So sind denn also schon zwanzig meiner Lebensjahre entflohen! — die erste schöne Jugend, die Blüthe des Lebens ist mit ihnen dahin — ach! hat denn diese Blüthe mir geduftet? fallen ihre Blätter jetzt nur, damit die Frucht sich entwickle und reife? — Nein — ungenossen entflieht sie und nie kehrt sie wieder! —

Ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, verarmt an Glauben und Liebe, trete ich in dies neue Lebensjahr ein. — Mein Innres liegt in Ruinen, über denen düster der Geist finstrer Lebensbeschauung schwebt.

O wie kann der Mensch so mit Bewußtseyn, so bei vollem physischen Leben, sich selbst geistig so absterben! Woran soll ich in mir das Wesen wieder erkennen, das ich vor sechs bis sieben Jahren war? Ein widriges Gift nagt an meinem Geiste — ich fühle, wie es meinem Herzen, dem Mittelpunkt des Lebens, näher und näher schleicht; aber mir fehlt, mit der Kraft, der Wille, seinen Sitz aufzuspüren, und das Gegenmittel, ihm zu begegnen. —

Nichts gleicht dem Schmerze, mit dem wir in der Natur einsam und gespensterartig umherwandeln, wenn wir den Glauben an die Seele derselben verloren haben, und sie uns nun nichts weiter ist, als ein zweckloses Maschinenwesen, ein Kreislauf, der nur Leben schafft, damit der Tod zu würgen habe. Was ist die Harmonie des Weltalls ohne einen Hörer? — und wenn sie dieses Hörers bedarf, um Seele und Bedeutung zu erhalten — ach, dann sind ja diese wieder nur von ihm entlehnt? — ich habe ihr nichts mehr zu geben, das mir aus ihrem Spiegel zurückzustralen vermöchte, und so ist sie für mich nur ein todtes Farben- und Sinnenspiel, aus dem mich kein heiliger Geist der Liebe mehr anredet. Ich fühle mich von ihr gestoßen, von ihr gerissen, und darf nirgends, nirgends, fragen, warum ich es bin? — wer kann, wer mag mit einer blinden, willenlosen Nothwendigkeit rechten?

Aber wenn neben meinem jetzigen Verstummen die Erinnerung der Zeit vor mich tritt, wo sie mir Hieroglyphe des seeligsten, vertrauungsvollsten Glaubens war, dann möchte ich Flügel nehmen und von Himmel zu Himmel, von Orionen zu Orionen fliegen, und suchen, dem ich klagen könnte, klagen dürfte, — möchte niedersinken und stammeln: Vater, hier bin ich! verstoße mich nicht wieder! —

Aber sie sind zerschnitten, diese Bande, die mich an diesen Glauben knüpften — das verrätherische Spiel der Kräfte ist in mir geweckt, und kein Machtspruch meines Willens vermag es mehr zu enden. —

Daß der Mensch, beim Eintritt in dies Leben, vom Schmerz empfangen wird, daß tausend Leiden ihn umringen, daß der Tod seinem Herzen Wunden schlägt, die unvernarbt bluten, bis er sie schließt, sollte mich nicht an der unsichtbaren Hand irre machen, die das Schicksal leitet. — Aber der Zweifel, vor dem der Glaube erstarrt, die Farbe des Lebens schwindet und die ganze große Natur nur ein Abgrund wird, in dem alles Daseyn zwecklos untergeht, ist der, daß der Mensch elend ist, elend wird, durch sein Sehnen nach Tugend und Liebe — daß beide ihm nie erscheinen — die edelsten Wünsche seiner Seele unbefriedigt, seine edelsten Anlagen unentwickelt bleiben — daß er, um das einzige ihm erreichbare Glück zu erreichen, nichts wie Thier seyn und bleiben muß. —

Wahrheit, Tugend, Liebe — ein heiliger Traum von eurer himmlischen Dreieinigkeit war einst in meinem Herzen — ihr waret das Ziel, dem ich jede Kraft meines Geistes, meiner Seele, weihte — wie Geistersonnen erhelltet ihr mir meinen Pfad: aber da stiegen die Nebel des Lebens vor mir auf, und sie zogen sich schwärzer und schwärzer zwischen euch und mich, bis ihr, verdunkelt und verschwunden, mir zu trügerischen, phantastischen Schöpfungen des eignen Herzens wurdet. —

Wahrheit! — Deine Göttlichkeit schwand mit dem entschleierten Wahn, der mir für Dich gegolten hatte. Was unschuldig und einfältig in meiner Seele ruhte, wurde durch die Weisen und Philosophen unsrer Zeit frech ans Licht gezogen und von allem Wahn gesichtet und geläutert, bis ihm die Seele entfloh, und nur ein todtes Wissen zurückblieb, das keines der Bedürfnisse meines Herzens zu befriedigen vermochte.

Da wollte ich diesen Weg verlassen und zu meinem Gefühle zurückkehren. Wo und wie aber seine Wahrnehmungen von den Täuschungen der Phantasie sondern? — Wahrheit des Gefühls war es, als früher meine Seele die Welt in der schönen Verklärung der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung sah. — Wahrheit des Gefühls war es, als es später wie ein höhnischer, spottender, verächtlicher Traum vor mir lag. — Beide Ansichten gingen aus demselben Herzen, demselben Gemüth hervor — welche Ansicht ist nun die wahrste? — wie kann ich einer Welt trauen, deren Ansicht von dem Widerschein einer ihr ganz ungleichartigen abhängt? — wie kann das Gefühl, von dem beide Ansichten ausgiengen, zwischen ihnen über ihre Richtigkeit und Wahrheit entscheiden? —