Was man von der Minute ausgeschlagen

Giebt keine Ewigkeit zurück. —

Natalie bebte, und lange rang sie mit Ernst gegen den Einfluß dieser Menschen auf sich; aber der Schein des Lächerlichen, den man auf ihre Vertheidigung jedes edlern Zweckes unsers Daseyns warf, machte sie stumm, und ach! diese Menschen waren glücklich und ihr Glück schien die Richtigkeit ihrer Ansichten zu verbürgen. Ermattet vom vorhergehendem Kampfe, ließ sie endlich das Gift dieser Sophistereien unbeachtet in sich fortwirken. Sie faßte das Leben und das Treiben der sie umgebenden Menschenmenge schärfer ins Auge, und ihr Blick, der bis jetzt die äußern Erscheinungen wenig beachtet und nur in der Tiefe eigner Selbstbeschauung geweilt hatte, lenkte sich jetzt auf jene hin. Sie sah nun, wie die Feinheit und Sentimentalität die ästhetische Cultur, worauf die, die sie besaßen, so eitel waren, und die sie selbst bis jetzt für die zarteste Blüthe geistiger Bildung geachtet hatte, ohne innern Gehalt nie in das Gemüth drang, sondern nur auf der leichten Oberfläche des Lebens und des Karakters weilte. Ihr ernster Geist bemerkte mit tiefem Unmuth, wie die Wahrheit selbst zum Vorurtheil herabgewürdigt wurde, weil man in ihr nur den Wiederschein eigner kleiner Persönlichkeit liebte und vertheidigte. Sie sah, wie man sich einander häßlicher Gebrechen unter schönen Namen als Tugenden anrechnete — sie sah das allgemeine Streben nach Glanz und Schein — die knechtische Herabwürdigung des Verdienstes vor den Reichen und Mächtigen — das leidenschaftliche Jagen nach Geld, als den Kaufpreis alles Würdigen, und ihr Gefühl dabei war finstrer, bittrer, verachtender Unmuth. Aber tiefer noch, als diese Unwürdigkeit der Schlechten und Mittelmäßigen, verwundete und schmerzte sie die Verkehrtheit der Besseren, die genug zu haben und zu thun wähnten, an einer Spekulation des Gedankens, die nie in das thätige Leben eingriff, und bei diesem leeren Ideenspiel zufrieden waren, wenn sie sich und andern ihre allmächtige Abkühlung gegen das höhere Interesse der Menschheit, für Ruhe und Reife, ihre Kälte für verständige Besonnenheit, und ihren Mangel an Begeisterung für Klarheit anrechnen konnten. —

Sie stürzte sich jetzt ins Gewühl der Welt und der Menschen, um nach einem Anklang zu horchen, der sie Befriedigung für die immer wieder neu erwachende Sehnsucht ihrer Seele hoffen lassen könnte — vergeblich! vergeblich! — Immer mehr verarmend an jeder schöneren Hoffnung, gereizt durch Beispiel, betäubt durch die Sophistereien eines, eben so falschen als blendenden, Raisonnements, hingerissen von dem Schimmer eines schuldlosen, fröhlichen Leichtsinnes, der nichts höheres wollte, als angenehm tändeln, gab sie sich nach und nach einem rauschenden, eitlen Leben hin, im Wahn, es, sobald sie wolle, wieder von sich weisen zu können, wie sie es jetzt sich aneigne. Das gesellige Leben wurde nun ein glänzender Schauplatz für ihre geistigen Kräfte, und sie bildete es zum reizenden Kunstwerk aus. Was Geist, Freiheit, Grazie und Talente, Liebliches und Anmuthiges, im flüchtigen Vorübergleiten des Lebens, darzustellen vermögen, stellte sie in sich dar, und empfand den Schmerz, daß es Allen, die in ihren Kreis traten, für das Höchste galt, was ein Weib ist sich darzustellen vermöge. Ihr selbst konnte es dies aber nie werden, weil sie, da ihr Gemüth eine Tiefe hatte, die dies Leben nicht zu füllen vermochte, das Gefühl höherer Bedürfnisse nicht zu ersticken vermochte.

