Gewisse Saiten der weiblichen Empfindung sind so fein, daß sie nur in den unsichtbarsten Schwingungen ansprechen — ihre Bebung aber durch kein Wort ausgesprochen werden darf.

Nataliens Augen wurden naß, als sie das kleine holde Geschöpf, das schmeichelnd seine Arme um ihren Nacken schlang, an ihr Herz drückte — schluchzend sank Louise in ihre Arme — und in dieser Umarmung ohne Worte fanden sich zwei Herzen wieder, die beide eines schöneren Looses würdig gewesen wären. Louisens Unglück schärfte Nataliens Verachtung gegen Rudolf aufs bitterste, und sie hätte ihr Herz lieber zerdrückt, als ihn auch nur auf einen Moment errathen lassen, daß das Gewicht der alten Ketten sie noch zuweilen drücke. Wochenlang hatte sie ja auch schon im Voraus auf ihre Rolle gegen ihn studirt, und der ihr bis zu diesem Zeitpunkt fremde Genuß der Kräfte, die sie jetzt nützte, wurde ihr Entschädigung für den Zwang, den sie sich auflegte. Der Hochzeitstag seines Bruders näherte sich. Am Polterabende desselben erschien sie, in einem, dazu von ihr verfertigten Singspiel, reizender denn je. Die theatralische prachtvolle Kleidung, die vortheilhafte Beleuchtung, ihr himmlischer Gesang, und das sinnvolle Spiel ihrer glänzenden Rolle, hüllten sie in einen Nimbus, der alle Augen blendete. Die ganze Versammlung sah nur sie, und Alles, was sie umgab, schien seine Stelle nur einzunehmen, um von ihr überstralt zu werden. Rudolf fühlte mit bitterm Unmuth, was er in ihr von sich gestoßen hatte, und als sie am Schluß allein vortrat und das Stück mit einer Anrede an das Brautpaar schloß, hieng sein dunkler Blick, leidenschaftlicher glühend, als in den schönsten Tagen ihrer Vergangenheit, an ihr. Unwillkührlich fortgerissen, wurde das Lob, das er ihr sagen wollte, zu so leidenschaftlichen Worten, daß es sie berechtigte, ihre tiefe Verachtung seiner und den so lange bezwungenen Unmuth in den Blick zu legen, mit dem sie sich schweigend von ihm wandte. —

Sie sah den Uebermüthigen, wie vernichtet, vor sich stehen — sie hatte sich diesen Triumph gewünscht, darnach gestrebt — aber mit dem Augenblick seines Genusses entfloh ihr der Genius schöner zarter Weiblichkeit und sie hörte auf, besser zu seyn, als ihr Schicksal!

Sie kehrte mit ihren Eltern zurück, aber ihr verletztes Selbstgefühl, das Bewußtseyn, unwürdig gehandelt zu haben, verfolgte sie; sie haschte, um es zu betäuben, immer eifriger nach dem Genuß befriedigter Eitelkeit, und ihr früheres Beruhen auf eignen Werth entfremdete sich ihr ganz. In dem Zirkel von Hof- und Weltleuten, worin sie jetzt fast ausschließlich lebte, konnte ein Geschlecht, das sie in Rudolf verachten gelernt hatte, ihre Achtung nicht wieder gewinnen; sie hielt sich berechtigt, die Männer zum Spiel ihres launenvollen Uebermuthes zu machen, und fühlte nicht, daß sie sich ihnen zum Spiel hingab, weil der Beifall dieses Geschlechts ihr durch den Aufwand von Geist und Kunst, den sie es sich kosten ließ, ihn zu erwerben, zum Höchsten ihres gehaltlosen Lebens geworden war.

