Ach! keine Rückkehr ins Paradies des Glaubens ist möglich, wenn der Engel der Erkenntniß mit seinem feurigen Schwerdte den Eingang verbietet. —
Tugend? — auch das Streben nach ihr ist vergeblich, und sie selbst ein Resultat von Umständen, die der Mensch so wenig herbeizuführen vermag, als die Verhältnisse, die ihm sein Eintritt in die Welt anweiset. Die Welt um uns her ist ihr zu feindlich, und das Leben, weit entfernt, sie zu dulden, zerstört sie unausbleiblich. Die Geschichte zeigt uns an einigen Menschen einzelne tugendhafte Fähigkeiten, einzelne große, edle Handlungen — aber nur ein ganzes großes Leben kann Tugend heißen, und dies lebte keiner. Schwäche und Thorheit bemächtigten sich des Menschen bei seinem Eintritt in die Welt, und keiner, keiner, bleibt von ihnen unangefochten und selbstständig, rein und fest. Erst zeigt sich das Unwürdige außer uns in tausend mannigfachen Formen; es folgt uns auf jedem unsrer Tritte, und das oft in so verdachtloser, wohl gar anmuthiger, Gestalt, daß wir ihm das Herz öffnen, worin es denn wohnt, bis es nicht mehr schlägt.
Und Liebe? — ach, von allen Träumen, die mein früheres Leben verschönten, war der himmlischste auch der vergänglichste! — Wo ich ihr außer mir zu begegnen glaubte, wurde mein reines Hingeben, durch den Unwerth des Gegenstandes, zur lächerlichen Posse, mit der jeder mich auslachen konnte, der davon hörte. —
Einst sah ich in täuschender Aehnlichkeit das Ideal meines Herzens außer mir, und da hatte das Leben Götterglanz, mein Herz den süßen Frieden des seeligsten Glücks — aber es war nur der Widerschein der eignen Gestalt, auf der fremden, kalten Wasserfläche, die, als ich sie umfassen wollte, mich zu sich in die betrügerische Tiefe zog. —
Erstarrt kehrte ich ins Leben zurück — mein Daseyn hing an der Hoffnung, daß Liebe mir noch begegnen würde — und sieh! unter ihrem Namen trat mir Eitelkeit, Begierde, Habsucht, Sinnlichkeit entgegen. — Da versteinerte ich mein Herz, damit keine unheilige Empfindung es entweihe! —
Aber nur den Glauben an diese himmlische Dreieinigkeit konnte mir das Leben rauben — nicht die tiefe, flammende Sehnsucht darnach, die mich aufreibt und verzehrt. O könnte ich, wie Tausende um mich her, diese Sehnsucht von mir abstreifen! — könnte ich Güte, Wahrheit, Liebe, ohne diesen schmerzlichen Widerspruch meines Gemüths, leere Trugbilder schelten, und sie von mir weisen, wie die Gespenster, die meine Amme um meine Wiege stellte! — könnte ich mir wohl seyn lassen im nichtigen Spiel des Lebens, mir aneignen den fröhlichen Leichtsinn gehaltloser Unbefangenheit, und mich gedankenlos der Woge des Augenblicks anvertrauen! — Aber ich kann auch das nicht! — jene Träume sind eins geworden mit meinem Bewußtseyn, das sie mir wie einen Spiegel vorhält, so oft ich zur Beschauung meines Innern zurückkehre. —
„Und kein Ausweg, keine Hülfe! — Einsam und unerrathen steh’ ich da, und jede Frage an das Schicksal bleibt ungelöset. Jeder Monat macht mir das Gefühl innrer Verworrenheit heimlicher, und doch führt jeder mich weiter auf dem trostlosen Pfad. —“
„Einst hätte ich noch aus eigner Kraft umkehren können — einst konnte ich wieder einfach, milde, gut und glücklich werden — nun ist es zu spät. — Und so nur vorwärts, ohne Zweck, ohne Ziel, immer vorwärts, wie das Thier, das mit verbundenen Augen, das Spiel einer ihm unbekannten Macht, die fremde Maschine im ewigen Kreise treibt.“
Ach laßt uns milde bleiben gegen dies zerrißne Gemüth, diese in Unfrieden mit sich selbst versunkene Seele! — Wahrlich, es sind nicht die Schlechtesten unter uns, die auf diesem Wege verloren gehen! —