Nataliens Thränen flossen — in ihrer Seele stand der Gedanke: o sage ihm heute, wie er geliebt ist — aber als er, ehe noch das sprachlose Herz Worte finden konnte, sich zu ihr herunter bog und fragte, ob sie, die er seit Jahren so heiß, so treu und einzig liebe, auch noch jetzt ihm unbekannt bleiben wolle? — da —

Seelige Natalie — verhülle nach dem leisen zitternden Laute deiner Antwort nur immer das überfließende Auge tiefer in den herabgesunknen Schleier! — Ach, Du warst ja nur so seelig, weil Du einen Glücklichen gemacht zu haben glaubtest! —

Ja wohl rollt ihr hinweg, ihr schönen, himmlischen Minuten der jungen Liebe und des frischen Lebens — doch wohl dem, der auch heilig genossen hat! Ihm wird das Morgenroth seiner frühern unvergeßlichen und unersetzlichen Hoffnungen und Wünsche dann im öden Lebenswinter zum Abendroth, das sich wie eine höhere Aurora um das kalte, einsame Grab legt. —

Von diesem Abend an lebte Natalie nur für ihn, und auch er fand sich in diesem ungetheilten Besitz ihres Herzens befriedigter denn je. Mit der schwärmendsten Vergötterung hieng sie mit allen ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, mit allen Wünschen, Hoffnungen und Freuden ihres Lebens an ihm. Die Freiheit, deren sie im elterlichen Hause genoß, gab Rudolf Gelegenheit, sie täglich auf ihrem Zimmer zu sehen, und in diesen Stunden stiller Unterhaltung entfaltete ihr Geist seine schönsten Blüthen. Kam die Mutter einmal herauf, so fand sie Natalien am Flügel, wo Rudolf mit seiner Flöte oder Violine ihr Spiel begleitete; oder vor Nataliens Staffeley; oder Rudolf las ihr auch vor, und unterrichtete sie im Englischen, das er sehr schön und fertig sprach. Sie dankte ihm denn herzlich für seine Bemühung, und Rudolf ging, mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit, so ganz in ihre Ansichten ein, daß sie ihre Tochter bald nirgends so gut aufgehoben glaubte, als in seiner Gesellschaft. Auch trug er wirklich nicht wenig zu der hohen, seltenen Geistesbildung bei, die Natalie späterhin unter den Weibern so vereinzelte, aber für ihr eigentliches innres Leben, das bei dem Weibe doch nur im Gemüth schön gelebt wird, trug dieser Umgang nur schädliche Früchte. Die ungetrübte kindliche Unschuld und Demuth des Mädchens, die stille jungfräuliche Würde ihres Benehmens, ihre Begeisterung für Alles, was ihrem Sinn, als schön, edel und groß, entgegen kam, und ihr Herz voll der allerinnigsten, reinsten Liebe, wurden für ihn eine Schule weicher Menschlichkeit, die oft einen Abglanz wahren Gefühls auf ihn warf; aber für Natalien wurde die gewaltsame Spannung seiner geistigen Kräfte, in der sein Innres immer fortbebte, und er oft von der weichsten Sentimentalität zur Lustigkeit, von Begeisterung zur possenhaften Laune überging, und mit allen Affekten nur ein Spiel trieb, sehr gefährlich. Bewundernd, wo sie nicht fassen konnte, eignete sie sich von ihm unvermerkt die Fähigkeit an, Genuß darin zu finden, Andere über sich zu täuschen, und einen angenommenen Karakter wie eine Rolle, mit Kunst und Feinheit, durchzuführen. Der Uebergang von der bisherigen Wahrheit ihres Karakters — ihre Verschlossenheit war nie Verstellung — bis zu diesem Punkt, war so langsam, daß er von ihr fast unbemerkt blieb, und wo denn in ihr ein Resultat dieser Aenderung ans Licht trat, da nannte er es Ausbildung und Entwickelung — und wie sollte sie es nicht auch dafür halten, da es ihr von ihm, den sie als den ersten der Menschen in ihrem Herzen trug gekommen war? —

