Rasch entwich sie und verlor sich in der Menge. Noch durchsuchte Rudolf alle Nebenzimmer, wie sie schon wieder als Pilgerin gekleidet neben ihrer Mutter stand, und sich mit einigen Bekannten unterhielt. Eben so vergeblich waren seine spätern Nachforschungen. Nataliens beide Schwesterparzen waren zwey sehr fern wohnende, in St. ganz unbekannte Mädchen, mit denen sie schriftlich alles verabredet hatte, die erst am Tage der Maskerade eintrafen, im Ballhause abstiegen, wo Natalie sich auf ihrem Zimmer umkleidete, und die am andern Morgen St. zeitig wieder verließen. Man hielt, da man dies erfuhr, die dritte Parze auch für eine Fremde, nur Rudolf traute der erhaltenen Versicherung, daß sie in seiner Nähe lebe, und er sie oft sehe. Von Neuem begann er nun wieder seine Nachforschungen, ob ihm, unter den Mädchen seiner Bekanntschaft, nirgends ein Wiederschein dieses Geistes begeben. — Doch vergebens war alle seine Mühe, da Natalie, still und seelig in sich selbst versunken, ihm mit einer ihr selbst unerklärlichen Schüchternheit sorgfältiger denn je auswich.

Eines Abends fiel in einem ziemlich vertrauten, um eine Bowle Punsch versammelten, Männerzirkel, das Gespräch auf weibliche Geistesbildung. Die mehrsten der Anwesenden wollten sie auf bloße Toiletten- und Gesellschaftskunst beschränken, welches Ferdinand mißbilligte. Man kam endlich von den allgemeinen Sätzen zur Anwendung auf einzelne Frauen und Mädchen, und fing an, Preise auszutheilen. Busch, der an dem Gespräch nur wenig Antheil genommen hatte, sagte leise zu Rudolf: da du es so gut aufnimmst, wenn die Grazien unter Minervens Helm Versteckens spielen, so hätte ich wohl Lust, dich auf ein Mädchen aufmerksam zu machen, das, fast von allen unbemerkt und ungekannt, ihren Geist und ihre Talente eben so sorgfältig verbirgt, wie andre Mädchen ihre Gebrechen.

Und dies Mädchen heißt? fragte Rudolf mit der allergespanntesten Erwartung.

Natalie Alberti.

Wie, diese Natalie, von der ich mich kaum entsinne, drei Worte gehört zu haben, die ich fast nie anders als beim Spiel- und Eßtisch gesehen habe, diese stumme, allenthalben übersehene unbeachtete Natalie? unmöglich! —

Sie hat einen kleinen Anstrich sentimentaler Thorheit, und bei vielem Verstande fehlt ihr durchaus die Gabe, ihn geltend zu machen. Ich selbst schelte sie oft einfältig; allein nie rede ich eine Viertelstunde mit ihr, ohne diesen Mangel an Feinheit und Gewandtheit zu vergessen. Il y a du radotage dans ses sentiments; mais c’est le radotage de l’enthousiasme; a un caractère plein de vigueur, elle joint une sensibilité qui ne goûtera jamais le bonheur que par l’organe d’un amour passioné.

Rudolf ging unruhig nach Hause. An dem, was Busch ihm gesagt hatte, erkannte er seine Unbekannte, und Natalie hatte er bis jetzt so ganz übersehen, daß er sich nun nicht einmal ein Bild ihres Aeußern zu entwerfen vermochte. Nach einigen Tagen erst traf er sie in einer Gesellschaft, und konnte nun nach dem ersten Blick das Auge kaum wieder abwenden von diesem jugendlichen Gesicht, voll Züge sanfter Wehmuth und eines stolzen Ernstes, der mit der einfachen, kindlichen Demuth ihres Wesens sonderbar verschmolzen war. Er sah jetzt den geistvollen Blick ihres großen dunklen Auges, das sich unter der langen Wimper so sinnvoll hob und so zart jungfräulich senkte, und wenn er sich gleich einräumen mußte, man könne dies Gesicht übersehen, so blieb es ihm dafür desto unbegreiflicher, wie ein Auge, das einmal auf dieser Gestalt geweilt habe, nicht immer unwillkührlich zu ihr zurückkehre. Er näherte sich ihr und knüpfte ein Gespräch an; ihr Erröthen, das Beben ihrer Stimme, das Senken ihrer Augen vor seinem Blick, und mehr noch, die tiefe innige Empfindung, die jedes ihrer Worte beseelte, bestätigten ihm, was er sich beim ersten Blick gesagt hatte: Sie ist es!

