Beide waren eitel — beide fanden Genuß in dieser trunkenen Anerkennung ihres Kunsttalents, und das Gefühl, daß sie sich auf der Bühne als Folie gegenseitig nicht entbehren konnten, führte sie bald auch im Leben näher zusammen. Sie wollte ihm gefallen — und er? — o Louise, um deinetwillen ziehe ich einen schonenden Schleier über dies Gewebe weiblicher Schwäche und männlicher Buhlerey. Das erste erwachende, von Dir selbst verkannte, Gefühl Deines Herzens, führte Dich irre und Du wurdest, wo Du Dich geliebt glaubtest, nur das Opfer besonnener Unwürdigkeit! —
Natalie sah ihn anfänglich weniger oft — dann selten und immer seltener; doch sie wußte, daß er, als Directeur des Liebhabertheaters, viel zu thun habe, und daß das Studium seiner Rollen ihn gleichfalls Zeit koste. Seine häufigen Besuche im Rhodischen Hause galten ihr für das, wofür er sie ihr gab, für Privatproben. Auch theilte sie — so sehr gerecht gegen jedes fremde Verdienst, enthusiastisch für Kunst und Talent eingenommen — seine Bewunderung Louisens, und sprach diese oft lauter und wärmer aus, als er es zu thun wagen durfte. Sah sie ihn doch noch zuweilen, und dann zärtlicher als er je gewesen war! Ihr Vertrauen zu ihm blieb ungetrübt vom leisesten Zweifel und sie gegen ihn arglos und leichtgläubig wie ein Kind.
O wäre er nur wahr gegen sie gewesen! — sie wäre mit tiefer Trauer von ihm geschieden; aber sie wäre dann sanft und kindlich geblieben; sie hätte ihn entschuldigt, um ihn, auch getrennt, fortlieben zu können. — Ach, verlorenes Glück der Liebe thut wehe — doch Wollust ist dieser Schmerz gegen das Gefühl betrognen Glaubens und gemißbrauchten Vertrauens, — und kommt der Pfeil aus der Hand des Geliebten, dem wir unser ganzes Herz gaben — ach dann bringt uns keine irdische Zukunft den geraubten Frieden wieder zurück! —
Rhode wurde auf Louisens häufigen Umgang mit Rudolf aufmerksam. Man brauchte einen Deckmantel dafür, und wer taugte dazu mehr, als Natalie? Ihr argloses Vertrauen hatte Louise gegen Rudolf so oft Dummheit gescholten, seinen Feuergeist so oft im lächerlichen Contrast mit Nataliens heiliger Einfalt ihm dargestellt, daß er anfing, sich der Achtung zu schämen, die er bis jetzt für sie gefühlt hatte. Die Idee, seine Verbindung mit Louisen unter Nataliens Schutz fortzuführen, erschien ihm im Lichte einer feinen geistreichen Intrigue, und er führte Louisen bei Natalien ein, welche sie, auf seine Empfehlung, mit zärtlicher Zuvorkommenheit empfing. Zum erstenmal genoß Natalie der Annehmlichkeit, mit einem geistvollen liebenswürdigen Weibe nicht bloß Worte, sondern auch Ideen wechseln zu können, und sie gab sich daher mit voller Herzlichkeit der schönen Frau hin, die sie an Werth und Reiz so hoch über sich stellte, daß sie in ihr ein Vorbild zum Nachstreben sah. Ihre Liebe für Rudolf sprach sich so unverkennter in jedem Blicke, jedem Worte aus, er war so sichtlich die Seele ihres Lebens und ihres ganzen Daseins, daß Rhode in ihrer Verbindung mit Louisen die gründlichste Widerlegung seines Argwohns zu finden glaubte. Nataliens Güte, ihre einfache Anspruchlosigkeit, ihre Bescheidenheit, ihre Achtung fremden Verdienstes, auch dann, wenn es schimmerlos war, machten sie ihm, der sich von seiner Frau oft übersehen, und durch ihren Geist überflügelt fühlte, sehr theuer. Sie war jetzt fast täglich in seinem Hause, und Rudolf fand in diesen verwickelten Verhältnissen eine neue Würze seines Verständnisses mit Louisen, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Faden dieser Intrigue noch feiner und künstlicher auszuspinnen, wobei er auf Rhodens sichtbar werdende Neigung zu Natalien rechnete. Die Unfähigkeit dieser, irgend jemand zu täuschen, die heilige Treue ihres eignen Herzens, erhielt sie noch im Frieden unumschränkten Vertrauens zu dem Geliebten und der Freundin, als Treulosigkeit, Verrath und Arglist sie schon mit unzerreißbaren Fäden umsponnen hatten.