Doch ein so tief gesunkner Mensch wie Rudolf konnte nicht mehr die Fähigkeit besitzen, durch Tugend, Liebe und Wahrheit beglückt zu werden. Auf Stunden konnte er sich mit seinen erlogenen Gefühlen täuschen; aber das Band zwischen ihm und diesen Gottheiten war zerrissen, und in seiner Seele nichts mehr, woran es sich von neuem hätte knüpfen können: denn in ihm war keine Wahrheit mehr. So wurde es ihm denn bald Bedürfniß, durch Nataliens treue einfache Liebe seiner Eitelkeit zu fröhnen, die leidenschaftliche Innigkeit derselben zur Schau auszustellen und ihre Bildung für sein Werk auszugeben. Von seiner Liebe, von seinem Beifall beseelt, sollte das bis jetzt ganz unbeachtete Mädchen plötzlich alle überstralen, und bald bittend, bald gewaltsam, entriß er Natalien den Schleyer, worin sie ihre Tugenden, ihr Herz, ihre Talente hüllte. Er sprach jetzt laut und bewundernd von ihr, zeigte in Gesellschaften gern und nicht immer zart seinen Einfluß auf sie, verrieth ihre Kenntnisse, ihre Talente, und zwang sie, da andre zu verdunkeln, wo sie bis jetzt freiwillig im Schatten gestanden hatte. Für sie wurde ihre Liebe zur Sonne, die alle bis dahin schlummernden Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele zur freudigsten Thätigkeit weckte, und sie wurde durch die plötzliche, von Rudolf herbeigeführte, Aenderung ihres Standpunktes im geselligen Leben durchaus nicht eitel, weil sie sich alle ihr dargebrachte Huldigungen nur als ein von ihm entlehntes Eigenthum aneignete, und nur seine Freude daran, seinen Stolz darauf, genoß. Ihre Demuth wurde Bescheidenheit, aber in ihren Reden und in ihrem Benehmen blieb sie das einfache, freundliche Mädchen, voll Achtung für jedes fremde Talent, das sie neidlos ehrte und noch immer gern dem ihrigen vorgezogen sah. Sie sang jetzt in mehrern Concerten mit dem entschiedensten Beifall — ihre Gemälde und Stickereien prangten in der Kunstausstellung der fernen Residenz — einzelne ihrer Gedichte und Compositionen erschienen in mehreren der gelesensten Journale, und Rudolf sorgte trefflich dafür, daß die Chiffer, mit der sie ihre Arbeiten unterzeichnete, nicht unbekannt blieb. Er erreichte seinen Zweck, die Augen der ganzen Stadt wandten sich auf Natalien, die man als sein Werk, sein Geschöpf, anstaunte. Fremde suchten die Bekanntschaft des geistvollen Mädchens, und wer sich Natalien nur mit Neugierde genaht hatte, verließ sie mit Achtung für die Güte des Herzens und für die Innigkeit des Gefühls, die alle ihre Handlungen beseelte, und Kleinigkeiten oft einen zauberischen Werth lieh, der sie dem Herzen unvergeßlich machte. Sogar ihr Vater hörte jetzt so viel von ihr sprechen, wurde auf seinen häufigen Reisen so oft nach ihr gefragt, daß er die Neugierde nicht unterdrücken konnte, seine Tochter kennen zu lernen. Sein Ton gegen sie verlor das Harte, das Geringschätzende, und ohne zärtlich zu werden, ward er anständig und höflich, da sie ihm, außer ihren Talenten, für die er wenig Sinn hatte, auch in andern ihn mehr interessirenden, Fächern zu genügen, und ihm ihre Unterhaltung angenehm zu machen verstand. Die Landwirthschaft war seit einigen Jahren sein Steckenpferd: Natalie las viel darüber, machte für ihn Auszüge aus neuen, in fremden Sprachen für dies Fach geschriebenen, Werken, und fand bald selbst Interesse daran. Hiedurch gewann sie außerordentlich bei ihm; er fing ordentlich an, sich auf diese Tochter etwas zu Gute zu thun und sie zu achten. Die Mutter hing mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihr und hatte unbedingtes Vertrauen zu Nataliens Karakter und zu ihrem Herzen, dessen Weichheit ihr allein bekannt war.