Natalie, und mit ihr jede edlere weibliche Seele, kann wohl, als Figurantin, in dem bunten Gewühl des eitlen Weltlebens auftreten, und seine flüchtigen Erscheinungen an sich vorübergleiten lassen; aber sich ihm hingeben und eine Rolle darin übernehmen, kann sie nicht, ohne jene schöne Kindlichkeit einzubüßen, die, wie die Unschuld, nur einmal verloren wird. Nur aus dem Herzen des Weibes keimt sein wahres Leben fröhlich und fromm hervor, wie die Pflanze, durch Sonnenschein und Luft, sich aus dem Keime entfaltet — wo es aber aus Eitelkeit und Weltfreude, oder auch aus dem Geist, aus Raisonnement und Wissenschaft, aufgehen soll, wird es ein Produkt aus dem Treibhause der Unnatur.

Auch an Natalien rächte sich der Irrthum, mit ihrer neuen Lebensweise gefahrlos spielen zu können. Sie fühlte selbst, wie viel Gekünsteltes und Falsches sich ihr wie Kletten anheftete, und was von Andern als die feinste Blüthe ihres Geistes und ihrer Liebenswürdigkeit gepriesen wurde, machte sie mit sich selbst immer uneiniger. Sie hatte nicht den fröhlichen Leichtsinn, mit dem manches weibliche Wesen, eben so gedankenlos als heiter, durchs Leben geht, und wo sie ihn erkünstelte, blieb ihr immer das Gefühl, daß sie etwas treibe, wovon ihr Gemüth unmuthig sich abwende. Je lauter es um sie, je größer und glänzender der Kreis ihrer Bewunderer wurde, dem sie Tonangeberin, Freudenspenderin hieß, desto finstrer wurde es in ihr, und desto trüber die geheime Wehmuth, mit der sie dem, was sie einst gewesen zu seyn fühlte, nachblickte.

So verstrichen zwei Jahre.

Rudolf war schon seit achtzehn Monaten Louisens Gatte, und jetzt wurde sein Bruder Verlobter einer nahen Verwandtin Nataliens, und diese, mit ihren Eltern, zu seiner Hochzeit nach der Stadt geladen, die sie, seit ihrem Aufenthalt auf dem Lande, noch nicht wieder besucht hatte. Rudolf hatte sich, nach ihrer Entfernung, oft unedel über sie geäußert, und auch jetzt lag in dem Briefe, worin er sie, als ernannter Marschall bei der brüderlichen Hochzeitsfeier, zu derselben einlud, unter dem Schein der ehrerbietigsten Höflichkeit, ein leiser triumphirender Spott, der es verrieth, wie er sie noch nicht fähig halte, die an seinen Anblick gebundenen Erinnerungen, ohne tiefe, schmerzliche Erschütterung, zu ertragen. Natalie war entschlossen, die Eitelkeit dieses Menschen, der mit ihrem Herzen ein so grausames Spiel getrieben hatte, zu demüthigen. Ihr Haß, ihr Unwille konnten ihm schmeicheln, wie er es unmuthig empfinden mußte, wenn sie ihn übersah, oder ganz unbefangen sich gegen ihn zeigte, und wissentlich und vorsätzlich bot sie alles auf, ihre Erscheinung in S... so reizend und glänzend als möglich zu machen. —

O, Natalie, was war aus der schönen frommen Einfalt, aus der Demuth geworden, mit der Du ehmals Deine Tugenden verhülltest und um Deinen eignen Reiz nicht wußtest! — Ach, Du hattest nicht allein gelitten — Du warst auch gesunken! —

