Heftig weinend war er vor ihr nieder gesunken — sie trat in stiller ernster Fassung einen Schritt zurück; noch heute, sagte sie, werde ich mit Rhoden reden, und Sie sollen am Abend um den Erfolg dieser Unterredung wissen.
Mit einer ausdrucksvollen Neigung des Kopfes verabschiedete sie ihn mit diesen Worten. Er wollte fortreden — sich entschuldigen — da faßte sie ihn mit einem Blick, vor dem er, wie die feige Schuld vor dem Blick des unbestechlichen Richters, erröthete, und, ihr gehorchend, hinweg floh. —
Die Kraft, mit der sie ihm ihren Schmerz verbarg, der feste, edle Stolz in ihrem, sonst so kindlich weichen, Betragen, und die reine Güte, mit der sie bereit war, wohlzuthun, wo Tausende an ihrer Stelle geflucht hätten, liehen ihr in seinen Augen neue Reize. Er schwor sich, sie in die alten Fesseln zurückzuführen, und zweifelte nicht, sie versöhnen zu können, da sie ihm auch jetzt blieb, was sie ihm immer gewesen war: ein Spiel für seine Eitelkeit, eine reizende und seltene Erscheinung für seine Phantasie, deren poetische Natur und idealisches Wesen ihm ein ästhetisches Wohlgefallen einflößten, das er selbst zuweilen, wie z. B. in dieser Stunde, für Liebe hielt.
Natalie sprach Rhoden noch denselben Abend, und da er seine Frau wirklich geliebt hatte, und zu den Menschen gehörte, die nur in der ersten Aufwallung des Zornes die Energie fester Entschlossenheit haben, wurde es ihr leicht, ihn zur Milde und Schonung zu stimmen. Ihre Fürsprache selbst wurde ihm zum Beispiel, und da er sie unbeschreiblich achtete, zur Regel seines Betragens. Louise, deren Ehrgefühl vor dem Gedanken einer öffentlichen, für sie so schimpflichen, Scheidung zurückbebte, und die, von guten Eltern erzogen, nur leichtsinnig, nur versunken, nicht verloren, ein Opfer ihrer Leidenschaft für Rudolf geworden war, fühlte jetzt die ganze Unwürdigkeit ihres Fehltrittes und den Werth der großmüthigen Schonung ihres Gatten. Sie erfuhr, daß sie diese Natalien verdanke, und schrieb ihr einen Brief voll Reue und tiefer Rührung. „Laß mich Dich,“ bat sie am Schluß desselben, „vor Deiner Abreise noch einmal sehen, damit Dein Anblick mir den Glauben schenke, daß die Tugend sich nicht auf ewig von ihrer gefallnen Tochter zürnend abgewandt habe.“
Natalie antwortete ihr freundlich, schlug es aber, so schonend als möglich, ab, sie zu sehen. „Ich muß,“ schrieb sie ihr, „alle Erweichungen und Spannungen meiden — darum darf ich Dich nicht sehen. Allein die Versicherung kann ich Dir geben, daß ich Deiner ohne Groll und ohne Bitterkeit gedenke. Nicht fallen, Louise, darf und soll vielleicht nicht der Stolz des schwachen Menschenherzens seyn; vom Fall wieder erstehen ist oft schwerer und schöner. Ueber mein Schicksal mache Dir keine Vorwürfe. Glaubst Du mir aber einigen Ersatz schuldig zu seyn, war ich Dir je wirklich theuer: so laß Dich durch diesen Vorfall nicht zum Verzweifeln an Dir selbst hinreißen. Deine Reue bethätige sich durch ein künftig schöneres, fleckenloses Leben. Als gute Gattin, treue Mutter, kannst Du noch einst achtungswerther werden, als Du es je als Louise Rhode warst, und mein inniger Antheil wird Dich durch ein solches Leben begleiten.“
