Der Jugend Glück entflieht mit Beben

Vor des Gedanken strengem Blick,

Und furchtbar rauscht um unser Leben

Dein Köcher, eisernes Geschick!

Nataliens neuer Wohnort war lieblich und angenehm; aber sie hatte keinen Sinn mehr für seine stille, reizende Ländlichkeit. Der Geist sanfter Gefühle und milder Schwermuth war ihr entwichen, und ihr Gemüth rang gewaltsam mit dieser Umschaffung ihres innersten Wesens. Durch und durch war sie verändert. Stumm, verschlossen und kalt gegen Alles, was sie umgab, schien sie auch alle Liebe zur Kunst und Wissenschaft verloren zu haben, und mit ihrem Denk- und Empfindungsvermögen nur auf wenige herzzerreißende Erinnerungen und Gedanken beschränkt zu seyn. Die einzelnen verlornen Worte und Aeußerungen, die wie Blitze zuweilen ihr verstörtes Gemüth enthüllten, deuteten den finstersten Gram und den bittersten Unmuth gegen das Leben an. Ihr Geist, der im Umgang mit Rudolf unvermerkt von der schönen Wahrheit des Gefühls und der Idee abgewichen war, deren ein Weib bei ungestörtem Frieden so wohlthätig genießt, gab sich nun spitzfündigen Grübeleien hin, die sie mehr und mehr verleiteten, das Leben und seinen Zweck so verächtlich als möglich aufzufassen.

„Weg,“ sagt sie auf einem damals von ihr niedergeschriebenen Blatte, „weg mit jedem Trost, mit jeder Hoffnung, weg mit aller Resignation. Soll ich mir durch diese geistige Medizin noch Farbe und Leben anlügen, wenn ich den Tod im Busen trage? Der Schleier, der mir die Welt und das Leben schonend barg, ist zerrissen — ich habe die Wirklichkeit hinter ihm erblickt, und werde von ihrem Anblick nie wieder gesunden. Leben, deine Vampyrn lauschen unter Rosen versteckt — Deine Freuden wehen uns Kühlung zu, damit der Stachel unbemerkt desto tiefer in das arglose Herz dringe, und uns desto schmerzlicher verwunde. Aber ich habe diese Rosen sich entblättern sehen — und kenne Dich nun Du höhnischer, spottender, lügender Traum, den ich jetzt mit Ekel nur fortträume, weil ich muß, und weil es mich nicht reizt, ihn auf einer andern Erde noch einmal von neuem zu träumen. Die armseligen Zufälligkeiten des Glückes haben meine Blicke, meine Wünsche, nie auf sich gezogen — einem schöneren, höheren Traume vertraute ich den Gehalt meines Daseins an, und die Ideale meines Herzens waren zugleich seine Ideale. Wenn es eine Vorsehung gäbe, wenn Tugend und Liebe ein wirkliches, außer meiner Vorstellung gegründetes, Dasein hätten: so müßten sie erröthen vor meinen Hoffnungen, und vor der Treue, mit der ich sie umfaßt hatte — nur für sie lebte ich; vor den Phantomen meiner eignen Phantasie beugte ich die Knie und betete an, was ich selbst erschaffen hatte! —“

„Schreckliche, schreckliche Stunden, in denen ich begreifen lernte, daß unsre Irrthümer und Verbrechen, wohl mehr als unsre Tugenden, die Absicht des Schicksals seyn mögen — denn warum, warum sonst diese jämmerliche Welt, voll Kummer und Verzweiflung, diese Wüste des Elends ohne Hoffnung? — Was kann mir das Wesen gelten, dessen Wille in ihr das Gute statt des Schlechten hervorbrachte, und Fluch und Verzweiflung austheilte, wo es in seiner Macht stand, Seegen und Liebe zu spenden? — Der Mensch muß nun so leichtsinnig, so blind, so schwach seyn, damit er nur nicht seine Blicke auf das Geheimniß seines Daseins wende, und durch seine eigne Hand die Erde wieder entvölkere. Die Vernunft würde den Selbstmord heiligen, wenn die Thierheit sie nicht unterjochte — doch ach! dem Unglücklichen bietet selbst das Grab keine Zuflucht dar — für ihn ist keine Rettung, keine Hoffnung, so weit Zeit und Ewigkeit reichen: er kann sich nicht vernichten! — Stürze Dich in das Weltmeer, springe in die lodernde Flamme — die tyrannische Macht, die Dich zum willenlosen Spiel ihrer Willkühr schuf, hält Dich an unzerreißbaren Fäden, und erweckt Dich wieder zu demselben jämmerlichen, und doch in seiner Jämmerlichkeit so furchtbar ernsten, Spiel, das man auf Erden Leben nennt! — Ewig dasselbe Einerlei, nur mit den Decorationen einer andern Sonne und vielleicht auch einer andern Organisation — denn, wenn es anders, edler, schöner sein kann, sein soll, warum, warum denn nicht schon hier, da die Allmacht zum Guten in der Hand des schaffenden Wesens lag? —“

„O hätte er dieser Welt nur die Liebe gelassen — was wäre denn alles Weh der Erde? Sie würde uns mit Allem versöhnen und jede Dissonanz des Lebens in himmlischen Frieden auflösen! — Aber Du bist mir untergesunken, holder Stern, und kannst nie wieder heraufleuchten aus Deiner Nacht — Du warst nur ein täuschendes Irrlicht. Vertrauen dürfte der Mensch nur dann Deinem Zauber, wenn er ein Werk der Willkühr, ein Tribut der Tugend wäre, dann hätte er in Dir das Diplom seines Adels, die Bürgschaft für die Wahrheit seines Glaubens an die geistige Welt. — Jetzt aber buhlst Du mit dem Laster und grollst mit der Tugend — ich verwerfe Dich!“

„Ich bin jetzt ruhig. Der Sturm der Leidenschaft ist vorüber, und gefallen sind seinem Wüthen alle Blüthen seeligen Wehes und süßer Schwärmerei, die ehmals mein Leben schmückten. — Ich bin ruhig und still wie das Grab, das auch die Gestalt des ehmals Lebenden empfängt, und Moder und Verwesung ausspeiet, wenn es geöffnet wird. — O wenn ich zuweilen um Mitternacht noch mein Fenster öffne, meine brennenden Augen an der kühlen Nachtluft zu erfrischen, und die weite unendliche Ferne, in der nichts mehr wohnt, das ich an mein Herz ziehen dürfte, in stillem Sternenlichte vor mir liegt: dann überfällt mich eine ungestüme, heftige, hoffnungslos in mir lautaufschreiende, Sehnsucht nach den entblätterten Gefilden meiner Vergangenheit. Ich möchte dann zu seinen Füßen sinken und flehen: gieb mir meinen Glauben zurück; täusche mich noch einmal, aber tödte mich, eh’ die Täuschung sich enthüllt.“

„Ich kann nie wieder werden wie ich war. Noch könnte ich sterben für eine, für eine einzige Minute der Vergangenheit, wie ich Stunden an seiner Hand, seinem Herzen, gelebt habe. Ich möchte all meinen Schmerz, all meine Verzweiflung in ein Wort, einen Schrei zusammenfassen, und damit entseelt zu seinen Füßen niederstürzen. —“