Ein Wunder erhielt sie unbeschädigt, aber die feineren Lebenstheile hatten durch die heftige Erschütterung gelitten und sie fiel in eine lange, gefährliche Nervenkrankheit. Ihr Vater schwur der Mutter, Natalien nie wieder zu züchtigen und ihr die Erziehung derselben allein zu überlassen; allein mit diesem Schwur war ihr auch der Vater ganz verloren. Nie vergab er ihr die Empfindung, mit der er sie für todt von der Straße aufgenommen und der Mutter entgegengebracht hatte.
Noch vor Weihnachten warf sie jene Krankheit nieder, und als sie zum erstenmal wieder von ihrer Mutter, die sie mit der treuesten Zärtlichkeit pflegte, an die Luft getragen wurde, standen die Pfirsichbäume des Gartens hinter dem elterlichen Hause in voller Blüthe, und die Sonne lächelte das kleine Wesen aus dem blauen wolkenlosen Frühlingshimmel freundlich und erquickend an. Nie vergaß Natalie dieser Stunde. —
Kann aber der Mensch hienieden schon getröstet und freundlich einig mit dem Leben werden, wenn er als Kind solche Thränen weint? — Natalie wenigstens ward es nie. —
Sie genas; aber eine große Nervenschwäche blieb ihr zurück, und von der Schönheit, welche sie, vor dieser Krankheit, unter allen Kindern der Stadt auszeichnete, sah man keine Spur mehr. Lange noch mußte sie aus Schwäche auf Krücken gehen und über ein halbes Jahr blieb sie völlig taub. So, von jeder Freude, jedem Spiel der Kindheit geschieden, öffnete sich ihr in der Lectüre eine neue Quelle des Genusses. Ihre Eltern lebten rauschend gesellig, sahen viel Gesellschaft in ihrem Hause und waren noch öfter abwesend. Die Mutter konnte, wenn sie auch gewollt hätte, diese Lebensweise nicht ändern, und da Natalie nicht auf dem gemeinschaftlichen Kinderzimmer bleiben konnte, räumte man ihr ein kleines Stübchen ein, dessen Fenster auf einen nur sechs Ellen großen Hof gingen, gab ihr ein eignes, altes, treues Mädchen zur Pflegerin und überließ sie so sich selbst. Ihren Vater sah sie in diesem kleinen Stübchen nie; ihre Mutter alle Tage mehreremale, aber außer ihrem Arzt weiter keinen Menschen. Ach, die gute Mutter brachte ihr fast täglich etwas, woran sie sich freuen sollte, und das leidende Kind war ihrem Herzen näher denn je. Das einzige, was Natalie liebte und forderte, waren Bücher. Sie erhielt deren, so viel sie wollte, aus einer Leihbibliothek, und keiner bekümmerte sich darum, was sie las.
Unersättlich gab sie sich diesem Genuß hin, der ihr eine Welt neuer Bilder zuführte, und in dieses so reizbare, so unnatürlich aufgeregte und verletzte Gemüth zogen nun die Heroenbilder der griechischen und römischen Welt ein. Ihr Inneres erhob sich in der Begeisterung für diese Gestalten, die ihr nicht fremdartig erschienen; aber sie lernte sie nicht aus Schriften kennen, die für ihr Alter berechnet waren, und so traten die Gräuel entarteter Menschheit, Laster und Verbrechen in einem Zeitpunkte vor sie hin, wo der jugendlichen Seele noch alles als reizende Dichtung erscheinen soll, aus der sich dann später die Blüthe des Ideals entwickelt. Für Natalien hatte das Ideale dieser Heroengestalten der Vorwelt auch noch den Nachtheil, daß es ihren Sinn für einfache Güte und schimmerlose Tugend schwächte und sie später oft verleitete, Extravaganz mit Größe, Ungewöhnlichkeit mit Originalität zu verwechseln. Alle ihre Gedanken und Empfindungen nahmen eine hohe, stolze, begeisterte Gestalt an, weil sie glaubte, nur so könne und müsse die Tugend sich äußern.