Nataliens Vater entschloß sich, jetzt, mit dem Frühjahr, sein Gut selbst zu beziehen, und sie wurde nun von den Eltern ernstlich über ihr Verhältniß mit Rudolf befragt. Erröthend bat sie die Mutter, ihr jede fremde Einmischung darin zu ersparen, deren sein Herz nicht bedürfe und die das ihrige verwerfe. Schonend und leise deutete diese auf seine seltneren Besuche und seine sichtliche Auszeichnung Louisens, die ja schon der Stoff allgemeinen Stadtgespräches sey. Natalie stritt — aber sie fühlte selbst das Unbefriedigende ihrer Antwort auf die einfache Frage der Mutter, warum er jetzt, bei der Annäherung ihrer bevorstehenden Trennung von ihm, nicht die Einwilligung der Eltern suche? — doch erhielt sie das geforderte Versprechen, ihr allein die Lösung des Knotens zu überlassen.
Diese Unterredung hatte sie schmerzlich angegriffen. Sie fing an, sich zu gestehen, was sie schon lange mit stillem Gram gefühlt hatte, ohne sich Rede darüber stehen zu wollen, daß es zwischen ihm und ihr nicht mehr so sey, wie ehemals, ohne daß sie dem, was sich zwischen ihre Herzen gezogen hatte, einen Namen zu geben wußte. Es war wie ein Nebel — wollte sie es ins Auge fassen, es untersuchen, so war es fort — und dann doch wieder da, so ängstigend, so beklemmend. Sie gestand es sich ungern und nur versteckt und geheimnißvoll, daß er sie vernachlässige — aber warum? — unmöglich, unmöglich konnte sie den Argwohn erregenden Verdacht ihrer Mutter theilen — sie schämte sich seiner — sie hätte sich verachtet, hätte er nur einen Moment in ihr haften können. — Lieber gab sie sich alle Schuld — wähnte, nur in ihr wohne der Argwohn — der Freund sey rein und edel und fest, und sie schon unwürdig, wenn sie dem leisesten Zweifel an ihm, dem Trefflichen, dem ach! so unaussprechlich Geliebten, auch nur ihr Ohr leihe. Dann trat sie ihm zuweilen mit Blicken so voll innigen Vertrauens, so voll treuer, unwandelbarer Liebe, entgegen, daß die Rinde um sein Herz zersprang, und er wieder der Alte seyn wollte. Doch eben diese Erweichung, dies Gefühl des Unrechts gegen sie, machte ihn dann so leidenschaftlich heftig, daß Natalie schüchtern vor seinen stürmischen Ergießungen zurückwich. So kamen sie immer weiter aus einander — nur die todte Form ihrer Verbindung bestand noch; die Seele der Liebe und des Vertrauens war ihr entflohen, und um Natalien wurde es unbeschreiblich trüb und einsam.
In dieser Stimmung war sie, als Rhode eines Morgens mit funkelnden Blicken, mit blassen verstörten Zügen, zu ihr eintrat, und ihr Rudolfs Briefe an seine Frau zuwarf. Ein Kammermädchen dieser hatte sich mit ihr überworfen, und in der ersten Aufwallung ihrer gereizten Bosheit, Rhoden entdeckt, was sie von dem Verständniß seiner Frau mit Rudolf erlauscht, errathen, und gewußt hatte. Er forderte Beweise und erhielt die Briefe, die er jetzt Natalien brachte. Sie entfaltete sie mit der höchsten Seelenangst — aber bei den ersten Zeilen schon überhüllte eine Ohnmacht schonend das gebrochene Herz, und sie sank erbleichend in Rhodens Arme. Das schmerzlichste Mitleiden mit ihr, die ihm viel theurer war, als er selbst wußte, regte seine Wuth noch heftiger auf. Bube! rief er knirschend, den Schmerz dieses Engels sollst Du mir, so wahr Gott lebt, schwer büßen! und, ohne ihr Erwachen abzuwarten, klingelte er ihrem Mädchen und ging.
Natalie schlug die Augen wieder auf, und schauderte, daß es Tag und Sonnenschein um sie war. Stumm und ohne Thränen las sie jetzt langsam die Briefe durch, und erhielt die Ueberzeugung, daß Rudolf nicht nur treulos gegen sie, das Weib eines Mannes, den er Freund nannte, verführt, sondern auch planmäßig darauf gerechnet habe, Rhode durch sie zu beschäftigen, und ihn dadurch gegen sein Verhältniß mit Louisen blind zu machen.
Da stand sie nun an einem Abgrund, in den sie sich, mit der ganzen Gewalt ihrer Empfindungen, hineinstürzte. Gränzenlos, wie ihre Liebe, war auch ihr Schmerz; ohne Thränen, ohne Klage, ohne Vorwurf, wühlte er in seiner eignen Tiefe, und alle freundlichen Gestalten des Lebens schieden von ihr.
Sie blieb den Tag einsam auf ihrem Zimmer, und saß gegen Abend wie vernichtet in der Ecke des Sophas, als sich leise die Thüre öffnete, und Rudolf eintrat. Mit dem Ausdruck des Schreckens stand sie auf, — blaß, von Schaam und Demüthigung entstellt, sah sie ihn zögernd ihr näher treten, die ernst, stolz und kalt vor ihm stand.