Im Ernst, Liebe, das wäre eben so häßlich und tragisch, wie ein Frühling ohne Blüthen und Nachtigallen. Lassen Sie uns lieber den Gesichtspunkt für die Liebe aufsuchen, wo wir gefahrlos mit ihr — spielen können, wie die Aegyptischen Damen mit den Schlangen, die sie zur Kühlung im Busen tragen. Es ist ja unsre Schuld, wenn wir vergessen, daß Amor ein Kind ist, und wir also mit ihm spielen sollen und müssen, ohne mit dem muthwilligen Buben altklug thun, oder ihm gar — wie Sie mir Lust zu haben scheinen — eine Alongenperücke aufsetzen, und ihn darin eine Heldenrolle spielen lassen zu wollen. Das rächt sich wie jede Unnatur, und paßt höchstens für eine einfältige Landnymphe, die mit ihrem zärtlichen Schäfer, nach dem verjüngten Maaßstaab von Herkules und Herkuliska, ihren Roman spielt. Ein solches Gänschen mag ihr Herz in Thränenwasser aufweichen, und es ihrem Geliebten, mit Seufzern und Vergißmeinnicht zierlichst empfindsam garnirt, überreichen. — Dem denkenden Weibe aber sey die Liebe nur eine vorübergehende Thorheit, ein, zum angenehmen Lebensgenuß nothwendiger, Zusatz, durch Geist und Grazie verfeinert und pikant gemacht. Unsre Unschuld, unser Ruf, unsre Ehre, sind das Eigenthum des künftigen Gatten, wodurch wir von ihm Rang und Vermögen erkaufen, und Pflicht sey es uns, sie ihm zu bewahren, wenn auch nur aus Dankbarkeit, daß er uns die Judengasse unsrer Mädchenetikette aufschließt. Gefallsucht ist aber als Quintessenz der weiblichen Liebenswürdigkeit erlaubt, und ein ganz nothwendiges Ingredienz reizender Weiblichkeit, die nichts als eine weise geistig-körperliche und körperlich-geistige Kunst ist, den Männern zu gefallen und sie zu beherrschen.

Nein, sagte Natalie hier schmerzlich entrüstet, Sie lästern die Liebe und das reine Gemüth des Weibes; die Männer mögen seyn, wie Sie sie schildern — ich weiß es nicht — aber unter uns giebt es noch Herzen, die lieber brechen, als sich von unheiligen Empfindungen entweiht fühlen möchten. — —

Sie schwieg hier, und ihr, nur auf der Oberfläche erstarrtes, in der Tiefe noch für alles Große und Schöne der Menschheit glühendes, Herz spiegelte sich in der Thräne, die sie Marianen zu verbergen suchte. Diese sah sie mit einem gutmüthig spottenden, höchst reizenden, Lächeln an. Wissen Sie, fragte sie, wie ich mir diese Schwärmerei empfindsamer Seelen erkläre? — sie heißt mir der Fanatismus der Empfindeley, und sie ist auch mit den Erscheinungen jeder andern Art von Fanatismus so übereinstimmend als möglich. Je mehr der Fanatiker für seine Wolkengöttin thut und leidet, je theurer wird sie ihm, und die Gewohnheit sie anzubeten, däucht ihm bald so Wink seiner innersten Natur zu seyn, daß er es für Schande halten würde, zu fühlen und zu denken, wie andre gesund-vernünftige Menschen. Eben so geht es den Schwärmern und den Schwärmerinnen in der Liebe; die reine Geistigkeit, die vorgebliche Ewigkeit ihrer Gefühle, der seynsollende göttliche Ursprung derselben, wird ihnen zum point d’honneur — aber — aber — armes Kind, wenn Sie wüßten, wie irdisch sich der geistig-geschlungene Knoten gemeinhin löset! — Die Natur, die, früher oder später, über diese Unnatur siegt, bewirkt, daß dieser Kothurn doch nur für den Zweck, den sie der Liebe gab, wuchert. Ist dieser erreicht, so wird aus der tragischen Epopoe eine burleske Posse, und es ist daher sehr rathsam, die Stelzen gleich anfangs wegzuwerfen. Es gab vielleicht einst eine Zeit, wo die Liebe sich in dieser Gestalt zeigen mußte, wo das schalkhafte Kind zum Götterjüngling herangereift zu seyn schien — das war aber am Ende ein poetischer Traum — wir sind erwacht, und diese alte Zeit wird nie wieder neu werden. Die höhere Bildung, die gereifte Vernunft unsrer Zeiten, hat aus der einförmigsten, übellaunigsten Leidenschaft eine allerliebste, lustige Thorheit gemacht, und unsre Schuld allein ist es, wenn ihr heitrer Schein uns zum Irrlicht wird. —