Nach ihrer gänzlichen Wiederherstellung sandte man sie in eine französische Schule. Auch hier ward Prunk mit ihr getrieben, da sie schon nach Verlauf von vierzehn Tagen richtig las, und ihre Mutter erfuhr nun, daß Natalie ausgezeichnete Geistesanlagen habe. Eifrig sorgte sie jetzt für Lehrer aller Art, und zweifelte keinesweges, daß sie ihrer Tochter nicht allein eine glänzende, sondern auch eine Erziehung gebe, die, nach ihrer Ansicht, nichts zu wünschen übrig ließ.
Auch jetzt in der Schule blieb Natalie sehr einsam. Alles, was sie umgab, drängte sie mehr in sich selbst zurück, und sie versank so in die innre Welt ihrer dämmernden Phantasieen und Träume, daß die Erscheinungen der äußern unbeachtet an ihr vorüber glitten. Alle ihre Freistunden füllte Lektüre aus, und ihr Kopf wurde ein wahres Chaos von dichterischen Ideen und einzelnen wissenschaftlichen Notizen. Ihr Gedächtniß faßte ungeheuer viel, und bei allem, was sie las, dachte sie an ihr künftiges Leben und suchte es darin zu verweben. So war sie nur noch an Jahren Kind, aber ihrer Phantasie, ihrem Herzen, ihrem Gemüthe nach, ein sechzehnjähriges, tieffühlendes Mädchen. Schwärmerische Religiosität und eine stille elegische Wehmuth waren die Grundtöne ihres Wesens, mit denen eine trübe, namenlose Sehnsucht innig verschwistert war. Die vielen Romane die sie las, vorzüglich Lafontaines Werke, die sie in diesem Zeitpunkt allen andern vorzog, machten sie frühe mit dem Glück und mit der Gewalt der Liebe bekannt, und der tägliche Besuch des Schauspiels vermehrte noch das Unheil, das ihr unausbleiblich aus dieser vorzeitigen Kenntniß erwachsen mußte. Einzig in den Träumen ihrer Phantasie lebend, entfremdete sie sich ganz der Wirklichkeit, und bald gelang es dieser Zauberin, ihr eignes Leben, das drückende Verhältniß zu ihrem Vater, die verstohlne Liebe der Mutter, mit einem Kolorit auszuschmücken, dessen Reiz ihr Ersatz für die Bitterkeit desselben wurde. So verlor sie schon als Kind die Wahrheit der ersten Gefühle an leere Phantasieen, die sie auf die Gränzlinie führten, wo ein dichterisches Leben sich von der Wahrheit scheidet, mit der es vereint bleiben muß.
Ihr Vater nannte sie seit jenem Sprung aus dem Fenster nie wieder Tochter — nie hörte sie seit jenem Tage ein freundliches Wort von ihm; kaum seine Hand durfte sie küssend berühren, und noch nie hatte sie erfahren, wie es sich in Vaterarmen und an einem Vaterherzen ruhen lasse. Bei Tische nur sah sie den ihr allein Unfreundlichen, der gegen seinen Sohn und die kleine Elise, ihre Schwester, der liebevollste Vater war. Alle ihre Bedürfnisse erhielt sie aus der Hand ihrer Mutter, und wenn der Vater Spielzeug oder Näschereien kaufte, war Natalie nie mit in der Austheilung begriffen. Sie war ausgestoßen aus dem Kreise seiner Kinder, und ihr Herz wurde unter dem Schmerz dieses Gefühls so weich, daß alles sie verletzte. Sie glaubte sich von keinem geliebt; selbst die Zärtlichkeit ihrer Mutter schien ihr nur Mitleid, und der Glaube an Menschenherz, den Kinder so rein und ungetheilt haben, war ihr fremd. Die Furcht, zurückgestoßen zu werden, machte ihr jede Annäherung unmöglich, und ihr schüchternes, oft für Einfalt gehaltenes Wesen, ihr gänzlicher Mangel an Kindlichkeit und an jugendlicher Lebhaftigkeit, zog auch nicht zu ihr hin. Aber wo ihr ein Laut der Liebe, eine Miene milden Wohlwollens entgegen kam, da hing sie sich denn auch, fast immer unerrathen von dem Gegenstande, mit unaussprechlicher, leidenschaftlicher Innigkeit an. Diese fand sie nie erwiedert, und so grub sich das schmerzliche Gefühl des Allein- und Verlassenseyns immer tiefer in das jugendliche, verstimmte Gemüth, das keinen andern Trost hatte, als sich in seiner eignen Tiefe immer heißer zu schmerzlichen Gefühlen aufzureizen.