So verrannen einige glückliche Monate. Allgemein glaubte man Natalien mit Rudolf verlobt, und er lebte selbst mit ihren Eltern in der Sicherheit eines solchen Verhältnisses, da er seine Liebe für Natalien gar nicht verhehlte, und seine Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, oft und deutlich aussprach. Ihre große Jugend und von seiner Seite die Nothwendigkeit, erst seinen Ruf und seine Praxis zu gründen, ehe er an eine häusliche Einrichtung denken konnte, schienen es zu rechtfertigen, daß er seine förmliche Anwerbung noch verschob. Natalie lebte in dieser Hinsicht in der sorglosesten Ruhe, fest überzeugt, er werde zur rechten Zeit darüber reden, und so lange er schweige, müsse es schöner und besser seyn, darüber zu schweigen. Auch sprach sich in ihrem Verhältniß zu ihm die Zartheit ihrer Empfindungen so schön aus, daß das Wort Liebe nur sehr selten unter ihnen genannt wurde, und daß er, trotz des täglichen ungezwungnen Beisammenseyns kaum einmal ihre Lippen berührt hatte. Er ehrte zuweilen das Sittlichschöne, wenn es ihm ästhetisch schön erschien — darum ließ er Natalien in dieser zarten Reinheit, die auch für die Minute des höchsten Vertrauens und der zärtlichsten Liebe nur seelenvolle Blicke, nur eine gefühlvolle Thräne, aber selten Worte, und nie mehr, hatte.

Rudolf, der fast keinen Unterschied zwischen der Bühne und dem wirklichen Leben kannte, interessirte sich lebhaft für die Errichtung eines Liebhabertheaters. Es kam zu Stande; aber alle seine Versuche, Natalien zur Annahme einer Rolle zu bewegen, blieben fruchtlos, da ihr Vater sich durch einen Machtspruch bestimmt dagegen erklärte, und Rudolf mußte die Hoffnung aufgeben, seine Natalie auch auf der Bühne glänzen zu sehen.

Hier traf er wieder mit Louisen zusammen, die er, bis zu seiner nähern Bekanntschaft mit Natalien, ausgezeichnet hatte, und dann, auf eine für ihren Stolz sehr demüthigende Art, verließ und vernachlässigte. Sie war jetzt die Verlobte des Jägermeisters Rhode, eines guten, schlichten, sehr reichen Mannes, der stolz darauf war, das schönste Weib im ganzen Lande sein zu nennen. Und dies war Louise unwidersprechlich! — ein Meisterstück der schaffenden Natur, werth durch Pinsel und Meißel den schönsten Kunstidealen zugesellt zu werden. Auch der Geist, der diesen Körper belebte, war nicht alltäglich, aber von Jugend auf für Glanz und Gefallsucht erzogen, — kannte sie kein höheres Glück, als von ihrem Geschlechte beneidet und bewundert, von dem männlichen vergöttert, beide die übermüthige Herrschaft ihrer Schönheit empfinden zu lassen. Dies war der Zweck, für den sie alles berechnete, an dessen Erreichung sie ihr ganzes Leben setzte, und auf diesem Wege war ihr Natalie feindlich begegnet! — Wie sie unter den Weibern, ragte Rudolf unter den Männern hervor. Gewohnt, alles, in Bewunderung, sich vor ihr beugen zu sehen, war er, dessen Blick, Benehmen und Miene so deutlich verriethen; ich lasse nie über mich herrschen — eine neue Erscheinung für sie, die ihr einer nähern Beobachtung werth schien. Er näherte sich ihr — sie that alles, um ihn zu fesseln, ließ sich sogar herab, die Täuschung, die ihn ihr zuführte, zu benutzen, ohne die Gefahr zu ahnden, der sie sich Preis gab. Die stolze, gefühllose Louise fühlte, ihm gegenüber, zum erstenmale, daß sie ein Herz hatte. Sie war im Begriff, sich zu verheirathen, und nicht modisch genug erzogen und gesinnt, um sich vor oder nach ihrer Heirath eine ernstliche Intrigue erlauben zu wollen, so wenig sie auch, auf der andern Seite, Willens war, auf den Genuß, sich gehuldigt zu sehen, Verzicht zu leisten. So nahm sie dies Erwachen ihres Herzens für Gefühl befriedigter Eitelkeit, obgleich der leise Wunsch: ach stände Rudolf an Rhodens Stelle! ihr wohl hätte verrathen können, was sie fühlte — aber eine bittre, schmerzliche Empfindung sollte sie erst später mit dem Geheimniß ihres Herzens bekannt machen.

