Die ersten Tage lebte er im Familienzirkel, dann erschien er in den größern Gesellschaften, wie auch an öffentlichen Versammlungsörtern, und unterjochte bald Männer und Weiber durch den Ernst seines Wesens, der so viel tiefen Gehalt anzudeuten schien und den alle jene Talente und Annehmlichkeiten verlieblichten, ohne deren Schimmer Tugend und Seelenwerth in der Welt nur wie eine seltne Schaumünze gelten, die man begafft, ohne sie in Handel und Wandel aufzunehmen. Natalie vermied ihn in den ersten Tagen, voll wehmüthiger Ahndung und banger Sehnsucht, die sie selbst nicht verstand. Der allgemeine Beifall, den er fand, und seine Resignation auf Emmas Hand, die sie im Colorit eines schönen, edlen Opfers sah, machten sie noch schüchterner, weil sie sich unbeschreiblich unbedeutend neben ihm fühlte und ängstlich fürchtete, daß er sie, bei persönlicher Bekanntschaft, unwerth finden möge, seine Achtung, seine Freundschaft, seinen Briefwechsel, so lange unter fremdem Namen genossen zu haben. Noch immer von Allen gemißbilligt, getadelt, verkannt, oft sogar verhöhnt, war sie äußerst mißtrauisch gegen ihren eignen Werth, da ihr aus der Liebe eines verehrten Wesens noch nie das Gefühl der Billigung ihrer Individualität aufgegangen war; sie wußte, wie sie dies von gleichgültigen, ungeachteten Menschen geschmerzt hatte, und diese Erinnerung wurde ihr zum Maaßstab des unendlichen Schmerzes, mit dem sie Rudolf, den sie über alles ehrte, sich gleichgültig und achtungslos würde von sich wegwenden sehen. Es schien ihr so kühn, so unglaublich, daß er — der Größte, der Edelste — gerade sie, die Ungeachtete, Uebersehene, seiner Achtung, seiner Freundschaft würdigen solle. — Emma war ihm so gut als verlobt, Emma war so hübsch, so witzig, so klug; unter der Hülle ihres Namens war es so leicht, ihm zu schreiben — aber ihm nun als die reizlose, verlegene, im Leben oft unbeholfne Natalie unter die Augen zu treten — ihr Stolz, ihr Herz, ihr Mißtrauen — Alles sprach dagegen. Nein, sagte sie, von ihm unerkannt, bleibe es mein schönstes Glück, ihm schweigend durch das Leben zu folgen, und nie verrathe ihm ein Blick, ein Wort, das Herz, das ihn so unaussprechlich ehrt, und dem er einst so freundlich gesinnt war. So gestimmt, vergingen ihr einige Wochen, ehe sie den Muth erhielt, ihre Mutter in eine der Assembleen zu begleiten, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen. Er war bei ihrer Ankunft noch nicht da, und sie nahm, wie gewöhnlich, eine Karte. Aber unwillkührlich erzitterte sie, so oft sich die Thüre hinter ihrem Sitze öffnete, und als sie endlich seinen Namen nennen hörte, der Ton seiner Stimme zu ihr drang, wechselte sie die Farbe, und verlor fast sichtlich ihre Fassung. Er ging unter den Spieltischen umher, sprach hie und da einige Worte, und sie gewann Zeit, sich für den Augenblick zu sammeln, wo er ihr, nach Endigung ihrer Parthie, von der Frau des Hauses vorgestellt wurde. Sie zog seine Aufmerksamkeit nicht auf sich; die stumme Verbeugung, mit der sie seine Anrede beantwortete, empfahl sie ihm auch nicht, und er vergaß bald, daß er sie überhaupt gesehen hatte. Natalie blieb ihrem Vorsatz, sich ihm durch nichts bemerklich machen zu wollen, treu, und änderte auch ihre Lebensweise keinesweges. Selten nur sah er sie in Gesellschaften, noch seltner in dem Kreise junger Mädchen, und wenn er sie denn einmal antraf, war es am Spieltisch, oder bei Tische an der Seite älterer Männer, unter denen es einige gab, die sich lebhaft und achtungsvoll für sie interessirten. Ihre Kenntnisse und Talente waren und blieben allen ein Geheimniß, und nie hörte er ihrer anders, als wie eines ganz gewöhnlichen Mädchens erwähnen, dem der Muthwille in seinen Aeußerungen oft einen Anstrich romanhafter Thorheit lieh.
