Das erste Wiedersehn der Mutter und Tochter, bei der Rückkehr vom Lande, war rührend. Die Ungerechtigkeit des Vaters, und das monatlange Entbehren des geliebten Kindes, machten die Mutter muthiger, ihre Liebe für Natalien zu zeigen, deren dankbares Herz dieser erhöheten Zärtlichkeit einen Werth gab, der ihre eigne Liebe zur heißesten Schwärmerei erhob. Auch ihre Schwester Elise wurde ihr immer theurer. Sie trennte sich wenig von ihr, und ob gleich sie selbst nie mit einer Puppe gespielt hatte, nähte sie doch jetzt häufig und viel für die Puppe der Schwester. Dabei lehrte sie sie lesen und erzählte ihr Geschichten, die sie für das Alter der Schwester artig und faßlich einzukleiden wußte. Auch war ihr die Kleine fast ganz übergeben, und Mutter und Wärterin ruhig, wenn sie sie unter ihrer Aufsicht wußten.
Bis zum eilften Jahr rang Natalie noch mit der von ihrer Krankheit zurückgebliebenen Nervenschwäche; aber da entfaltete sich ihr bis dahin verspäteter Wuchs so schnell, daß sie in Jahresfrist ihre, das Mittlere übersteigende, Größe erhielt. Man glaubte sie nun nicht länger wie ein Kind ansehn und behandeln zu dürfen, und ihre Mutter beschloß, sie confirmiren zu lassen, wodurch sie nach der noch bestehenden Sitte ihrer Vaterstadt, gesellschaftsfähig wurde, da bis zu diesem Zeitpunkt die jungen Mädchen strenge von allen öffentlichen Vergnügungen und großen Gesellschaften ausgeschlossen sind. Natalie ward also dem Prediger vorgestellt, dessen Religionsunterricht sie, gemeinschaftlich mit den andern Catechumenen, einen Winter lang besuchen sollte. Der religiöse Anklang ihres Innern hoffte hier Nahrung zu finden, und fand sie. Was ihr gepredigt ward, war streng orthodoxe Glaubenslehre, deren Mystizismus Natalie aber wie Poesie ergriff. Von dieser Seite war sie noch unangefochten, unschuldig und selig wie ein Kind. Auch lag eine religiös-moralische Tendenz tief in ihrem Gemüthe. Sehr früh fing sie an, sich zu beobachten, zu prüfen und nach dem Einen, was ihr Noth schien, zu streben. Mystik und Glaube waren so durch alle Adern ihres Gemüths gegangen, daß man sie nicht von diesem lösen konnte, ohne es unheilbar zu verwunden, und auch hier trat jetzt ein feindseliges Wesen zu ihr, und führte sie aus den Blumengefilden ihres lebendigen Glaubens in die Wüste einer todten Speculation. Diese Religionsstunden besuchte mit Natalien die Tochter eines sehr angesehenen Kaufmanns, Emma Busch. Die beiden Mädchen kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt wenig, kamen sich aber jetzt näher, und Natalie, deren Weg zum Hause des Predigers bei Emmas Wohnung vorbei führte, holte diese gewöhnlich ab. Hier lernte Emmas Vater sie kennen. Dieser, ein Spötter alles Heiligen und Schönen und der Apostel einer Lehre, die alles frech verlacht, was die Farbe eines tieferen und seligeren Lebens trägt, fand Natalien mit ihrem sinn- und geistvollen Blick und ihrem, zu ihrem Alter so wenig passenden, trüben Ernst, so auffallend, daß er sich ihr näherte. Emma theilte ihm einige Aufsätze mit, worin Natalie niedergelegt hatte, was sie von den Lehren des Predigers in ihrem Herzen bewahrte, und er fand in ihnen eine so feste Zuversicht des Unsichtbaren, ein so sehnsuchtvolles Ergreifen des Ueberirdischen, eine so liebevolle Schwärmerei für jedes Gebot der Glaubenspflicht, daß es ihm der Mühe werth erschien, den Geist und das Herz, dem sie entflossen, näher kennen zu lernen. Emma bat jetzt, von ihm geleitet, Natalien häufig zu sich; der Vater gesellte sich oft auf dem einsamen Zimmer der Tochter zu ihnen und fand Mittel, Natalien zum Reden zu bringen. Ihre Religiosität hatte sie ihm in einem fast lächerlichen Lichte gezeigt und nur die Sonderbarkeit der Erscheinung ihn angezogen. Jetzt lernte er ihren Geist und die mannigfaltigen Kenntnisse, die sie so spielend eingesammelt hatte, daß sie selbst sie für höchst unbedeutend hielt, achten, und bedauerte, daß diese nur für den Aberglauben wuchern sollten. Großmüthig beschloß er, sie aufzuklären und sie für sein System und seine Philosophie des Lebensgenusses anzuwerben.