Natalie schauderte vor der Frechheit dieser Aeußerungen zurück, und wandte sich dann zu N. den sie schon, vor der persönlichen Bekanntschaft, als sentimentalen, für die uneigennützigste Tugend, für Liebe, Wahrheit und einfachen Lebensgenuß, begeisterten Dichter geliebt und geschätzt hatte. Aber mit unbeschreiblichem Erstaunen lernte sie jetzt in ihn einen praktischen Epikuräer und den gefälligsten Verfechter jeder eignen und fremden Schwäche kennen.

Er traf sie einst bey einem Besuche allein zu Hause; er fand sie lesend, und, als sie den Kopf, bey dem Geräusch seines Eintrittes, wandte, sah er in ihren Augen noch die Thränen der schönen Rührung, mit der sie gerade einen Aufsatz von ihm über die wahre Schönheit gelesen hatte. Erröthend legte sie das Buch weg; doch verstimmter denn je, für den geistreichen, gelehrten Ton seiner Unterhaltung, der ihr heute wehe that, zeigte sie ihm, was sie gelesen hatte, und fragte ihn offen und treulich, wie er diesen Widerspruch seines innern und äußern Lebens in sich dulden könne?

Es wäre schlimm, antwortete er ihr, wenn die Poesie mich dem wirklichem Leben entfremdete, und ich von ihren bunten Schmetterlingsflügeln die Kraft fordern wollte, mich durch die Welt zu tragen.

Also, fragte Natalie bestürzt, gilt Ihnen diese Begeisterung für Schönheit und Wahrheit, dies Suchen und Ergreifen des Umwandelbaren im wandelbaren Leben für nichts mehr als für ein leeres Spiel der Phantasie, ohne alle Realität?