Die ehmals so stille, schimmerlose, veilchenähnliche Natalie, trat jetzt im Zirkel ihrer alten, städtischen Bekannten, als feine gebildete Weltdame, und in der reizenden, fast üppigen Blüthe jugendlicher Frische und Gesundheit, auf. Sie zog durch die Neuheit ihrer Erscheinung und durch die geschmackvolle Pracht ihres Anzuges alle Augen auf sich, und ihr Geist, ihr Witz, ihr, zur höchsten Feinheit ausgebildeter, Conversationston boten ihr, vereint mit der Grazie ihres Benehmens, unerschöpfliche Hülfsquellen dar, zu fesseln, was sie einmal angezogen hatte. Am Tage ihrer Ankunft schon traf sie Rudolf mit seiner Frau in einer Gesellschaft an. Er näherte sich ihr, sie zu bewillkommen; als sie ihm aber so stolz, so leicht und unbefangen, ohne die leiseste Spur von Verlegenheit und Zwang, entgegentrat, fühlte er sich unerwartet gedemüthigt. Bald aber nahm er sich zusammen, und wollte vor ihr durch seinen Witz und Humor glänzen, und sie das alte Uebergewicht wieder fühlen lassen; sie begegnete ihm indeß auch hier so gewandt, wußte den Gang des Gesprächs so ganz in ihrer Gewalt zu behalten, daß sie auch in diesem Wortgefecht und Witz-Spiel als Siegerin erschien. Mit einer, ihrer ganz unwürdigen, Kunst, schien sie ihn dann ferner gar nicht zu beachten, und wußte doch unvermerkt in seiner Nähe, und wo sie sich von ihm bemerkt fühlte, von neuen Seiten zu glänzen. Täglich fühlte er sich durch sie von einem neuen Zauber umstrickt, dessen Macht die Huldigung, die man ihr allgemein darbrachte, verstärkte. Und von ihr, die ehmals nur für ihn lebte, und voll anbetender Ehrfurcht zu ihm aufsah, fühlte er sich jetzt ganz achtlos übersehen, wo er ihr nicht vorsätzlich in den Weg trat, und dann aufgenommen, wie jeder andre gleichgültige Bekannte! — Seine tief verletzte Eitelkeit brachte ihn zu dem Gefühl, welches früher Nataliens gebrochnes Herz, ihre zahllosen Thränen, ihr unermeßlicher Schmerz, ihre unendliche Liebe nicht in ihm zu wecken vermocht hatten: zur Reue über die Vergangenheit. Jeden Morgen sah er sie von neuem mit der Hofnung, in einem von ihr unbewachten Augenblick zu entdecken, ihre Gleichgültigkeit gegen ihn sey nur Maske; aber jeden Abend schied er, betrogen in dieser Erwartung, von ihr. Natalie war nicht so ganz geheilt, als sie früher es zu seyn gewähnt hatte — die Wunde war geschlossen; aber sein Anblick, und das häufige Zusammenseyn mit ihm, dem noch immer so liebenswürdigen und verführerischen Manne, machten ihr aufs Neue die Narbe fühlbar, und ihre einsamen Augenblicke waren nicht so friedlich und heiter, wie sie selbst es in Gesellschaften zu sein schien. Was ihr Kraft gab, ihre Rolle durchzuführen, war Louisens bleiche, verweinte Gestalt. Natalie hatte ihr längst vergeben und Louise war dieser Verzeihung würdiger denn je. In dem Manne, den sie aus Liebe geheirathet hatte, fand sie den Tyrannen seines Hauses. Mutter einer Tochter, der sie Nataliens Namen gegeben hatte, suchte sie ihre früheren, jetzt von ihr so schmerzlich gebüßten, Verirrungen durch die treueste Erfüllung ihrer Mutterpflichten zu vergüten. Es erschütterte Natalien namenlos schmerzlich, als Louise sie, bei einer großen Gesellschaft in ihrem Hause, nach der einsamen Kinderstube führte, und ihr dort die kleine Natalie in die Arme legte. — —