Natalie hingegen war eine desto aufmerksamere Beobachterin seines Lebens, und der Schein von Ungewöhnlichkeit, den er allem gab, was er sagte und that, wurde dem Bilde, das sie von ihm mit wahrer Andacht in ihrem Herzen trug, zum immer stralenderen Heiligenschein. Sie liebte ihn unaussprechlich, und mit der Stärke, die die ersten erwachenden Gefühle einer so glühend leidenschaftlichen Seele, wie die ihrige, bezeichnen mußte. In diesem schönen Zeitpunkt, wo ihr Herz zum erstenmal das Gefühl des höchsten Lebens inne ward, ließ selbst seine Kälte sie nicht unbefriedigt, weil es ihr genügte den Gegenstand für dies Gefühl gefunden zu haben. An eigentliche Liebe dachte sie auch nicht, und diese Gottheit feierte, wie fast immer in reinen Seelen, ihren ersten Einzug unter einem fremden Namen. Natalie nannte ihr Gefühl, Ehrfurcht, Anerkennung seines Seelenwerthes, Genuß im Anschaun der geistigen und sittlichen Schönheit seines Karakters, und kaum erlaubte sie sich den leisen Wunsch, daß seine Freundschaft einst der Lohn ihres stillen Strebens, derselben werth zu werden, seyn möge. In das Buschische Haus kam sie jetzt selten, da Emma, seit ihrer Verlobung, fast ausschließlich in der, Natalien fremden, Familie ihres künftigen Gatten lebte, und weil sie, im Bewußtseyn, wie gerne sie in Rudolfs Nähe war, voll Jungfräulichkeit jeden Ort mied, wo sie gewiß seyn konnte, ihn zu treffen.
Desto emsiger suchte Rudolf nach seiner unsichtbaren Geliebten, und trat fast jedem Mädchen von Emmas Bekanntschaft näher, um die Ersehnte zu entdecken. Keine wich ihm aus, jede stand den schönen Mann gerne Rede; aber von jeder wandte er sich bald nachlässig und getäuscht ab, bis er auf Louise Wiese traf, die mit dem Zauber seltner Schönheit den Glanz eines nicht allein brillanten, sondern auch brillantirten Geistes verband. Sie nahm den allgemein gefeierten Mann zuvorkommend auf, und that, als sie den Irrthum erfuhr, der ihn ihr näher führte, nichts, um ihn zu vernichten, sondern manches, das Rudolf darin bestärken mußte. Die Entfernung, in der sie Rudolfen bis jetzt geblieben war, ihr wörtliches Abläugnen jedes Antheils an Emmas Briefen, den sie doch oft in unwillkührlichen Aeußerungen zu verrathen schien, erklärten sich ihm durch ihre Verlobung mit einem Manne, dem sie, wie man allgemein wußte, nur in Rücksicht auf sein Vermögen und den Wunsch ihrer Eltern, ihre Hand versprochen hatte. Louisens Geist vermochte den seinen zu fassen; sein Witz belustigte sie; ihre Eitelkeit gefiel sich in seiner Auszeichnung, und unmerklich gewann sie wahres Interesse an ihm; aber die Empfindung, die Flamme schöner Begeisterung für Alles, was den Menschen erhebt und veredelt, die Natalie ihm gezeigt hatte, galt Louisen nur für eine halb tragische, halb romanhafte Posse, und so ließ sie Rudolfen bald unbefriedigt. Die schönsten, geistvollsten Weiber mehrerer Länder waren ja schon sein gewesen — was er jetzt suchte, und in der Schreiberin jener Briefe zu finden glaubte, war ein weibliches Wesen, das mit hoher Geistesbildung, die Neuheit des Herzens, die Reinheit des Sinnes und das tiefe, leidenschaftliche Gefühl verband, von dem er sich versprach, daß es seine eigne erstorbene Empfindung wieder wecken, und ihm einen Genuß gewähren würde, um dessen Art und Wesen er nicht bestimmt vorher wußte. Das weibliche Geschlecht war ihm in allen seinen Schwächen und Eigenheiten bekannt, und eben darum langweilig geworden. Nur fremde Leidenschaft konnte ihn noch reizen und spannen, und je seltener man mit der Biegsamkeit der meisten weiblichen Karaktere jene Stärke des Karakters, jene Energie der Seele, die alle Kräfte und Empfindungen, unzertheilt, wie Sonnenstrahlen in einen Brennpunkt in dem, mit unermeßlicher Liebe umfaßten Gegenstande sammelt, vereint findet, je mehr dürstete er, sie zu finden. Er fühlte, Louisens Liebe für ihn werde in ihrem Leben nie mehr als eine Episode werden, und so spürte er, ohne doch das mit ihr angeknüpfte Verhältniß aufzugeben, von Neuem wieder, wie ein Raubvogel, nach dem Herzen umher, das er zu seinem Opfer ausersehen hatte. — Das Schicksal trieb jetzt Natalien aus der Unsichtbarkeit, die sie so lange geschützt hatte, hervor — er erblickte sie, und tief und blutig schlug er seine Krallen in das weiche, wehrlose Herz.
