Mit ungehemmten Flügeln dringen
Wir jung, als Adler in die Luft —
Doch jeder Tag kürzt uns die Schwingen
Und endlich sinken wir gelähmt zur Gruft.
E. M. Arndt.
Natalie war die älteste Tochter des Geheimenraths Alberti, der, in einer ziemlich ansehnlichen Provinzstadt Deutschlands, von seinen Zinsen lebte, und ein großes Haus ausmachte. Schon sehr früh kam in das tief empfindende, und fast unauslöschlich bewahrende Gemüth des Kindes der erste Mißlaut, der greller und greller darin forttönte, bis Nataliens ganzes Wesen verstimmt war. Der Vater liebte das Kind außerordentlich; aber die Kleine wandte sich mit unerklärbarer Scheu von ihm. Er durfte sich ihr nicht nähern, als sie noch auf dem Arm der Amme ihr verstandloses, nur vom Instinkt geleitetes Leben führte, ohne daß sie ihm den lebhaftesten Widerwillen zeigte. Erbittert darüber wollte er ihre Neigung erzwingen und ihr — wie viele Thränen und Flüche erzeugte nicht schon dieser, noch bei vielen Eltern geltende Begriff! — den Sinn brechen. Die Ruthe wurde die Zuchtmeisterin Nataliens, so oft sie bei seinen Liebkosungen weinte, und die Wirkung entsprach natürlich dem gewählten Mittel: die Abneigung der Kleinen wurzelte tiefer, und als er sie einst in ihrem dritten Jahre zwang, bei Tisch neben ihm zu sitzen, und bei hundert kleinen Possen, die sie auf sein Geheiß vornehmen mußte, freundlich zu bleiben, erlag die zarte Natur dem unzart angestrengten Geiste, und sie brachte den Rest des Tages in Verzuckungen und Krämpfen hin. Die Mutter, äußerst duldsam und nachgebend, konnte nur von ihrer so schmerzlich aufgeregten Mutterliebe den Muth erhalten, ihrem Gatten Vorwürfe zu machen, die vielleicht jetzt, nach so oft und so lange unterdrücktem Gefühl, zu unfreundlich wurden. Dies, und die eigne unangenehme Empfindung, mit der er, an Nataliens Wiege, den Konvulsionen zusah, die ihren Lebensfaden zu zerreißen drohten, wirkten wie oft im ähnlichen Fall. Das Bewußtseyn des eignen Unrechts wurde Bitterkeit gegen die arme kleine Natalie, die er aus seinem Herzen verstieß. Ihren Platz nahm ein später geborner Knabe ein, dem alle Liebkosungen, alle Vorzüge des Lieblings zu Theil wurden, während Nataliens ungewöhnlich früh sich entwickelnder Geist den Druck unverdienter Strenge und Härte erleiden mußte. Die Mutter suchte ihr dies heimlich und verstohlen durch innigere Liebe zu ersetzen, ob sie gleich in Gegenwart ihres Mannes das Kind kaum zu beachten schien. Unbeschreiblich tief wurde das junge Gemüth hiervon ergriffen, und der trübe Anklang, den es in Natalien weckte, tönte durch ihr ganzes Leben fort.
In ihrem vierten Jahre wurde sie zu einer alten Demoiselle in die Schule geschickt, die keine andre Hülfsmittel des Unterrichts kannte, als die Fibel und Luthers Catechismus. Die Bequemlichkeit der Mutter, die es lästig fand, das Kind zu Hause zu beschäftigen und zu hüten, und keine Ahndung davon hatte, daß es auch in der Schule schlecht aufgehoben seyn könne, spannte die Kleine in dies Joch. Trotz der erbärmlichen Anweisung, lernte sie in acht Wochen fertig lesen, und diente nun der pädagogischen Eitelkeit der Erzieherin zum Spielwerk. Aber so wie die Leidenschaftlichkeit ihres Gemüthes, durch das Gefühl unverdienter Härte und unschuldig erduldeten Wehes im elterlichen Hause, aufgeregt wurde: so ward jetzt in der Schule ihre Phantasie zu einer noch verderblichern Thätigkeit gereizt. Von den sechs Stunden, die sie täglich in einem kleinen, engen Zimmer zubringen mußte, war nur eine dem Hersagen ihrer Lektion und dem Lesen ihrer Blattseite bestimmt. Die übrige Zeit mußte sie unthätig und still sitzend, mit der Fibel in der Hand, zubringen. Nur das rege Spiel ihrer Phantasie vermochte diese Stunden auszufüllen, und zu diesem Nachtheil gesellte sich später noch der des vielen Auswendiglernens von Gesängen und Sprüchen, welches, da sie dem Gelernten keinen Sinn geben konnte, ihrem Gedächtniß die gefährliche Fähigkeit erwarb, auch unbegriffen zu fassen und zu bewahren.
Unter diesen Umgebungen wurde der sanften Psyche bald die Mondscheindämmerung der ersten, süßen Kindlichkeit entrissen, ein Verlust für das innre Leben, der auch der Matrone noch fühlbar bleiben muß. Natalie erfuhr in diesem Zeitpunkt, als Grund der Abneigung ihres Vaters ihre frühere Antipathie gegen ihn, und diese Unnatur legte sich wie eine Schuld auf die junge Seele. Sie glaubte, nun seine Härte zu verdienen, und duldete sie mit sanfter Ergebung, die aus der Innigkeit hervorging, mit der sie sich seit dieser Entdeckung an den Vater hing. Aber eben diese Liebe machte sie gegen sein hartes Zurücktreten doppelt empfindlich. Oft fiel sie in einem einsamen Moment ihrer Mutter, die sie unaussprechlich liebte, weinend um den Hals. Diese verstand sie nicht, ließ dies unbemerkt hingehen, oder nannte ihr Weinen wohl gar Unart. Viel Güte mußte aber die Natur in Nataliens Herz gelegt haben, weil sie, so von allen Seiten gepreßt, doch unverstockt und weich, und sogar gegen den vorgezognen Bruder, dem sie ein willenloses Spielwerk seiner Unarten seyn mußte, liebevoll blieb. Nur eine sonderbare Verschlossenheit, und eine für ihr Alter ungewöhnliche Tiefe und Leidenschaftlichkeit der Empfindung kam in sie.
So ward sie sechs Jahr.
Eines Tages wurde sie wegen einer zerrissenen Schürze von ihrer Mutter bestraft. Der Vater trat unerwartet ins Zimmer, und, ohne sich nach der Ursache zu erkundigen, entriß er der Mutter die Ruthe, und schlug unbarmherzig auf das zu seinen Füßen nur noch winselnde Kind los. Empört fiel ihm die Mutter in den Arm und während er sich von ihr loszumachen, und sie aus dem Zimmer zu drängen strebte, floh die arme Natalie zum Fenster — und stürzte sich, vor den Augen der Eltern, aus dem zweiten Stock des hohen Hauses, auf die Gasse hinab.