Ihre Eltern wünschten, sie verheirathet zu sehen, und mehrere der angesehensten und rechtlichsten Männer warben um ihre Hand, die sie allen versagte, voll des entschiedendsten Widerwillens, sich je ein Verhältniß dieser Art anzueignen. Unter den Schaaren ihrer Anbeter zog mancher sie an; aber bis zum Herzen drang dieser Eindruck nie. Alle beugten sich unterwürfig vor ihrem Geiste, und huldigten der Herrschaft, mit der sie mehr eroberte und unterjochte, als einnahm und gefiel, und diese Unterwürfigkeit, dies Eingehen in ihre Launen, und die Ansichten, die sie zur Schau trug, ohne daß es wahrhaft ihre Ansichten waren, haßte sie. In ihrer Seele lag die Ahndung eines Wesens, von dem ihr Glück, Genesung, Trost, Veredlung kommen könne, dessen Liebe die Verstimmung ihres Innern in Harmonie aufzulösen vermöge. Sehr bestimmt fühlte sie, diesem Wesen noch nicht begegnet zu seyn; aber sie hielt sich auch nicht mehr der Hoffnung werth, es zu finden. Was konnte sie einem solchen Wesen noch seyn und werden? — Zu edel einst, um nicht selbst ihre jetzige Unweiblichkeit zu fühlen, die Genuß darin suchte und fand, nicht Einem, sondern Allen zu gefallen, sagte sie es sich selbst, der Mann, den sie ihrer Liebe würdig fände, könne nur noch mitleidig in ihr auf die Spuren dessen herabblicken, was sie ehmals war.

Von allen ihren männlichen Bekanntschaften wurde auch nur eine zur bleibenden Erscheinung ihres Lebens, und zugleich Beweis, wie zart sie, trotz der eignen Verstimmung, jede Blüthe einer fremden schönen Individualität ehrte. Der Prediger ihres Dorfes hatte einen jüngeren Bruder, August, dem die Natur zu einem heißen schwärmerischen Herzen das Gegengewicht eines tiefdenkenden Geistes, und ein seltnes Gleichgewicht zarter reiner Empfindung und der Anlage zu ernster Karakterfestigkeit, schenkte. In ländlicher Stille und Einsamkeit von seinem Vater erzogen, trat er jetzt, in seinem achtzehnten Jahr, in eine ihm nur aus seinen Büchern bekannte Welt. Er sollte, ehe er die Akademie bezog, noch einige Monate bei seinem Bruder zubringen, um von dessen Einsichten seine gesammelten Kenntnisse ordnen und sich zur Benutzung der neuen Quellen des Wissens, die ihm binnen kurzem geöffnet werden sollten, Anleitung geben zu lassen. Hier lernte er Natalien kennen. Dem mit Dichterideen vertrauten Jüngling, der von ihrem Geschlecht nichts, als einige ungebildete Prediger- und Pächtertöchter kannte, erschien sie wie ein höheres, durchaus idealisches, Wesen. Ihr Stand und der Luxus ihrer Umgebungen vergrößerten noch die Scheidewand zwischen ihnen, und sicherten ihn vor jedem gefährlichen Eindruck. Natalie fand ihn bald in seinen Kenntnissen und seiner rein poetischen Natur auf, und zeichnete ihn durch freundliche Güte aus. Der Prediger, der sie sehr schätzte, bat für August um die Erlaubniß, ihr elterliches Haus oft besuchen zu dürfen, damit er künftig nicht ganz als Neuling in das gesellige Leben eintrete, und August fand nun Gelegenheit, Natalien fast täglich zu sehen, und das nicht bloß im größern Zirkel, wo sie nur blendete und ihm immer fremd geblieben seyn würde, sondern auch im Familienkreise, und mitunter auf ihrem einsamen Zimmer. Sie ließ sich oft von ihm vorlesen, und knüpfte an das Gelesene Gespräche, in denen sie ihm, mit der zartesten Achtung für seine poetische Ansicht des Lebens, die sie an dem frischen, jugendlichen Gemüth liebte und ehrte, den Schatz ihrer Welt- und Menschenkenntniß öffnete, und mit Verhüllung ihrer düstern Ansichten und bittern Erfahrungen, ihn nur darauf hinwies, poetische Menschen, von den Besten, Weichheit, von Zartheit des Gefühls, Spannung der Leidenschaft, von Kraft und Energie unterscheiden zu lernen. Die innere Bestimmung des Menschen, den hohen Werth des Selbsts, die Kleinlichkeit des Ichs, zeigte sie ihm aus den mannigfaltigsten Gesichtspunkten, als das höchste Kleinod aller Spekulation des Gedankens, aller Bildung, und benutzte die rege Empfänglichkeit des Jünglings für die Lehren eines reizenden weiblichen Wesens, um seine Begeisterung für Liebe, Wahrheit und Pflicht zu läutern und zu nähren. Es that ihr unbeschreiblich wohl, Wahrheiten, deren Läugnen sie nur im Begriffe mit sich herumtrug, ohne daß ihr innerstes Gefühl ihnen je untreu wurde, das Wort zu reden, und sie gewann den Jüngling, in dieser Sorge für seine Bildung, schwesterlich lieb, und freute sich der Unbefangenheit, mit der sie ihm das zeigen durfte.