Von allen Vergnügungen liebte Natalie nur die Maskeraden. Hier schwand ihr das drückend Einengende des gewöhnlichen Lebens, und frei zeigte sie oft unter der Maske ihren Witz und ihre Laune, die aber fast immer nur verhüllter Unmuth über die Leere des Lebens und über die Schaalheit der Menschen war. Jetzt erneuerte der Winter die Maskenbälle, und es vereinigte sich manches, den ersten dieses Winters glänzend und zahlreich zu machen. Natalie fuhr, als Pilgerin gekleidet, mit ihrer Mutter hin, und trieb sich unter dem Gewühl herum, als plötzlich ein feierlicher, schauerlicher Marsch die Tanzmusik unterbrach. Eine Reihe seltsamer, schauererregender Gestalten trat ein. Die blutgefärbten, entblößten Arme, die finstern, fantastischen Gewänder, die Schlangen ums Haupt und auf der Brust, die Feuerbrände, und der aus Menschengebeinen gethürmte Altar, den sie in der Mitte des Saals aufstellten, kündigte sie als dem Schönen und der Freude abholde Wesen an. Die Feier ihrer Mysterien begann, und plötzlich stand in gigantischer Größe und furchtbarem Ernst der Gebieter unter ihnen. Ein Wink von ihm, und die Flamme des Altars schlug prasselnd in die Höhe; ein zweiter Wink ordnete diese Gruppen zu einem Tanz, den aus der Ferne eine Musik begleitete, in der man den Schrei der Verzweiflung, den Seufzer ewiger Hofnungslosigkeit, zu hören wähnte. — Ein stilles Entsetzen schlich durch den weiten Saal — unwillkührlich erweiterte sich der Kreis, der diese Gestalten, für die man keinen Namen hatte, einschloß. Plötzlich wie er erschienen war, verschwand der Gebieter, und, als rufe ein stummer Befehl sie in ihre Welt zurück, stürzten Tänzer und Tänzerinnen in unordentlicher Eile und Verwirrung zum Saale hinaus, und ein stürmisches Allegro der wieder einfallenden Tanzmusik folgte ihnen auf ihrer Flucht. —
Das Ganze war Rudolfs Erfindung, der sich in solchen düstern Spielen einer furchtbaren Phantasie, und in dem schneidenden Contrast dieser Erscheinung zu dem frohen Treiben der versammelten Menge gefiel. Eine Theaterversenkung entzog ihn schnell den Blicken, und schon nach einigen Minuten trat er, im schwarzen Domino verhüllt, wieder in den Saal. Seine eben gespielte Rolle hatte ihm eine Spannung zurückgelassen, mit der er nicht sogleich in die lustigen Neckereien der übrigen Masken einzustimmen vermochte. Einsam lehnte er sich an einen Pfeiler, und gedachte der Namenlosen, die höchst wahrscheinlich mit dieser bunten Menge unerkannt bei ihm vorüberzog, als der Eintritt der drei Parzen ihn aus seiner Träumerei zog. Still und ernst, wie es den unsterblichen Töchtern des Orkus ziemt, wandelten die drei Schwestern durch den Saal; doch bald fesselte eine derselben seine Blicke ausschließlich. In dunkles Grau gekleidet, umfloß sie ein schwarzer Schleier, aus dem ein Gesicht hervor blickte, dessen hoher Ernst zu dem Göttlichen hinwies, wo es das Menschliche verläugnete. Erhaben und geisterartig schritt sie durch die Versammlung, und deutete dem, der sich ihr näherte, sein Schicksal in geheimnißvollen Worten. Rudolf folgte ihr und hörte eine der sinnvollen Antworten, in denen sie sich als Dienerin der ernsten, heiligen Nothwendigkeit, deren Gewalt sich jedes Erdenschicksal beugen müsse, ankündigte. Bald indessen verlor sich die Menge, der sie überdem auszuweichen suchte, und er konnte sich ihr ungestört nähern.
Wird man Dich, ernste Göttin, fragte er, hier im Saal der Freude willkommen heißen? —
Ein großes dunkles Auge wandte den Blick auf ihn — milde senkte es sich nieder, und nach einer kleinen Pause antwortete sie ihm in leisem gedämpften Tone.
Weh dem Frohen, dessen Freude bei meinem Anblick erbleicht und dessen Herz kein Vertrauen zu mir bewehrt!
Kann die Bewohnerin der Unterwelt dieses von dem im Lichte Gebornen, im Lichte Lebenden, erwarten? Liebe, Vertrauen und Freude wohnen nur auf der Oberwelt — aber was die Erde deckt, was keine Sonne erhellt, ist finster und schauerlich, und mit namenlosem Grauen fassen die Schrecken der Unterwelt auch den Muthigsten. —
Und doch sendet Euch meine Welt Schatten und Träume — doch ist schon auf der Erde das Schönste und Heiligste unsichtbar wie die Musik, und ruht wie ein heiliger Traum in Seelen, die es ahndend erkennen, daß Liebe und Schönheit im Lethe nicht untergehen.