Am andern Morgen ging er zu ihrer Mutter, sie zu einer Schlittenparthie für den Nachmittag einzuladen, und bat zugleich um die Erlaubniß, Natalien fahren zu dürfen. Sehr gern, erwiederte sie, wenn Sie meine Tochter nur bereden können, mitzufahren. Sie klingelte und ließ Natalien rufen. In ihrem einfachen, weißen Morgenanzug, in der noch ungeregelten Fülle ihrer braunen Locken, in der holden Verlegenheit bei ihrem Eintritt und in dem noch holdern Erröthen, mit dem sie seine Bitte bewilligte, erschien sie ihm sehr reizend. Natalie war jetzt gewiß, von ihm erkannt und geliebt zu seyn, und dies Bewußtseyn hob sie mit Wunderkraft zu einem stillen Selbstgefühl, das ihr die Würde und die Anmuth lieh, die das Mißtrauen gegen sich selbst bis jetzt in ihr unterdrückt hatte.

Er fuhr sie am Nachmittag und fand sie in den sinn- und gemüthvollen Aeußerungen ihres Gesprächs ganz dem Bilde entsprechend, das er sich früher von ihr entworfen hatte. Je mehr er das aber erkannte, je mehr staunte er über sie, da es ihm, der alles für den äußern Schein berechnete, und der die Eitelkeit für das erste Lebensprincip der weiblichen Seele hielt, unbegreiflich war, daß man Tugenden und Talente vorsätzlich verschleiern, und sich an ihrem Besitz genügen lassen könne, ohne Prunk damit treiben zu wollen. Er zeigte ihr eben so fein als gefühlvoll die zarteste innigste Liebe, und sie genoß des unaussprechlich süßen Glückes, ihren Werth und ihre Bildung von dem Manne geehrt zu sehen, dessen Achtung das höchste Ziel ihrer Wünsche war. Er sprach ihr viel von sich, und sie faßte ihn ganz in dem wunderbaren, romantischen Lichte auf, in dessen Beleuchtung er sich ihr zu zeigen für gut fand, und wurde so mehr und mehr ein freudiges williges Opfer eigner Verworrenheit und fremder Verruchtheit.

In Natalien tönte die Unterredung auf der Hinfahrt den ganzen Nachmittag und Abend nach. Sie war bewegt durch die leidenschaftliche Sehnsucht nach einem Herzen voll Liebe, die Rudolf ihr gezeigt hatte, und hielt sich für betrübt, da sie doch eigentlich nur glücklich war. Die Freude unterschied sich in ihr vom Schmerze nur durch die süßere Thräne, und ihr Herz war mit dem Kummer so vertraut, daß sie jetzt auch der schönsten Stunde seinen Trauerkranz gab. Und als sie am Abend wieder mit Rudolf nach Hause fuhr, wurde ihr der gestirnte Himmel, das eilige Hinfliegen über die beschneiete, eingefrorne Erde, das Geläute der andern voraufgeeilten Schlitten, alles, zu bedeutenden Bildern, die ihr Herz noch schwerer machten und beklemmter. Rudolf erweichte sie noch mehr durch den Vergleich ihrer heutigen Fahrt mit dem Leben, wo man auch bei heiterm Sonnenschein ausfahre und die Nacht dann so schnell komme — und wie der Mensch nur durch die innre Wärme sich in der Jugend gegen die äußre Kälte schütze, und dann allmählig, allmählig zur Eisstatue erstarre, weil ja kein zweites Herz das seine decke und erwärme. —