So milde sie aber auch gegen Louisen gestimmt war, so fruchtlos war jedes Bemühen Rudolfs, von ihr ein Zeichen der Theilnahme des heftigen Schmerzes, oder nur des Hasses, zu erzwingen. Nach einigen Wochen schon sollte sie ihre Eltern aufs Land begleiten, und er bot, für diesen kurzen, ihm noch vergönnten, Zeitraum, seine ganze Kunst auf; aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem Ernst und der fremden Höflichkeit, mit der sie ihm nicht einmal auswich, aber jeder Erinnerung an die Vergangenheit abgestorben zu seyn schien. Zu tief, zu schmerzlich war sie verletzt; zu viel alte Wunden hatte er wieder aufgerissen, als daß sie es sich selbst hätte abgewinnen können, um die Tiefe, die zerstörende, bodenlose Tiefe ihres Schmerzes, wissen zu wollen. Nicht seine Untreue; sein Unwerth gab ihr Kraft. Der Stolz ihres Bewußtseyns hob sie zu hoch über ihn, und sie fühlte so oft: dieser Mann ist nicht werth dein Herz zu brechen, dein Karakter darf nicht sein Raub werden, daß es ihr das Vertrauen auf ihre Kraft und jene Herrschaft des Willens gab, die in solchem Kampfe den Sieg zu erringen vermögen. Man sah sie in ihrem äußern Benehmen wenig verändert; der Ernst in ihrem Wesen war noch immer milde, und der etwas sichtbarere Ausdruck desselben konnte füglich auf Rechnung der bevorstehenden Trennung von ihrem bisherigen Wohnort gesetzt werden. Willig barg sie auch die tiefen Wunden ihres blutenden Herzens, im Gewühl der Abschiedsfeste, die die letzten Wochen ihres Aufenthalts ausfüllten, und die ganze Kraft ihrer Seele wucherte für die Ueberzeugung, daß mit ihrer Achtung auch ihre Liebe erstorben wäre. Ihr Gram war kein Wurm, der den Boden umwirft und die Staude umkehrt, sondern ein Insekt, welches in den feinen, verborgenen Röhren der Pflanze nagt, bis die Blume verbleicht, abfällt, und stirbt. —
Rhode war täglich bei ihr, und die große Sorgfalt, mit der er und sie gemeinschaftlich alles unterdrückten, was Louisens Ruf nachtheilig werden konnte, verschaffte dem Gerücht Eingang und Glauben, daß Rhode’s Scheidung Folge einer ganz freundschaftlichen Uebereinkunft zwischen ihm und Rudolf sey, Braut und Frau mit einander zu vertauschen. Natalie fühlte, wie sehr Rhode’s täglich sichtlicher werdende Anhänglichkeit, und ihr häufiger Umgang mit ihm, dies, für sie höchst kränkende, Gerücht, zu bestätigen scheinen mußte, und schlug ihm eine Reise vor. Er errieth ihre Bewegungsgründe, und willigte zart und liebend ein, sie auf zwei Jahre zu verlassen, ohne ihr selbst zu verrathen, wie schwer ihm diese Trennung wurde.
Natalie liebte ihn wie einen Bruder, und sie versank nach seiner Abreise, die sie ganz vereinzelt zurückließ, in einen Zustand finsterer Betäubung und starrer Fühllosigkeit, der ihr selbst das Bewußtseyn des Schmerzes nahm. Sie schien ruhig, und glaubte selbst es zu seyn. Ohne Thräne, mit kalter Fassung, schied sie von dem Schauplatz ihres bisherigen Lebens. Am Morgen ihrer Abreise rief sie vor Sonnenaufgang ihrem Mädchen, sie noch einmal nach dem Kirchhof zu begleiten, wo ihres Bruders Grab war. Dieser Abschied erweichte sie — wehmüthige, hofnungslose Sehnsucht nach seinem tiefen festen Schlaf ergriff sie, und die Ahndung, ihr Herz werde nie wieder ruhig und leicht werden, so lange es in ihrer Brust schlage. — Der Rückweg führte sie vor Rudolfs Hause vorbei. Es war früh vier Uhr; alle Fensterladen der Straße waren noch uneröffnet; alle Thüren verschlossen. Nur auf dem Fenster seines Schlafzimmers lag golden der Wiederschein desselben Morgenrothes, das eben das Grab ihres Bruders erleuchtet hatte. Unter dem Vorwand der Müdigkeit — ach sie war es im andern Sinn ganz! — sank sie auf die hohe, steinerne Thürschwelle nieder, und hier lösete sich plötzlich ihre starre Unempfindlichkeit in gränzenlosen, leidenschaftlichen Schmerz auf. Sie kühlte die brennenden Augen an dem kalten, feuchten Stein, und fühlte es mit zerreißendem, plötzlich sie mit Qual der Verzweiflung durchzuckenden Bewußtseyn, daß er wissentlich ihr Herz, ihr Glück, ihre Liebe, in den Staub getreten hatte, wie morgen unwissentlich diese Thränen, die sie um ihn weinte. —
Und in diesem Gefühl erkannte sie schreckend, daß sie ihn, den Verachteten, noch liebe! — Diese Minute traf ihr innres Leben. —