Elise war in der langen Entfernung dem Herzen ihrer Schwester nicht fremd geworden. Natalie besuchte sie jährlich, und hieng mit mütterlicher Sorge und Liebe an dem Wunsch, sie vor den Abwegen zu bewahren, auf denen sie selbst verirrt war, und sie ganz für einfaches häusliches Glück zu bilden. Zufällig erwähnte sie ihrer einigemale mit großer Innigkeit im Gespräch mit August, und dieser, den die zärtliche Ehrfurcht, die Begeisterung, mit der er an Natalien hing, in einen, ihm bisher fremden, Rapport mit dem ganzen Geschlecht gesetzt hatte, faßte Elisens von ihr entworfenes Bild mit einer Wärme auf, die in Natalien zuerst den Gedanken an die Möglichkeit einer künftigen Verbindung beider weckte, mit dem sie, je öfter er sich ihr darstellte, immer vertrauter ward. Vorsätzlich heftete sie jetzt die Phantasie des Jünglings auf Elisens Bild, und führte sie auch seinem Herzen näher, indem sie ihm einige ihrer Briefe lesen ließ, in denen das Herz eines Engels und die Kindlichkeit der süßesten Unschuld sich aussprach. Nataliens Schwester hätte ihn immer interessirt; aber die Schreiberin dieser Briefe würde er geliebt haben, wäre ihm auch ihr Name unbekannt geblieben. Natalie freute sich dieses sichtlichen Eindrucks, und sorgte jetzt, mit der vollen Unbefangenheit und Freimüthigkeit einer Schwester, für ihn. Sie verschaffte ihm, als er zur Universität abging, Empfehlungen an mehrere der angesehensten Häuser, und an einige der geschätztesten Professoren, und man war es zu gewohnt, sie mit Rath und That thätig zu sehen, wo sie nützen konnte, als daß man diese Theilnahme befremdend gefunden und sie mißverstanden hätte. August fand daher durch ihre Vermittelung Zutritt in die gebildetesten Zirkeln seines neuen Aufenthalts, und Nataliens Andenken und Elisens Bild gingen mit ihm als Schutzengel durch Jahre, die nur zu oft des Jünglings Werth und Glück zerstören. Er schrieb Natalien oft, und die Rechenschaft seines Lebens und des Fortgangs seiner Bildung, die er in diesen Briefen niederlegte, erhielt ihm eine Grazie der Sittlichkeit und der Empfindung, die in dieser Reinheit den mehrsten Männern zur Fabel geworden ist.

Rhode kam jetzt nach mehrjähriger Entfernung in sein Vaterland zurück, und kaufte sich in der Nähe von Nataliens Wohnort das schöne, romantisch gelegne Gut, Nepernitz. Nataliens Bild hatte ihn auf seinen Wanderungen begleitet, und führte ihn jetzt in seine Heimath zurück, wo er sie, wie ihn dünkte, reizender und liebenswürdiger, als er sie verlassen hatte, wiederfand. Auch Natalie sah mit Vergnügen den ältesten und treuesten Freund ihrer Jugend wieder; aber trotz der größeren Gewandtheit und Politur, die ihm diese Reise gegeben hatte, ging die stille herzliche Liebe, zu der sich seine Neigung für sie ausbildete, in ihrer einfachen Wahrheit für Natalien verloren, die es zu gewohnt war, das häusliche Leben und die Ehe mit dem häßlichen Zusatz von geistlosen Umgebungen und gänzlichem Mangel an schöner Natur und Poesie, in der langweiligen Einförmigkeit zu sehen, die leider nur zu oft das reinste und schönste aller Erdenverhältnisse entstellen.

Wie tief sie überhaupt verletzt war, wie schmerzlich sie die Disharmonie ihrer Lebensweise und ihres Gemüthes, ihrer Ansichten und ihrer Empfindungen, fühlte, und welche stille, hoffnungslose Sehnsucht an der Blüthe ihres Lebens zehrte, mag uns ein Blatt aus ihrem Tagebuche enthüllen, das sie am Morgen ihres zwanzigsten Geburtstages schrieb.

den 17. December.