Aber auch im äußern Leben ward sie nur zu oft unzart angefochten. Ein Beispiel davon werde aus vielen hier angeführt.
Ihr Vater kaufte ein nur wenige Meilen von seinem Wohnorte gelegenes Gut. Es wurde verpachtet, doch mit dem Vorbehalt, daß die Familie jeden Sommer einen Monat dort leben wolle. Natalie liebte, wie fast alle jungen Leute, das Landleben, das sie bis dahin nur aus Dichtern kannte, und der erste in P.... verlebte Monat wurde der glücklichste ihres Lebens. Das Gut hatte eine sehr angenehme Lage am Ufer eines mit Holz bekränzten Sees, und dieser Aufenthalt wurde für Natalien zur Quelle eines ihr ganz neuen Genusses, der ihr Herz mehr befriedigte, sie stiller und in sich heitrer machte, als Alles, was ihr bis dahin geboten war. Weinend schlich sie am Morgen der Abreise im Garten umher und küßte verstohlen die Blätter und Blumen der Gänge und Lauben zum Abschied. Mit jedem Monat wurde in der Stadt das Bild der zu P.... verlebten Zeiten in ihrer Seele heller und mit froher Sehnsucht erwartete sie im folgenden Jahre die Reise dorthin. Der Sommer kam und mit der ersten kindlich frohen Empfindung ihres Lebens hörte sie den Tag zur Abreise bestimmen und sah die Koffer packen. Der Wagen fuhr vor — alle waren schon eingestiegen; nur Natalie stand noch am Schlage, als der Vater ganz unerwartet das harte Wort sprach: sie soll nicht mit! Ins Auge der Mutter stieg eine Thräne. Natalie fühlte sich durch diesen despotischen Befehl ängstlich beklemmt — ohne jene Thräne der Mutter wäre ihr Herz daran versteinert. — Jetzt trat sie mit der unbeweglichen Miene, die ihr den Augen des Vaters gegenüber, die lange Uebung, ihre Gefühle zu verschleiern, gegeben hatte, nur näher, um mit stummer Unterwürfigkeit seine Hand zum Abschied zu küssen. Doch als sie sich nun zur Mutter wandte und in ihrer innigen, wehmüthigen Umarmung fühlte, wie weh dem Mutterherzen war, wurden ihre Augen naß — schnell rollte der Wagen fort und Natalie blieb von der ganzen Familie allein zurück. — O wie schwer legte sich das eiserne Gewicht dieses grausamen Wortes auf ihr Herz! — Ihr Gefühl war zu bitter für Thränen, und das mitleidige Bedauern der Dienstboten verhärtete sie noch mehr, weil sie sich dadurch gedemüthigt fühlte. Als ihre Mutter ihr aber am folgenden Tag durch einen Boten ihre mit eingepackten Kleider und zugleich Geld zu einem Dutzend Comödienbillets sandte, erweichte sie dies Zeichen der Liebe und der Theilnahme, und sie weinte viel. Die gute Mutter that noch mehr; zu klug, um Natalien offne Mißbilligung des väterlichen Betragens zu zeigen, schrieb sie an eine ihrer Freundinnen und bat sie, sich der Kleinen während ihrer Abwesenheit anzunehmen. Diese kam und fand Natalien in dem einsamsten, verstecktesten Winkel des Hauses, still weinend. Vor dem Anblick der fremden Gestalt stockten Nataliens Thränen, — aber der milde, tröstende Ton der fremden Stimme zersprengte die Hülle der tiefen Verschlossenheit, die gewöhnlich das wunde Herz der armen Kleinen deckte, und sie weinte sich an den fremden, theilnehmenden Herzen recht sanft aus. Aber keine Klage, kein Vorwurf kam über ihre Lippen — sie hatte nur Thränen, die aber noch lange noch viele Jahre nachher, schmerzend bei dieser Erinnerung flossen.