Ich fühle, wie unwürdig ich vor Ihnen stehe, fing er mit jener leisen, tiefen Stimme an, deren Gewalt über Nataliens Herz er kannte; daß ich aber, trotz dieses Gefühls, hier erscheine, beweiset, daß ich nie aufgehört habe, Sie für größer als Ihr Geschlecht zu halten.

Ersparen Sie sich jede fernere Unwürdigkeit — mir jedes Wort, und verlassen Sie mich.

Nicht eher, als bis ich die Bitte ausgesprochen habe, die mich herführt, und die mein und Louisens Schicksal in Ihre Hände legt.

In meine Hände? fragte Natalie ernst.

In Ihre, weil ich weiß, daß da, wo die Pflichten der Tugend enden, die der Größe und des moralischen Heroismus beginnen, und welches Herz war je mit diesen vertrauter, als das Ihrige? — wäre Louise Ihnen fremd, Sie würden Ihr reines Auge von ihr abwenden; aber jetzt, wo Sie von ihr beleidigt sind, steht der Mann, der das Herz eines Engels verwundete, mit der Zuversicht der Erfüllung seiner Bitte vor Ihnen.

Die ungewöhnlichste Handlungsweise war für Natalien da, wo es auf Selbstverläugnung, Opfer und Edelmuth ankam, nur die gewöhnlichste, und in diese Seele konnte nie ein Gefühl des Hasses oder der Rache kommen. Rudolf fand sie ganz anders wie er sie sich, da er ihre Liebe für ihn und die Weichheit ihres Herzens kannte, gedacht hatte. Nur die schmerzliche Blässe des Gesichtes deutete auf Kampf und Gram — ihr Ton, ihre Haltung, ihr ganzes Wesen, sprach strengen, ehrfurchterregenden Ernst aus.

Reden Sie, sagte sie, und setzte sich. Nicht so sehr sein Anblick, als die Entwürdigung des früher so hoch verehrten Mannes, erschütterte sie. Hätte er entseelt zu ihren Füßen gelegen, es hätte sie nicht so peinlich ergriffen, als diese moralische Entstellung, in der er jetzt, gedemüthigt, ihr gegenüber stand.

Rhode ist entschlossen, sich so öffentlich als möglich zu rächen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er in Louisen sich selbst mit beschimpft. Morgen schon soll sie sein Haus verlassen, und die Scheidungsklage dann gleich beim Consistorium eingereicht werden. Mir hat er eine Ausforderung zugesandt; es bedarf keiner Versicherung, daß ich es nicht aus Feigheit scheue, sie anzunehmen, obgleich, wenn man sich, so wie er und ich, in diesem Fall gegenübersteht, um Tod und Leben gespielt wird, — aber Nataliens Herzen lege ich die Frage vor, welches Loos des Ueberlebenden und Louisens wartet? — Kann diese, wenn er fällt, die Hand des Mörders annehmen, ohne auf ewig mit der Meinung zu zerfallen? — Kann ich ihr die meine reichen, wenn dieser blutige Schatten sich zwischen uns stellt? — Falle ich, so wird Rhode vielleicht im Gefühl gesättigter Rache einige Zeit Befriedigung finden — aber ist er, der weiche einfache Mensch, geschaffen, dies Bewußtseyn auf die Dauer zu tragen? — soll ich sterbend noch den Fluch auf ihn legen, ihn heimathlos durch die Welt zu jagen? — Sie kennen die Strenge unserer Duellgesetze, und ich weiß auch, wie Ihr heller Geist über Duelle denkt.

Haben Sie mir einen Ausgang aus diesem Labyrinth zu zeigen?

Rhode ist beleidigt; ich will mich nicht rechtfertigen; der leidenschaftliche Irrthum weniger Augenblicke kostet mich das einzig wahre Glück meines Herzens — doch darf hier so wenig von meinen Empfindungen, als von meiner Schuld die Rede seyn, sondern nur von der Verpflichtung, mein Unrecht zu vergüten, so viel ich kann. Nur in Louisen kann ich Rhoden Vergütung anbieten, und ich bin bereit, mir diese, von Schande und Reue geschmiedeten, Fesseln der schimpflichsten Leibeigenschaft anlegen zu lassen — aber, so wahr ich lebe! wenn Rhode seinen Plan, Louisen durch die öffentliche Bekanntmachung ihres Fehltrittes zu beschimpfen, nicht aufgiebt, so bin ich verloren. Entehrt darf meine künftige Gattin vor den Augen der Welt nicht seyn, wenn sie je meinen Namen führen soll — daher hier mein Vorschlag. Rhode kommt unter irgend einem Vorwand beim Kabinette um die Scheidung ein; Louise geht bis zu ausgemachter Sache zu ihren Eltern zurück. Daß sie geschieden werden, kostet Sie bei Ihrem Onkel, dem Präsidenten, nur ein Wort — und ich gebe dann Louisen meine Hand, wenn diese Wahl der Welt Werk der Freiheit und keiner erniedrigenden Nothwendigkeit zu seyn scheint. Glücklich werden wir nicht mit einander seyn — doch werde ich nie die Schonung vergessen, die ich ihr schuldig bin. Schlägt Rhode aber dies Anerbieten aus, so treffe ich morgen mit ihm an der Gränze zusammen, und das Grab deckt dann entweder meine Schuld, oder verschlingt auch ihn mit seiner Rache. In beiden Fällen lege ich Louisens Ruf in Ihre Hände. — Auch Sie, Natalie, werden versöhnt seyn, wenn ich falle, und vielleicht dann den Mann bedauern, dem, wenn er leben sollte, Ihr Bild zur unerbittlichen Nemesis werden würde. — Ja, Natalie, hasse mich, verachte mich; nur fühle wie es mich treibt, mein Leben als Sühnopfer für Dich entströmen zu fühlen. —