Der Spott, mit dem er jetzt das Heiligste angriff, das gutmüthige Bedauern, daß sie mit ihrem, hellerer, höherer Erkenntniß so fähigen Geiste, auf einer Bahn wandle, wo sie nur den Pöbel der Geisterwelt zu Gefährten habe; die Zuversicht, mit der er behauptete, sie werde sich früher oder später von dieser geistigen Unmündigkeit lossprechen und sich den denkenden Menschen aller Nationen zugesellen, die es ja einstimmig schimpflich fänden, zu glauben, wo die Vernunft zu wissen fordre, erregten bald in Nataliens Gemüth — dessen Selbstständigkeit noch nie der Beifall eines geachteten Menschen weckte — eine Zwietracht, die Busch künstlich nährte und immer giftiger machte. Eine leise warnende Stimme trieb sie von ihm hinweg; aber sein Witz, sein glänzender Geist, und die Anerkennung des ihren, die er zuerst ihr zeigte, zogen sie immer wieder zu ihm, der ihr jene warnende Stimme bald als Stimme des Vorurtheils verdächtig zu machen wußte. Frech zerriß er den Isisschleier, der das Heiligste im Menschen, die Mystik, deckt — wie eine Leiche zergliederte er ihr ihren frommen Wahn und vertröstete sie, bei ihren bangen Zweifeln und Klagen, bei ihrem Ringen nach Wahrheit, immer auf das helle Sonnenlicht, das dieser Nacht, in die er sie hinabstieß, folgen sollte.
Lange und schmerzlich kämpfte sie gegen diese neue Lehre; aber allmählig erkaltete ihr Herz gegen das Wesen, das nur noch in ihrem Begriffe wohnen sollte, und gefühllos seelig blieb, wenn die Kreatur hienieden verging in unnennbarem Schmerz. Sie erlaubte sich jetzt ein System, dem der edle Ernst einer strengen Pflichterfüllung einwohnte; aber mit dem Glauben verlor diese Pflicht ihre Huld, und die Tugend wurde ihr zu einer strengen Disciplin, die keine freie, freudige Uebung des Schönen duldete. Sie hatte dieses — wie es in ihrem Alter auch sein soll — bis jetzt mehr begeistert empfunden, als geistig begriffen, und es war noch nicht durch ihr ganzes Wesen gegangen, um sich unzertrennlich mit ihm zu verbinden. Daher hatte später ihr Gemüth einzelne lichte Punkte, ihr Karakter treffliche Seiten; aber dem Ganzen fehlte Einheit und Harmonie. Von frühster Jugend an verworren und angefochten durch alles, was sie umgab, trat jetzt in einem für ihre innere Bildung entscheidenden Zeitpunkt, Busch zu ihr, und was er ihr als die Lehre einer neuen geistigen Offenbarung gab, trennte die Hauptkräfte ihres Gemüthes; ihre Seele floh verschüchtert zurück, und der Geist eignete sich, der Natur entgegenstrebend, die Natalien bestimmt hatte, schöner in ihrem Herzen als in ihm zu leben, fast ausschließend ihre fernere Bildung zu. Wo in den nächstfolgenden Jahren Kindlichkeit und Wahrheit in ihr aufgingen, war es als wehmüthiger Anklang einer Zeit, die sie nie klar genossen hatte.
Dieser Gang ihrer Bildung zog sich durch viele Jahre verderblich fort, und traf mit den Begebenheiten ihres äußern Lebens zusammen, deren Faden wir hier wieder aufnehmen müssen.
Das Osterfest kam und mit ihm der Tag ihrer Einsegnung. Tief erschüttert legte sie in der Kirche, an der Spitze von achtzig jungen Mädchen, im Namen aller, ihr Glaubensbekenntniß öffentlich ab, und sank fast ohnmächtig zu den Füßen des Predigers, als er ihr das Gelübde abforderte, im Leben und im Tode einer Lehre treu zu bleiben, die Ihr ein Gewebe von Pfaffentrug und Pfaffenwahn zu seyn dünkte, und deren wahrhaft göttlichen Geist sie nicht von den ihn umhüllenden und verdunkelnden Menschensatzungen zu sondern wußte.
