O wenn Du, Ernste, die Liebe kenntest, dann würdest Du auch um den Schmerz der Sehnsucht, um des unendliche Weh in der Brust des armen Menschen wissen, und uns erhören, wenn Liebe und Jugend um Schonung eines unersetzlichen Lebens flehen? —

Ist denn dem Menschen das Geliebte verloren, so lange er es mit Schmerzen beweint? — Das Leben ist grausam — es entreißt mit der Geliebten auch die Liebe; ich dagegen löse sanfter und schonender das Band der Herzen nur, um es in meiner Welt fester zu schlingen und es vor der Entweihung zu schützen, der es im Leben preis gegeben seyn würde. —

Ja Du hast Recht — das Leben ist grausamer als Du: — hält es doch auch mir die Geliebte schmerzlicher verborgen, als Du es zu thun vermochtest!

Natalie hatte ihn beim ersten Blick erkannt. Nur die Maske verbarg ihm das Beben ihrer Stimme und ihr Erröthen bei seiner Annäherung. Diese letzten Worte rührten sie innig — ach vielleicht, vielleicht suchte er sie — sie fühlte, der erste Laut ihrer Stimme müsse sie in diesem Moment verrathen, und stand schweigend neben ihm. —

Ungesehen, fuhr er fort, als gehöre sie der Geisterwelt an, wandelt die Geliebte mit mir im Lichte — gekannt, geliebt, und doch vielleicht nie von mir erblickt, nie gefunden. —

Suche sie in Deinem Herzen, stammelte Natalie leise, dann wirst Du sie auch in Deiner Nähe finden.

O wenn Du die Schmerzenssehnsucht kenntest, mit der ich sie, sie allein seit frühster Jugend gesucht habe — wie ich immer so voll Ahndung war, sie zu finden — sie so oft rief — Antwort zu vernehmen glaubte — der Stimme nacheilte über Land und Meer, und dann fand, sie sey nur der Wiederhall meiner eignen klagenden Sehnsucht gewesen! — Ich ging mit ihrem Bilde durch die ganze Natur, und sah, wie selbst das Leblose nach der schönsten Form ringet und sie findet, die Perle in der Tiefe des Meers, wie der Krystall im Schoos der Erde — und nur der Mensch sollte ausgeschlossen seyn vom allgemeinen Gesetz der Schönheit, zu der alles anstrebt? Nein, sagte mein Herz, was die Form für das Seelenlose ist, das ist die Liebe für den Menschen, und von neuem zog die Hofnung in mein Herz. Vergeblich! Kein lebendes Weib trat zwischen mich und die gesunkene Menschheit! Keine edle weibliche Seele verhüllte mir mit ihrer Schönheit die Mißgestalt der Welt, die mein Wirken empfangen sollte! — da ward ich rauh und hofnungslos und bitter; aber mir blieb doch noch ein Traum von ihr in der Seele — ein Traum — und er ward mir gedeutet — doch auch das nur wieder im Traum, und ich stehe auf der entlaubten Stätte meiner frühern Jugend, wo ich die Geliebte zu finden wähnte, einsamer und hoffnungsloser denn je.

Als Du einsam auf dem Vesuv standest, und Deine Arme der flammenden Morgenröthe entgegen breitetest, da riefst Du ihren Namen durch die feiernde Natur, und hellere Glutwolken sandte der ewig jugendliche Gott des Tages vor sich her. — Jene Minute sey Dir Sinnbild Deines Lebens — unter Dir der gährende Krater einer gesunkenen Welt — über Dir der Himmel eines schönern Landes, und vor Dir die Morgenröthe der Hoffnung. —

Natalie fühlte, daß diese Anspielung auf einen seiner Briefe sie ihm verrathen mußte, und wandte sich daher, bei den letzten Worten, leise ab, um sich im Gewühl zu verlieren. Aber er faßte rasch und feurig ihre Hand — o so trog mich, rief er aus, mein Herz nicht! ich habe gefunden, was ich so lange, so sehnlich suchte. Sie sind es, Sie — o Gott, Sie können mir nun nicht mehr unsichtbar bleiben wollen — Sie — o Gott, wie soll ich Sie nennen? — mein Einziges, mein Alles?

Natalie war tief erschüttert — ein sanftes Weinen unaussprechlicher Seeligkeit machte sie einige Minuten stumm. Mit sehr edler Haltung wandte sie sich dann zu ihm, ich werde Ihnen nicht immer Namenlos bleiben, sagte sie ihm mit den schönen Tönen der Liebe; ich lebe in Ihrer Nähe, und Sie haben mich oft gesehen, wie ich Sie. Aber daß Sie mich nicht auffanden, berechtigt mich, nach meinem Gefühl, Ihnen auch heute, in der schönsten Stunde meines Lebens, meinen Namen zu verschweigen.