Der Ernst in ihrem Wesen wurde durch diesen Verlust und durch den Eindruck der bei ihm einsam zugebrachten Sterbestunde, wo die Nachtlampe matter und matter aufloderte, wie sein Röcheln leiser und leiser wurde, dann mit ihm zugleich erlosch und sie ohnmächtig bei dem Todten niedersank, noch finstrer, und sie verlor das Vertrauen zu den Menschen ganz, als sie sich mit ihrer Trauer verspottet fühlte.

Ihre Eltern besaßen nicht fern von dem Kirchhofe, wo Georg ruhte, ein Gartenhaus. Natalie hatte dort schon öfter einige Tage, allein mit Elisen und ihrem Mädchen, zugebracht, und that es auch jetzt, weil sie gerne einmal in früher Morgenstunde das Grab ihres Bruders einsam besuchen wollte — und giebt es auch einen schönern, beruhigendern Anblick, als der Aufgang der Sonne über den Gräbern unsrer Geliebten? — Auch Natalien ward hier eine ernste Stunde, voll erhebender Blicke über das Grab hinaus, voll reiner treuer Vorsätze für ein Leben, das sie nur zu lieben vermochte, wenn sie fühlte, es heilige sie für ein höheres. Tiefes wahres Gefühl zog sie auf ihre Knie nieder; sie betete innig und fühlte sich wieder in der hellen leichten Welt ihres früheren Glaubens einheimisch.

Zu ihrem Unglück hatte sie Zeugen gehabt. Einige junge Wildfänge, die eine Brunnenkur so früh herausgelockt hatte, sahen durch die Thorgitter des Gottesackers ihr weißes Gewand schimmern; neugierig schlichen sie näher und sahen Natalien nun weinen, niederknien und beten. Nach vier und zwanzig Stunden war diese Erzählung zur lächerlichen Burleske verdreht, in Jedermanns Munde. Nataliens gegen den Schein des Lächerlichen krankhaft empfindliche Seele würde dadurch gekränkt worden seyn, hätte sie nicht auch von ihrem Vater die bittre Weisung erhalten, solche Narrheiten künftig zu unterlassen, und ihre Familie nicht, wie sich selbst, durch ihre Romanenstreiche zu prostituiren. —

O wie verschüchtert, wie blöde und geängstet, floh ihre Seele nach solchen Auftritten in ihre Verborgenheit zurück! — wie scheu und sorgsam verhüllte sie ihr Herz, das so tief fühlte, wie einsam und ungeliebt es auf der Erde sey und doch mit der leidenschaftlichsten Schmerzenssehnsucht an dem Ideal eines Wesens hing, in dessen Schutz sie sich zu einem freudigeren Seyn hätte aufrichten können und mögen! —

Der einzige Umgang, für den sie Interesse bewahrte, war das Buschische Haus. Sie verbarg jetzt dem Vater auch ihr Gemüth und ihr innres Leben, da ihr eine geheime Stimme sagte, er werde sie damit nur verhöhnen; aber gern und willig traf sie mit ihm im Umtausch geistiger Ideen zusammen. Die Tochter Emma bildete sich nach und nach zur feineren Kokette, und war auch ohne allen höhern Anklang. Ihr Verhältniß zu Natalien war jenes, das man so häufig unter jungen Mädchen dieses Alters findet, und das oft Freundschaft genannt wird, so wenig es auch auf diese Benennung Anspruch machen kann, da es nichts als flüchtiges, jugendliches, aus dem öftern Zusammenseyn entstandenes Wohlwollen ist, dem in der Regel nicht die geringste Aehnlichkeit des Geistes und des Herzens zum Grunde liegt. Auch galt dies Verhältniß Natalien für nichts mehr, als was es wirklich war, bis sich ihm ein Interesse andrer Art zugesellte. —

