade zurückführen — und er ward ihr. —

Ihre Mutter ward gefährlich krank, und an diesem Sterbebette fand die geliebteste der Töchter alle ihre Tugenden wieder. Natalie wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, diesem Schauplatz des rührendsten Schmerzes, und der schönsten, edelsten Liebe. Mit einer über das Grab hinausreichenden Zärtlichkeit schlossen sich Mutter und Tochter inniger und inniger an einander, je näher ihnen die unersetzlichste aller Trennungen trat. Als ein heiliges Vermächtniß legte die Mutter ihre Sorge für Elisen an Nataliens Herz und als diese, mit tausend, tausend Thränen, die treueste Erfüllung der letzten, mütterlichen Erdenwünsche gelobte: da faßte die Sterbende die verlöschende Kraft ihres Lebens in einen Blick der Liebe zusammen und bat: gieb Rhoden deine Hand — er hat dich so lange und so treu geliebt — ist so gut — gieb mir für ihn dein Ja und ich habe keinen Wunsch mehr. —

Natalie sank schluchzend an das treue Herz, dessen Liebe sie erst jetzt ganz zu fühlen und zu schätzen gelernt zu haben glaubte, und gelobte alles zu thun, was die Mutter wolle — und in dieser Umarmung trat der, von seinen Schrecken entkleidete, Tod, als milder Genius, zur Sterbenden, und berührte ihr Herz. — Da war sie gewesen, und nur die kalte Hülle noch umschlossen Nataliens Arme — nur auf ewig verstummten Lippen ruhten die ihrigen. —

Heilige Thränen, die der Mensch um seine gestorbenen Lieben weint, ihr seid befruchtender Himmelsthau für jeden Keim des Guten und des Schönen in unsrer Seele, und euer Schmerz hebt uns über alle Fußangeln und Dornen der Erde empor! Wie eine Gottheit leben die Heimgegangnen in unserm Herzen fort, und das Andenken an sie giebt dem Leben Würde, dem Herzen einen Wiederhall aus Eden, und jeder Freude einen leisen veredelnden Schauer.

Nataliens Schmerz war groß, aber fromm und der Verlorenen würdig. Sie schwur in die Hand der Todten dem Vater — der Schwester — dem Liebenden zu vergelten, was sie ihr schuldig geblieben, und ihre Trauer um sie zu heiligen durch reineren Willen und größere Kraft zur Erfüllung jeder Pflicht.

Der letzte Wunsch ihrer Mutter blieb in ihrem Herzen, und als Rhode nach einiger Zeit, begünstigt von ihrem Vater, um ihre Hand warb, ward ihm Gewährung seiner Bitte. Und als nun der biedre, ihr in der Wahrheit und Rechtlichkeit seines Karakters sehr achtungswerthe Mann, am Verlobungstage so froh beglückt, so unaussprechlich zufrieden, von ihr schied, fühlte sie, daß sie ihm ein schöneres Glück gewähren könne, als sie sich es zugetraut hatte, geben zu können. Sie hatte sich seit dem Tode ihrer Mutter ganz aus ihren glänzenden Zirkeln zurückgezogen, und erneuerte jetzt das Gelübde, Rhoden glücklich zu machen, allen Schimmer überflügelnden Wissens und eitlen Glanzes von sich zu werfen und nur für den Gatten und für stilles einfach-häusliches Glück zu leben. Ihre Verbindung ward auf ein Jahr ausgesetzt, damit sie Elisen, bei ihrer bevorstehenden Rückkehr aus der Pension, in diesem Zeitraum zur Führung des väterlichen Haushalts anweisen könne.

Nataliens Leben hatte nun wieder einen Zweck, und sie ward von Woche zu Woche in ihrem Innern ruhiger, und einfacher in ihrem Aeußern. Ihre Freundschaft für Rhode wurde in ihrem jetzigen Verhältniß zu ihm, eine klare, sanfte Neigung, der sie mit ungetrübter Zuversicht ihr künftiges Leben anvertraute.

Einige Monate nach ihrer Verlobung kam August zum Besuch nach Nataliens Wohnort. Sie fand den Jüngling edel und rein, wie er von ihr geschieden war, wieder, und empfing ihn mit achtendem Vertrauen und schwesterlicher Neigung. Die vortheilhaftesten Zeugnisse seiner Lehrer bürgten für seine Talente und seinen Fleiß, und in sich selbst trug er die Bürgschaft für seinen Karakter und für sein Leben. Mit weiblicher Feinheit forschte Natalie nach seinen weiblichen Bekanntschaften und nach dem Grad des Interesses, den er für sie fühle, und er gestand ihr erröthend: sein Herz bewahre seit lange ein Bild, welches ihn gegen den Eindruck jedes andern weiblichen Reizes schütze, ob er gleich nicht hoffen könne, es je anders als stumm und unerrathen lieben zu dürfen. — Nataliens Auge ruhte voll milden Ernstes auf ihm — die Hoffnung, in ihm den künftigen Gatten ihrer Elise zu sehen, war bei seiner jetzigen Anwesenheit bestimmter Wunsch geworden.

Ich habe Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen, fing sie, wie ablenkend, an, und trat zu ihrem Schreibtisch: Können Sie rathen, was? fuhr sie lächelnd fort.

Ahndend ergriff er die dargebotene Kapsel, und versank, nach Oeffnung derselben, im Anschaun eines jugendlichen holden Gesichts, mit dem Zauber herzgewinnender Unschuld und Sanftmuth geschmückt.