Derselbe Abend war bestimmt, sie in die geselligen Zirkel ihres Wohnortes einzuführen. Ihre Mutter fuhr den Nachmittag mit ihr Visiten zu machen und am Abend in eine sehr zahlreiche Assemblee. Hier trat nun die kaum vierzehnjährige Natalie in einen Zirkel von Mädchen, deren fast keins unter sechszehn Jahr war, und von Jugend auf mit dieser Lebensweise vertrauter und bekannter denn sie, sich darin leicht, wie in einem angemessenen Element, bewegten.
Natalie dagegen verstand nichts schlechter, als die Kunst zu figuriren. Die Welt und der sogenannte Weltton waren ihr nicht fremd; sie kannte beide aus ihren Romanen ziemlich richtig; aber die Befangenheit der jugendlichen Schüchternheit lag auf ihr und genirte sie in allem. Ihr Herz zog sie zu keinem von diesen Menschen hin; es waren ihr Gestalten aus einer ihrem Sinn fremdartigen Welt, und keine Glanz- und Gefallsucht reizte sie, sich ihnen gleich stellen zu wollen. So blieb sie, von den Herren unbemerkt, von den jungen Mädchen für einfältig, oft auch für stolz gehalten, allein, und nur bejahrte Männer sah man zuweilen im freundlichen Gespräch mit ihr, so wie auch manche ältere Frau für sie das Lob eines guten, bescheidenen Mädchens hatte.
Die Liebe hatte von jeher eine zu wichtige Rolle in den Träumen ihrer Phantasie gespielt, als daß sie jetzt nicht unwillkührlich unter den jungen Männern nach einer Aehnlichkeit mit ihrem Ideal hätte umherblicken sollen. Aber keiner kam ihm nahe, und sie war zu stolz, einem Manne gefallen zu wollen, den sie nicht ganz vorzüglich achtete. Natürlich fand sie, unter diesen Umständen, das gesellige Leben sehr fade, und zog sich bald, soviel als möglich, in ihre stille, geliebte Einsamkeit zurück, die ihr der gehaltvollern Freuden so viele bot. Nur Konzerte und Schauspiele versäumte sie selten. Wie musterhaft sie aber selbst das Pianoforte und die Harfe spielte, wie kunstmäßig ausgebildet ihre schöne Kontra-Altstimme war, wußte, ihre Lehrer ausgenommen, niemand, da sie vor ihren Eltern, die selbst nicht musikalisch waren, und vor Fremden, höchstens einen leichten Tanz, eine gewöhnliche Arie, spielte und sang. Musik, Lectüre, Malerey, feine weibliche Handarbeiten und der Unterricht ihrer Schwester, deren einzige Lehrerin sie in diesem Zeitpunkt war, füllten ihre Zeit so angenehm aus, daß sie die Stunden verloren achtete, die sie der Gesellschaft opfern mußte. Ihre Rolle darin wurde ihr bald so langweilig, daß sie sich den Spielparthien anschloß, weil ihr diese Art der Langeweile noch die erträglichste zu seyn schien. Ihre Mutter überließ sie in der Wahl ihrer Lebensweise und ihres Umgangs ganz sich selbst, und lernte sie immer mehr lieben und achten. Der Vater blieb kalt und fremd gegen sie, und mancher schmerzliche Auftritt zog noch durch ihr Leben; doch die Hofnung, durch Liebe, Treue und Gehorsam früh oder später noch seine Abneigung zu besiegen, stärkte nicht allein ihren Karakter, sondern erhielt auch ihr Herz weich und liebevoll.
Um diese Zeit starb ihr Bruder Georg, mit dem sie in den letzten Jahren recht freundlich zusammen gelebt hatte. Sie hatte sein Krankenbette nicht verlassen, ob er gleich an einem sehr bösartigen Fleckfieber darniedergelegen und der Arzt dringend ihre Entfernung gefordert. Der Gedanke und das Bild des Todes waren ihr nicht fremd; seit frühster Jugend hatte sie es oft liebend angeschaut — aber diese Zuckungen des entfliehenden Lebens, dieser verzerrende Kampf der Krankheit, eh’ er, der sanfte tröstende Genius, die Bande löset, die die Seele an den Körper fesseln, war für sie neu und schreckensvoll. Doch nur tief empfindend, und durchaus nicht empfindelnd, hielt sie bis zur letzten Minute bei ihm aus und ihre Lippen küßten sein entfliehendes Leben auf.