Emma war die einzige Tochter ihrer reichen Eltern und seit früher Jugend von ihrem Vater seinem Schwestersohn Rudolph Holm bestimmt, damit das Vermögen hübsch in der Familie bleibe. Rudolph hatte vor acht Jahren seine Vaterstadt als ein sehr fähiger talentvoller Jüngling verlassen, um sich auf Universitäten und Reisen für seine künftige Bestimmung als Arzt auszubilden. Bei seiner Abreise versprach ihm Busch Emmas Hand, wenn er sich durch seine Kenntnisse und seine Aufführung derselben werth machen werde, und nahm es über sich, als künftiger Vater, jetzt schon zu seinen Studien-Kosten beizutragen, da Rudolph nur ein sehr mäßiges Vermögen besaß. Dankbarkeit, Erinnerung an Emmas aufblühende Reize, die er als zehnjähriges Kind bei seiner Abreise verlassen hatte, und die Aussicht auf den Besitz ihres großen Vermögens, machten ihm mit jedem Jahr den Gedanken dieser Verbindung lieber. Nicht so Emma, der sein Bild ganz fremd geworden war und die in ihm nur das Hinderniß einer Verbindung mit ihrem Geliebten, dem Hofrath M... sah. Jetzt, da die Zeit der Zuhausekunft Rudolphs sich nahte, bat er ihren Vater um Erlaubniß, mit seiner reizenden Cousine Briefe wechseln zu dürfen, und Emma erhielt nun einen Brief, der zu ihrem gehaltlosen Wesen und zu ihrem ungebildeten Geiste einen, ihr selbst fühlbaren, Contrast bildete. Sie theilte ihn Natalien mit, und da diese sich durch den Geist, der daraus sprach, eben so angezogen wie Emma abgeschrecket, fühlte, so ließ sie sich nicht lange bitten, dieser bei der Antwort zu helfen. Die Hülle eines fremden Namens schützte sie vor der schüchternen Verlegenheit, mit der sie unter ihrem eignen auftrat, und Rudolph fühlte sich lebhaft von dem geist- und gefühlvollen Wesen angezogen, das sich ihm im Spiegel dieser Briefe zeigte, die Natalie bald ganz allein schrieb und Emma nur kopirte. Die Zartheit des Verhältnisses zwischen Rudolf und dieser, gestattete für alles Künftige nur leise Andeutung, und so berührten seine Briefe nur Gegenstände der Kunst, der Litteratur und der Natur Italiens, wo er sich eben aufhielt und von wo er nach St. zurückkehren sollte. Natalie begleitete ihn in ihren Antworten auf allen seinen Wanderungen durch dies Land der Herrlichkeit, und welcher Anklang auch dort durch Kunst, Natur und Vergangenheit in ihm geweckt wurde, immer wurde er von ihr verstanden und traf auf Sinn und Gefühl für das, worüber er sich entzückt, gerührt, begeistert, gezeigt hatte. Er lernte so ihren gebildeten Geist und ihre Kenntnisse kennen, wie ihm die elegische Stimmung, mit der sie ihn vorzüglich gerne zu den Ruinen versunkner Größe und den Denkmalen einer herrlichern Vorzeit begleitete, ihr tiefes Gefühl verrieth. — Groß — schwärmerisch — begeistert für Liebe, Vaterland und Freiheit, wie er ihr erschien, mußte er Nataliens ganze Seele mit desto unwiderstehlicherer Macht ergreifen, da sie bisher fremd und einsam unter Menschen gelebt hatte, die ihres Herzens heiligste Melodien nur mit dem Schellengeklingel eines seelenlosen Leichtsinns zu begleiten vermochten. Selbst der exzentrische Sinn, den Rudolf zeigte, mußte auf Nataliens romantisches, zum Ueberspannten sich hinneigendes, Gemüth tiefer wirken, als wenn er ihr in der stillen Ruhe eines auf edle Selbstständigkeit gegründeten Karakters erschienen wäre. —