Es war in einem von Rudolf veranstalteten Liebhaber-Konzert, als Natalie zum erstenmale öffentlich auftrat. Louise sang eine recht hübsche Romanze — sie endigte, — und jetzt führte Rudolf aus einer der letzten Reihen Natalien vor. Mit sittsamer Anmuth trat sie zum Orchester, und ihr holdes Erröthen sicherte ihr im Voraus die Nachsicht, mit der die Zuhörer einen jugendlichen schülerhaften Versuch aufnehmen zu müssen glaubten. Welches Erstaunen ging aber durch den Saal, als sie, mit ihrer reinen, vollen, kunstmäßig ausgebildeten Stimme, eine der glänzendsten und schwersten italiänischen Arien mit einer Sicherheit, Präzision und Rundung vortrug, die bei einer Dilettantin Bewunderung erregte und verdiente. Ihr Gesang erweichte und gewann ihr alle Herzen und sie erhielt ungetheilten Beifall. Louise wurde darüber mit ihrer Romanze ganz vergessen. Sie fühlte das, und es kostete sie Mühe, in das allgemeine Lob mit einzustimmen. Aber als Rudolf, dessen Eitelkeit ihren Haß gegen Natalien forderte, zu ihr trat, diese enthusiastisch lobte, und sie mit einer an Unart gränzenden Kälte verließ, weil er nur Auge, nur Ohr für Natalien hatte, fuhr sie mit einer ihr bis dahin fremden Bitterkeit im Herzen zu Hause. Unwillig riß sie beim Auskleiden die Blumen aus dem Haar — ich liebe ihn nicht, rief sie heftig, ich hasse ihn — ja wahrhaftig ich hasse ihn — aber ungestraft soll er mich nicht mit seiner Vorliebe für dies Gänschen verhöhnen. Ich will ihn zu meinen Füßen sehen, und mein spottender, triumphirender Blick soll mich dann rächen!

Sie versuchte jetzt manches, ihn wieder an sich zu ziehen; aber jeder Versuch mißlang, und das Gefühl gekränkter Eitelkeit, gekränkter Liebe, rächte jetzt alle die, mit deren Herzen sie früher oft, im Bewußtseyn ihrer Macht, so grausam gespielt hatte. Sie wollte ihn jetzt vergessen, und beredete Rhode, mit ihr, gleich nach ihrer Verbindung, eine Reise zu machen, von der sie nur, beim Eintritt des Winters zurück kamen. Ihr Stolz hatte ihr nie erlaubt, sich zu gestehen, daß sie Rudolf liebe; nur ihre Eitelkeit wähnte sie durch diesen Abfall von ihr, der Rose, zu der farb- und geruchlosen Feldblume gekränkt, und glaubte, es sich selbst schuldig zu seyn, ihm fühlbar machen zu müssen, wie er sich in unbegreiflicher Blindheit vergriffen habe. Willkommen war ihr daher das Liebhabertheater, das ihn ihr wieder näher führen mußte. Es wurde mit Menschenhaß und Reue eröffnet. Rudolf spielte den Baron Meinau, Louise seine Gattin. Ihr kunstvolles, richtiges Spiel, gehoben durch den Wiederschein eines ihr selbst unbekannten Gefühls, und durch den Zauber ihrer auf dem Theater unwiderstehlichen Schönheit, erwarb ihr den rauschendsten, an Vergötterung gränzenden Beifall, den Rudolf in seiner Rolle mit ihr theilte, und der beiden für die Folge die ersten Rollen sicherte.