Dritter Abschnitt.
Es lag dies Herz für alle Pfeile offen
Und mancher gift’ge trank sein Blut.
E. M. Arndt.
Wenig Wochen nach ihrer Rückkehr von Lübeck standen Natalie und Elise am Grabe ihres Vaters. In seinem Testament hatte er Natalien die Vormundschaft über Elisen aufgetragen und die verdoppelte Thätigkeit, zu der sie dadurch verpflichtet wurde, half ihr den Schmerz dieses Verlustes fester und ernster ertragen, als sie es sonst zu thun vermocht hätte. Sie schrieb an August und forderte ihn auf, seine Zuhausekunft zu beschleunigen. Ein günstiger Zufall machte ihn mit dem Kammerpräsidenten bekannt, welcher an den Kenntnissen und dem schönen Eifer des jungen Mannes, der das Gute so innig liebte, und so verständig wollte, so viel Gefallen fand, daß August in kurzer Zeit eine der angenehmsten und einträglichsten Beamtenstellen seines Vaterlandes erhielt. Von Natalien gebilligt, blühte die stille Neigung Elisens jetzt wunderbar schnell zur innigsten Liebe auf, und da seine Beförderung jedes Hinderniß ihrer Verbindung beseitigte, genoß Natalie des Glückes, die Hand ihrer Schwester dem Manne geben zu können, den sie ihren wahrsten Achtung und ihres vollsten Vertrauens werth gefunden hatte.
Mit mütterlicher Freude und Sorgsamkeit war sie unermüdet geschäftig, ihre Elise auszusteuern und ihr ihre neue Wohnung auszuschmücken; aber alle Bitten ihrer Geschwister, künftig bei ihnen zu wohnen, waren vergeblich. Sie begleitete sie nach G. ihrem neuen Wohnort; doch schon nach einigen dort zugebrachten sehr glücklichen Wochen gieng sie nach ihrem Gute N****, wo sie künftig zu wohnen entschlossen war.
Diese Trennung war theils Folge ihrer immer lebhafter werdenden Sehnsucht nach Einsamkeit und stiller Einkehr in sich selbst; theils ihres Grundsatzes, daß im ersten Ehestandsjahr, die Anwesenheit einer vertrauten Freundin, der jungen Frau, für ihr eheliches Glück, selten heilsam ist, indem ihre Gegenwart verhindert, daß Denkungsart und Handlungsweise beider Gatten sich zu jenem unauflöslichem Gewebe ineinander schlingen, welches das Glück und das Heiligthum der Ehe genannt zu werden verdient.
Natalie kam in N**** an. So unabhängig sie auch bisher gelebt hatte, war ihr doch das Gefühl, in eignem Hause zu leben, sich ganz als Gebieterin desselben zu fühlen, und unumschränkte Herrin ihrer Zeit, und der Anwendung derselben, zu seyn, neu, und die Süßigkeit desselben gieng nicht für sie verloren. Eine entfernte, bejahrte Verwandtin, welche der Tod ihres Mannes hülflos und allein gelassen hatte, Madam Brandt, ward ihre Gesellschafterin, unter deren Schutz Natalie, ohne den Tadel der Welt und Verletzung eingeführter Sitte fürchten zu dürfen, allein und unabhängig leben konnte. —
Am Tage nach ihrer Ankunft, als sie gegen Abend einsam am Flügel saß, meldete man ihr Herrn Buri, der der Besitzerin des Gutes seine Aufwartung machen zu müssen glaubte. Der Gedanke an ihr früheres Zusammentreffen mit ihm hatte sich ihr, durch die schnelle Folge interessanterer Ereignisse, ganz entfremdet. Jene finstre, warnende Schreckensahndung, die einst, bei Nennung seines Namens, durch ihr Herz zog, war längst vergessen, da in ihrer Seele kein Gedanke, keine Empfindung war, die sie daran zu erinnern vermocht hätte. Unbefangen erhob sie sich auch jetzt bei seinem Eintritt; aber er verlor alle Haltung, als er beim ersten Blick auf sie, jene Unbekannte, das Heiligenbild seines Herzens, in ihr wieder erkannte. Er hatte, in der Abgeschiedenheit seines gegenwärtigen Lebens, den gewaltigen Eindruck, den Natalie auf ihn gemacht, mit der ganzen leidenschaftlichen Kraft seiner Phantasie genährt und ausgebildet. Von der Besitzerin des Gutes hatte er gleichfalls, so lange er in N**** lebte, als von einem Engel an Güte und einem Wunder der Bildung und des Geistes reden hören; — er war Zeuge der Wohlthaten, die sie ihren Unterthanen spendete; er verdankte ihr selbst nicht allein seine Stelle, sondern auch die Einrichtung seines Hauses, das er bei seiner Ankunft möblirt und mit allem Nothwendigen versehen, vorfand — und in dieser im Voraus verehrten und bewunderten Gebieterin fand er jetzt seine Unbekannte, dies Ideal aller Schwärmereien seines Kopfes und seines Herzens, wieder! — Vom Strahl der Abendsonne beleuchtet, trat sie ihm wie verklärt entgegen, und er konnte sich kaum enthalten, vor der holden Erscheinung das Knie zu beugen. —
Natalie freute sich des Wiedersehens des Jünglings, den sie viel heitrer und blühender fand, und seines Geständnisses, daß jene Unterredung mit ihr den ersten Strahl auf sein verdüstertes Leben geworfen habe, das sich nun durch Liebe zu seinem Beruf und Treue in demselben, immer freundlicher erhelle. Aber die Erinnerung an jenes frühere Zusammentreffen füllte doch jetzt die weite Kluft aus, die sonst den Untergebenen von der Herrin getrennt haben würde. Sie wollte und konnte auch nicht, ohne wehe zu thun, den Ton gesellschaftlicher Gleichheit ändern, den sie früher, die Unbekannte dem Unbekannten gegenüber, beim Zusammentreffen in Einer Gesellschaft, angenommen hatte, und sie glaubte um so mehr, diesen Ton beibehalten zu können, da er ihr eine tiefere Ehrfurcht zeigte, wie sie der Unterschied des Standes je zu erzeugen vermag.