Rudolph war einer jener Menschen, welche die Natur nicht für die Mittelmäßigkeit bestimmte; doch schon in der frühsten Jugend erhielten seine Anlagen eine schiefe Richtung, die ihn den Schein mit dem wirklichen Seyn so verwechseln lehrte, daß er sie später nie wieder klar zu scheiden vermochte. In seinen Universitätsjahren sank er einmal, als Spielwerk eines tief gefallnen Weibes, bis zur niedrigen Gemeinheit. Dies Bewußtseyn raubte ihm jede jugendliche Illusion der Phantasie und des Herzens in Hinsicht auf das wirkliche Leben, das er nur noch in einer Beleuchtung aufzufassen vermochte, die einen tiefen Schatten auf die Menschheit warf, da ihm die Kraft fehlte, den verlornen Glauben und die verlorne Liebe wieder gewinnen zu können. Nach und nach starb auf diesem Wege jedes höhere Bedürfniß der Menschheit in ihm ab, und ward ihm zur Fabel. Seine ganze Cultur war nur verfeinerte, glänzend ausgebildete, Thierheit, und er vermochte mit der Leerheit dieses entgötterten Lebens zu spielen, und war eitel auf die Verruchtheit, mit der er alle seine geistigen Kräfte nur für den Genuß und die Auszierung des äußern Lebens wuchern ließ, in dem es ihm zum Höchsten geworden war, glänzend zu figuriren. Die Menschen betrachtete er nur als Maschinen zu seinen Experimenten und jede Leidenschaft war ihm bloß Aufgabe für seine seltne Kunst der Darstellung. Doch nicht bloß gegen andre war er Schauspieler, er war es auch im geheimsten Zusammenseyn mit sich selbst, und diese Selbsttäuschung gab jeder von ihm gespielten Rolle einen Zusatz von Wahrheit, der auch das unbefangne Urtheil über ihn leicht bestach. Gefühl, Witz, Humor, alles war bei ihm nur eine elektrische Explosion, zu der er sich systematisch und wissentlich vollud. — So mußte er, um nicht unter dem Gefühl eigner Erbärmlichkeit zu Boden zu sinken, die Menschen verachten; er konnte nur zu stehen wähnen, so lange ihm jede moralische Kraft, Spannung der Leidenschaft — die reinste Liebe, gewürzte Sinnlichkeit — die Tugend ein Epikuräismus der Vernunft hieß, der freiwillig entbehrt, um länger, sichrer und gefahrloser zu genießen.

Sein Aeußeres war anziehend. Eine große edle Figur, ein römisch geformter Kopf mit ernsten Zügen — dunkelblaue, sehr sinn- und geistvoll blickende Augen — eine reine, für den höchsten Affekt der Leidenschaft, wie für die Nüancen der leichtesten, witzigsten Unterhaltung, kunstmäßig ausgebildete Stimme, und eine Gabe, sich darzustellen, die der Würde an Wirkung glich, bildeten ein Ganzes, dem man mit Achtung für den Geist, der es beseelte, näher trat. Auch mißlang es ihm nur selten, Menschen für sich einzunehmen, die er gewinnen wollte; oft reizte es ihn aber, vor sich zurückzuschrecken, um später den Triumph des Sieges über diesen ungünstigen Eindruck zu genießen. Natalie ergriff, unter Emmas Namen, seine Phantasie — das einzige Medium, durch das ihm Eindrücke kommen konnten, die er sich selbst als Gefühle anzulügen vermochte — und er gefiel sich in der Ueberzeugung, ein so gehaltvolles Wesen zur gewaltigen Leidenschaft für sich aufreizen zu können, so wohl, daß er lebhaft auf ihren ersten Anblick gespannt war.

Emma fuhr ihm bei seiner Ankunft, mit ihren Eltern und seiner Familie bis zu einem nah bei St. liegenden Dorfe, entgegen. Sie war früher voll Scheu und Widerwillen gegen ihm gewesen; allein Nataliens begeisterter Glaube an Rudolfs Karakter, die siegende Beredsamkeit ihres heißen vollen Herzens, hatten endlich Emma Vertrauen zu ihm eingeflößt. Sey nur wahr gegen ihn, ganz wahr, bat Natalie oft. O Emma, wenn du diesem edlen Menschen, dieser großen, liebevollen Seele Gerechtigkeit wiederfahren ließest: so würdest du dein Schicksal freudig in seine Hände niederlegen, überzeugt, daß er für dich und sich nur das Edelste fühlen kann. Von ihr ermuntert und beredet, beschloß Emma, sich ihm offen zu entdecken, wie sie sich auch verpflichtete, ihm Nataliens Antheil an ihren Briefen ganz und auf immer zu verheimlichen. Natalie forderte und wünschte diese Verschwiegenheit aus Blödigkeit und Demuth; das heitre Vertrauen, mit dem sie in ihren Briefen zu ihm geredet hatte, wurde jetzt, bei dem Gedanken an seine persönliche Bekanntschaft, zur ehrfurchtsvollen Scheu gegen ein, in ihrem Sinn, ihr so weit überlegnes Wesen. Emma schwieg gerne, weil ihrer Eitelkeit die hohe Achtung gefiel, die Rudolfs Briefe aussprachen, und sie sich, von ihren Reizen unterstützt, fähig glaubte, sich, ihm gegenüber, auf der Höhe erhalten zu können, auf die der Freundin Geist sie gestellt hatte.

Rudolf hatte sich auf ihren ersten Anblick sentimental einstudirt und Phantasie hatte an diesem Moment so lange gebildet, daß er jetzt wirklich bewegt zu seyn glaubte, als er in der Ferne seine Mutter, seine Brüder, Busch, und neben diesem, eine weibliche jugendliche Gestalt erblickte. Rasch sprang er aus dem Wagen, und sein erster Blick suchte das Auge voll Seele, die Gestalt voll Adel und Anmuth, mit der seine Phantasie Emma geschmückt hatte, die jetzt, als eine reizende Blondine, mit einem Ausdruck von Koquetterie und Verschmitztheit, den selbst die Verlegenheit dieses Augenblicks nicht zu verhüllen vermochte, vor ihm stand. Die Worte, womit er sie begrüßen wollte, verstummten unwillkührlich, und er stand sichtbar befangen vor ihr. Schnell wurde er indessen seines Aeußern wieder mächtig, wenn gleich in seinem Innern die Wirkung des ersten Anblicks widrig forttönte. Er knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und berührte die Saiten, die ihn in ihren Briefen so harmonisch ansprachen; aber die paar Floskeln, mit denen Emma sich für diese Unterhaltung ausgeschmückt hatte, wurden von ihm bald für das, was sie waren, erkannt, und es drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, sie habe den von ihr erhaltenen Briefen nur ihren Namen geliehen, und ein andrer Geist, ein andres Herz habe daraus zu ihm geredet. Das Romantische dieser geheimnißvollen Unsichtbarkeit verstärkte noch bei ihm den früher erhaltenen Eindruck und diese Stimmung wurde Emma sehr günstig, da sie ihm, einige Tage nach seiner Ankunft, ihre Liebe für den Hofrath gestand, und die Entscheidung über ihre Zukunft in seine Hände legte, weil nur die Zurückgabe des von ihrem Vater erhaltenen Versprechens, diesen zur Einwilligung bewegen konnte. Galant und gern gab er sich die Miene, als opfre er ihrem Glück und der Freiheit ihrer Wahl eine sehr geliebte Hofnung, und verwendete sich bei Busch so dringend für die beiden Liebenden, daß er auch seine Einwilligung in ihre Verbindung bewirkte. Geschickt entlockte er aber bei dieser Gelegenheit Emma’n das Geständniß, daß eine ihrer Freundinnen Antheil an ihren Briefen gehabt, sie jedoch durch einen Eid verpflichtet habe, ihm nie ihren Namen zu nennen. Er hoffte indessen, seine unbekannte Freundin bald auszufinden, und die Spannung, die ihm das Sonderbare dieses Verhältnisses gab, contrastirte so angenehm mit der gewöhnlichen Erschlaffung seiner Empfindungen, daß er sich selbst mit dem Erwachen einer ihm längst verloren gegangenen Wahrheit und Innigkeit des Gefühls schmeichelte.