In voller Ruhe, erhaben über jede Brandung der Leidenschaft, jede stürmische Wallung des Gefühls, war sie ihm zuerst erschienen — so hatte sich ihr Bild ihm eingedrückt, und so glaubte er auch jetzt sie zu sehen. Ihr je begegnen zu können in Einem Gefühl, Einer Empfindung: ihr vergelten zu können, was sie spendete; zu wähnen, sie könne in den engen Kreis kleiner Schmerzen und Freuden, kleiner Bedürfnisse und Wünsche, mit eintreten, hielt er für unmöglich.

Für Natalien kam jetzt eine schöne Zeit des Friedens mit sich und andern; Muße und häusliche Thätigkeit, heitre Geselligkeit und frohe Einsamkeit in weisem Wechsel, füllten ihre Stunden aus. Der Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs breitete sich nach und nach aus, aber die wirthschaftliche Thätigkeit des ländlichen Lebens bewahrt den Theilnehmer daran vor der Zerstreuungssucht des Städters. Dieser macht aus der Geselligkeit ein Geschäft, dem er oft sein ganzes Leben widmet; jenem ist sie nur Erholung, nur Genuß, für Feiertage und Feierstunden.

Auch für Natalien war sie nur dies, und am frohesten war sie, nach vollbrachtem Tagewerk, in ihrem Zimmer, bei Lectüre und Musik, oder auch im traulichen, verständigen Gespräch mit dem schätzbaren Prediger und seiner Frau, welche in den langen Winterabenden täglich zur Theestunde zu ihr kamen. Oft erwiederte sie auch diesen Besuch und fand dann immer Buri dort, der im Hause der alten wackern Leute wie ein Sohn einheimisch war. Sein ausgezeichnetes musikalisches Talent verschaffte ihm auch häufigen Zutritt in ihrem Hause, da sie, wie fast alle Sängerinnen, sich lieber accompagniren ließ, als ihren Gesang selbst begleitete. Ein anders, zufällig bei ihm entdecktes Talent, machte ihr seine Gesellschaft noch angenehmer; er las gut, und mit eben so zartem als tiefen Gefühl vor.

Unvermerkt ward er so näher und näher in ihren Lichtkreis gezogen, und ach! er suchte die herrliche, ihn so himmlisch beseelende Flamme, nur zu sehnsüchtig auf! — Früher hatte er nur die Glut heißer, leidenschaftlicher Sinnlichkeit kennen lernen; hätte sein jetziges Gefühl jenem früheren geähnelt, so hätte er sich selbst verstanden und sich vielleicht selbst beherrscht. Aber diese reine anbetende Huldigung mit der er Natalien verehrte, schien ihm höchst unverdächtig. Er lebte in ihrer Nähe, wie in dem Element eines höhern geistigen Lebens, das von Tag zu Tag alle Kräfte seiner Seele zu einem unaussprechlich gehaltvollen und glücklichen Daseyn aufjubelte.

Natalie freute sich oft des schönen Jünglings, der jetzt so freudig im Leben einherschritt. Sie fühlte, das sey ihr Werk; aber sie hatte keine Ahndung des Unseegens, der daraus für ihn und für sie hervorgehen konnte. — Ihre reine Seele kannte von der Liebe nur die höchste Freude und den edelsten Schmerz.

Um diese Zeit erhielt sie Briefe von Willot und seiner Frau, die ihr die willkommene Nachricht brachten, daß sie ihren Wohnort verändern, und sich in G. — wo auch August und Elise wohnten — niederlassen würden. Diesen Brief begleitete ein Werk von Voluda, welches damals, bei seiner Erscheinung, die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf den Mann lenkte, der, noch an der Gränze des reiferen Jünglingsalters, darin, edel, strenge und fest wie eine Heldenerscheinung aus längst versunkener Vorzeit, erschien, und milde und fromm und menschlich, wie wahre Größe es immer ist.

Schöne, unvergeßliche Stunden, in denen die edlen gewichtigen Worte Nataliens Seele begeisterten, und ihr innerstes Gemüth sich mit dem Verfasser aufs innigste befreundete! — So hatte sie sich ihn früher gedacht — so lebte er in ihrem Herzen und nach Lesung dieses Werkes, in welchem sich sein Geist, sein Gemüth, und die Eigenthümlichkeit seines Sinnes mit unverkennbarer Wahrheit aussprachen, war sie mit den innigsten Empfindungen ihrer Seele, mit den theuersten Ideen ihres Geistes, und mit jeder bessern Kraft ihres Gemüthes, sein, und blieb es auch bis zum letzten Schlage ihres gebrochnen, treuen Herzens. —

Sie beantwortete Willots Brief und erwähnte seines Freundes und des ihr übersandten Werkes mit Worten des Dankes und einer Bewunderung, die ein so klares und gemüthreiches Eingehen in Voludas Sinn verriethen, daß Willot sie, in der Freude darüber, diesem mittheilte, und dadurch auch in ihm jene Sympathie aufregte, die beide, für einander geschaffne Wesen, in schöner Ahndung zu einander zog.

In diesem stillen häuslichen Leben und dem fast täglichen, traulichen Zusammenseyn, konnte es Natalien nicht entgehen, wie Buri sich immer fester und wärmer an sie schloß, und mehr und mehr nur von ihren Blicken, ihren Worten, zu leben schien. Es schien ihr aber auch, als wenn die Reife, die ihr Karakter gewonnen hatte, und der Ernst ihres Wesens sie davor schützen müsse, auf einen so jungen Mann — jugendlichen Eindruck zu machen, und sie genoß seiner unverkennbaren Anhänglichkeit nicht eitel, sondern mit dem ruhigen, sich seiner Ueberlegenheit bewußten, Wohlwollen einer ältern Freundin gegen den Schützling, über dessen Gefühle sie sich einer unbedingten Herrschaft sicher glaubt.

Kam sie um Mitternacht, oft noch später, von einem Besuch in der Nachbarschaft zu Hause, so fand sie ihn doch gewiß noch jedesmal, auch bei dem heftigsten Schneegestöber, bei Sturm und Regen, wach und vor seiner Hausthüre, oder am offenen Fenster, wo ein Schlagbaum sie einige Minuten zum Verweilen nöthigte und er ihr dann noch eine gute Nacht wünschen konnte. Daß sie sich gewissermaßen beredete, auch dies ganz leicht und unbedeutend zu nehmen, war ihr erstes und ihr größtes Unrecht gegen ihn. — Nataliens Urtheil ward hier, ohne es selbst zu wissen, von der alle Weiber so süß berauschenden, verführerischen Gewißheit, geliebt zu werden, bestochen — und wahrlich, wenig Frauen werden geliebt, wie Buri in diesem Zeitpunkt Natalie liebte!