Wahrlich, sagte er nach einigem Schweigen, wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, daß Täuschung über diesen Punkt sich unausbleiblich selbst zerstört, und dann viel schmerzlicher, als es die warnende Stimme des Freundes zu thun vermag; wenn ich es nicht für bedeutenden Gewinn hielte, die Welt und Menschen, so früh als möglich, in ihrer wahren Gestalt kennen zu lernen: so würde ich es mir zum Vorwurf machen, den Zauber zu zerstören, den Ihre holde Phantasie dem Leben leiht. Ach, meine Freundin, fuhr er inniger fort, es ist noch keinem Menschen vergönnt worden, an diese Träume zu glauben, bis das Grab ihn vom Lande der Träume scheidet. Früher oder später tritt die Wirklichkeit in ihrem abschreckenden Ernst vor uns, und zeigt uns die geträumten Ideale als Götzenbilder, bei deren abentheuerlicher Gestalt der reifere Mensch nur weilen kann, wie bei dem Schaukelpferde und der Puppe, die ihn in der früheren Kindheit ergötzten. Auch Ihre Stimmung, Ihre Reinheit, Ihre Schwärmerei werden Ihnen, liebe Natalie, nicht bleiben, wie sie noch keinem geblieben sind, der, mit ihnen ausgerüstet, in die Welt trat. Diese Tugenden sind liebliche Chimären, Erzeugnisse des heißen jugendlichen Herzens, die, wie jede andre Blüthe, mit der Jugend verschwinden würden, wenn auch keine Erfahrung und Einwirkung von außen sie zerstörte. Der ältre Mensch wird kühler, besonnener — seine Pulse klopfen milder, seine Phantasie malt blasser, und ihm bleibt von seiner Jugendschwärmerei nur eine süße — oft aber auch sehr bittre — Erinnerung, und zuweilen der stille Seufzer, daß sie nicht dauern konnte. Weh also dem, der sein ganzes Leben an diese Träume vergaukelt! — Nie können sie daurendes Glück gewähren und das Bedürfniß des Glückes wird mit jedem Jahre stärker und leidenschaftlicher im Menschen. — Bei Ihrer jetzigen Sinnesweise können Sie, liebe Natalie, nicht der Gefahr entgehen, irgend einmal, von allen Ihren Schwärmereien verlassen, dazustehen, ohne alle Mittel, sich wieder mit dem Leben und Ihrer Erkenntniß der Wirklichkeit zu versöhnen. Jetzt scheint es Ihnen leicht und groß, ohne alle Ansprüche auf Lebensgenuß, nur für kalte Pflichten und fremdes Glück zu leben — aber es wird eine Zeit kommen, Natalie, wo Sie Ihre Rechte und Forderungen an Glück und Genuß tief, tief, fühlen werden; wo von dem ganzen System Ihrer jetzigen Gefühle, die Sie zum Theil für Grundsätze halten, nichts in Ihnen zurück bleiben wird, als die schmerzliche Reue, so viele Vorzüge, so viele Geisteskräfte, die Sie zu einem heitern frohen Genuß des Lebens empfingen, für diesen Zweck unbenutzt gelassen zu haben. Sie können in diesem Augenblick so wenig die Denkungsweise eines spätern Jahrzehends verbürgen, als der Träumer seinen Zustand nach dem Erwachen.

Sie glauben also nicht, unterbrach ihn Natalie, daß in der moralischen Natur des Menschen jene Hinweisung auf ein Gebot der Pflicht liegt, die, wie mich dünkt, allein dem kleinen Leben Werth zu geben vermag. Das Paradies meiner Jugendträume, in dessen Besitz Sie mich noch glauben, ist schon hinter mir versunken — aber eben das erscheint mir als das finsterste, hoffnungsloseste, Geschick, was Sie mir als Lebensweisheit preisen. Giebt es in und außer uns nichts Höheres, als die Freudenblumen irdischen Genusses; so haben wir wahrlich für den Gaumen und den Hunger eines Halbgottes nur Thierweide und Thierspeise. —

Giebt es denn eine Geisteskraft, fragte er, deren Zweck nicht durch die Ausbildung und Verschönerung des Genusses dieses Lebens erreicht wird? — Wie hoch standen nicht die Griechen in Lust und Schmerz, deren geistiger Gesichtskreis sich doch auf dies Leben beschränkte, und deren Tugend, deren Freude, von der Erde ausging und zu ihr zurückkehrte, wie jene Bäume, deren Gipfel sich herabsenken, um zu neuen Wurzeln zu werden. Die Sentimentalität der Neueren — ihr Hinüberspielen dieses Lebens in ein Reich der Ideen und der Träume, ist eine Frucht der Entbehrung und der Sehnsucht. — Der glückliche Grieche, der das Leben wirklich genoß und zu genießen verstand, konnte sie daher nicht haben. Die Natur gab uns Geist und Blut; all das Dunkle unsrer Organisation, was wir so gerne in seiner Unergründlichkeit heilig nennen, sind Aufwallungen des letztern, farbige Seifenblasen des erstern, und die schöne moralische Welt, in der man so lange man jung ist, Anlage hat, den Don Quixote zu spielen, verschwindet wie ein Nebelgebild in farb- und gestaltlosen Duft, wenn uns die reifende Vernunft, durch das Glas der Erfahrung, die Dinge zeigt, wie sie sind, und in der Wirklichkeit seyn sollen. Genießen Sie immerhin Ihrer jetzigen Träume als einer Jugendblüthe; nur vergessen Sie nicht Schillers eben so schönes als gehaltvolles Wort: