„Was soll mir das Leben? was soll ich der Welt? — Wie ein übergrüntes Schlachtfeld liegen beide vor mir. Tausende wandeln heiter und sorglos auf dem, aus Blut aufgesproßten, Rasen; aber mir deckt er seine Todten auf und den stummen Jammer, der unter ihm begraben liegt, und ich irre schaudernd auf ihm umher. Nur Du, letzter einschlingender Strudel dieses Lebens, Du Erdenge zwischen diesseits und jenseits, dunkles, einsames Grab, bietest mir freilich keine Hoffnung, keinen Trost, aber doch eine Zuflucht, die mich mit einem Bilde der Ruhe und des Schlummers täuscht. — O öffne Dich mir bald — zieh mich hinab — verhülle das gebrochene Herz — schließe das Auge, das keine lindernde Thräne mehr hat, sondern nur stummen Jammer! —“
In dieser finstern Stimmung verrannen ihr Monate. Ihre Eltern glaubten sie krank, und die Todtenblässe ihres Gesichtes, das in lesbaren Zügen die Geschichte ihres gebrochenen Herzens zeigte, bestätigte diesen Wahn. Man zog einen Arzt zu Rathe; sie klagte über nichts, und nur die Thränen ihrer Mutter erhielten es von ihr, daß sie von den verordneten Mitteln Gebrauch machte. Schon seit einigen Monaten hatte sie Elisen ganz von sich entfernet und ihre Eltern dringend gebeten, sie der edlen Rudolphi anzuvertrauen, die das holde Wesen, das so ganz Natur und Liebe war, gern unter ihre Zöglinginnen aufnahm. Natalie sollte jetzt, da der Arzt es zur dringendsten Nothwendigkeit gemacht hatte, für ihre Aufheiterung und Zerstreuung zu sorgen, ihre Mutter auf diese Reise nach Heidelberg begleiten. Die Veränderung des Schauplatzes, und der Anblick der herrlichen Main- und Neckargegenden, durch die ihr Weg sie führte, wurden für Natalien sehr wohlthätig, und die vielen Thränen, mit denen Elise von der geliebten Schwester schied, wirkten noch wohlthätiger auf ihr Herz. Sie konnte, wenn sie das holde Kind, mit dem weichen, liebevollen Herzen, an ihren Busen nahm, nicht verzweifeln an Menschenherz, und was sie in spätern Jahren so unauflöslich an Elisen band, war die dankbare Erinnerung an die vielen trüben Stunden, in denen sie, wie ein Genius, Natalien durch die Gewißheit ihrer Liebe und Treue emporgehalten hatte.
Die zärtliche Sorge der Mutter, die liebevolle Schonung, mit der sie Natalien, zart und milde, wie nur eine Mutter es zu thun vermag, zu erheitern und zu trösten suchte, ohne je durch eine Frage das wunde Herz zu pressen, konnte für diese nicht verloren gehen. Die Ueberzeugung, die sich ihr mit der unwiderstehlichen Kraft der Wahrheit aufdrang, daß ihre Mutter ihrer zu ihrem Glück bedürfte, gab ihrem verblichenen Leben wieder, durch den Beruf, für ein fremdes Glück zu leben, Farbe und Gehalt. Die Mutter glaubte, zweckmäßige Thätigkeit werde sie am ersten heilen, und folgsam gegen ihre Wünsche, trat Natalie nach ihrer Zuhausekunft, in eine, ihr fremde, Laufbahn häuslicher Geschäftigkeit und thätiger Sorge für Andre. Die Ungebundenheit, mit der sie bis jetzt unumschränkt Herr ihrer Zeit gewesen war, verschwand, da ihre Mutter ihr die Besorgung der innern Wirthschaft übergab. Doch zog diese Thätigkeit sie mehr von der Beschauung ihres Innern, der Enthülsung des Lebens, ab, als daß sie sie zu heilen, und zur würdigeren Ansicht beider zurückzuführen vermocht hätte.
Natalie führte den Haushalt, unter der Anleitung ihrer Mutter, mit musterhafter Ordnung, und erwarb sich bald eine ziemlich vollständige Kenntniß desselben. Auch die Feldwirthschaft, von der sie früher manche theoretische Kenntnisse eingesammelt hatte, lernte sie nun practisch kennen, da sie, dem Wunsch ihres Vaters zufolge, sich an das Reisen gewöhnte; ihn täglich auf ihrem flinken Pferdchen zu den Arbeitern begleitete, mit und für ihn, viele, zu diesem Fach gehörende, Werke las, und noch mehr mit ihm und andern erfahrnen Landwirthen darüber sprach. Auch vertraute ihr der Vater bald die Berechnung eines beträchtlichen Theils seiner Einnahme und Ausgabe, mit Bestimmung eines ansehnlichen Gehaltes, an. Ihr Steckenpferd aber wurde die Obstbaumzucht, die sie als Mittel, den armen Unterthanen ihres Vaters wohlzuthun, liebte, so wie sie auch die ganz vernachlässigte Schulanstalt dieser Güter zu heben wünschte, und gemeinschaftlich mit dem Prediger dafür sehr thätig war. Diese mannigfache Beschäftigung, die jede Kraft ihres Geistes in Anspruch nahm, und sie vor aller leeren Träumerei und Grübelei bewahrte, wirkte vortheilhaft auf ihr Innres, und auch ihr Aeußeres gewann durch den Genuß der reinen Landluft, durch die viele Bewegung, und durch die übertünchte Ruhe ihres Herzens. Sie wurde jetzt wirklich ein sehr reizendes Geschöpf, mit einem stolzen, edlen Wuchse, einer seelenvollen Physiognomie und dem schönsten Colorit blühender Jugend. Gewiß hätte sie sich auch auf diesem Wege wohlthätiger Güte und zweckmäßiger Thätigkeit wieder zurecht gefunden im Leben, wenn ihr Genius sie vor der verderblichen Macht eines fremden Einflusses bewahrt hätte, für dessen Gift sie, wie sie es nach ihren bisherigen Schicksal seyn mußte, nur zu empfänglich war.
Dem leidenschaftlichen, verheerenden Sturm in ihrem Innern war jetzt eine Ruhe der Erschlaffung, eine Apathie der Gefühllosigkeit, gefolgt, die sie sich zu prüfen scheuete, weil das Andenken der erduldeten Qual sie von jedem festen Blick auf ihr inneres Leben zurückschreckte. Ihre Eltern sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause, und bildeten sich zwey sehr verschiedene nachbarliche Zirkel, in denen Natalie, auf dringendes Zureden der Mutter, oft erschien.
Der eine bestand aus mehreren Beamten, Pächtern, Predigern und bürgerlichen Gutsbesitzern; der andre aus dem Adel der Gegend und den Officieren eines in einer nahen Stadt stehenden Regiments. In dem ersten Zirkel gefiel sich Natalie sehr gut; sie fand die Frauen anspruchlos, die Mädchen munter und gutmüthig, die Männer mitunter gescheut und kenntnißvoll. Das ungekünstelte Wohlwollen, mit dem sie einfachen Menschen so herzlich und freundlich entgegen kam, gewann ihr bald alle Herzen; und entfernte die Scheu, die ihre höhere, feinere, Bildung im Anfang eingeflößt hatte. Sie sprach mit den Müttern so verständig, war zu Rath und That immer so rein gutmüthig, ohne alle Ansprüche, bereit, wo sie dazu aufgefordert wurde, ließ sich selbst so willig und dankbar belehren, daß sie allen lieb wurde. Den jungen Mädchen flößte sie bald Vertrauen ein; sie zeichnete ihnen Muster zu ihren Stickereien, lehrte sie feine Handarbeit machen, schnitt ihnen die neuesten Kleidermuster zu — kurz, wer sie in diesem Zirkel sah, wo sie oft in einer Stunde mit den Männern von Kleebau und Stallfütterung, auch wohl mit einem der Prediger über Gegenstände der Litteratur und der Kunst, und mit den Frauen und Mädchen von Kohl und Wurzeln, Gänsen und Eiern, Mähen und Erntecollationen mit Interesse und freundlicher Aufmerksamkeit sprach, mußte sie lieb gewinnen. Auch war sie in diesem Zirkel allgemein geliebt, und galt jedem Einzelnen, in seinem Sinn, für ein Muster weiblicher Vollkommenheit.
In dem andern Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs fand sie hingegen Eitelkeit, Sinnlichkeit, Kleinlichkeit und das jämmerliche Wesen des engherzigsten Egoismus, wie es allenthalben, wo man sich zur großen Welt rechnet, angetroffen wird, und auch, wie gewöhnlich in diesem Kreise, mit dem Firniß äußrer Kultur überdeckt, und mit Sinn für Kunst und Talent aufgeputzt. Ihr Geist fand hier oft angenehme Nahrung, und sie lernte jetzt das Laster und das Unrecht in seiner glänzenden, schimmernden Hülle kennen, die es in der Jugend so schwer macht, es als Laster und Unrecht zu erkennen. Der Ruf ihres Geistes und ihrer Talente war ihr voran gegangen, und die beiden glänzensten Meteore dieses Zirkels, Mariane von Polliet und Graf N. kamen ihr mit achtungsvoller Auszeichnung entgegen, damit, bei der Verbindung mit ihr, Nataliens Licht mit ihrem blendenden Schimmer Eins werde und keiner seine eigenthümliche Hülle bemerke.
Mariane verband mit einem kalten Herzen ein heißes Blut; aber mit der feinsten Buhlerei wußte sie beides unter dem Schleier strenger Dezenz und tiefen Gefühls zu verhüllen. Die Geschmeidigkeit ihres Geistes verstand sie als Feinheit, ihre Unbesonnenheit als Offenheit, ihre Maliçe als Witz, geltend zu machen. Sie besaß einen äußerst leisen, geübten Tact für jede fremde Individualität, und paßte derselben ihre Plane künstlich und verschlagen an. Nataliens Ernst im Benehmen gegen Männer, ihre Gleichgültigkeit über den Eindruck den sie machte, reizten oft Marianens Spott, die ihr dann ihr System über Liebe und Lebensgenuß anpries.
Die Liebe, wiederholte sie ihr unermüdet, die Liebe, wie Sie sie sich denken, macht uns Weiber immer unglücklich. Wir stehen unter dem Druck eines harten Naturverhängnisses, welches unser Herz, durch seine größere Reizbarkeit, Fühlbarkeit und Weichheit, von der Herrschsucht der Männer abhängig macht, wenn wir nicht die Kunst verstehen, uns, und dadurch sie, zu beherrschen. Glauben Sie mir, liebe Natalie, je reiner, zarter und treuer wir sind, je weniger passen wir für die heutigen Männer, denen die Liebe zur Fabel geworden ist, und die nur ihre Sinnlichkeit, oft sogar nur ihre Eitelkeit, gereizt fühlen, wo sie uns gerne überreden möchten, daß wir geliebt sind. Im ersten Fall täuschen sie sich oft selbst, und wer darf mit ihnen darüber rechten, da die Natur nun einmal bey ihnen diese nahe Verwandtschaft zwischen Herz und Blut stiftete? — aber im letztern wollen sie nur täuschen. Unter tausend Männern gibt es kaum Einen, dem die Ruhe, das Glück eines Weiberherzens, heilig sind; dagegen fünfhundert vorsätzliche planmäßige Verführer, — und von den übrigen haben nur wenige den Vorsatz, einer Versuchung widerstehen zu wollen, — alle tausend aber die gemeinschaftliche Aehnlichkeit, daß sie auch der schwächsten unterliegen.
So lassen Sie uns denn, sagte Natalie ernst, unser Herz für die willkürlichen, schöneren Regungen der Menschenliebe und der Freundschaft aufbewahren, und uns nicht der Gefahr aussetzen, es zum Spielwerk eines Unwürdigen zu verschleudern.