Er besaß nicht jene Tiefe der Empfindung, jene innige Begeisterung, jene unendliche Treue, die allein wahre Liebe erzeugen; er konnte daher auch diese, im eigensten Sinn des Wortes, nicht in sich aufnehmen: Er hatte keinen Frieden mit sich und dem All — aber was er für Natalien im vollsten Umfang seines Empfindungsvermögens empfand, war jene süße, verderbliche, der Erde angehörende, Leidenschaft, die im weiten Reich der Dinge nur ein Glück anerkennt, und für den Besitz der Geliebten sich tausendmal ins tobende Meer, ins lodernde Feuer stürzte, — ein Gefühl, vergänglich wie alles Irrdische; aber in seiner Vergänglichkeit so unwiderstehlich bezaubernd, so alle Kraft des Geistes, die nicht für dasselbe wuchert, betäubend, daß es, einmal gekostet, doch, als die höchste irrdische Seeligkeit, nie vergessen wird — so wenig von den Herzen, das es durchglühte, als von dem, das es einflößte. —
Natalien war diese Leidenschaft noch nicht erschienen, und sie wußte so wenig um ihr Daseyn, als um ihre Wirkungen. Ihr war die Liebe ein Band zwischen dieser und jener Welt; die Vermittlerin zwischen Gott und dem Menschen. Buri konnte ihre Phantasie auf Momente beschäftigen; zu ihrem Herzen gab es für ihn keinen Weg. Der bürgerliche Abstand zwischen dem Jüngling und ihr, war ihr auch in jedem Augenblick so anschaulich gegenwärtig, daß sie den kleinsten Versuch von Seiten des Jünglings, ihn überspringen zu wollen, für unmöglich hielt. Sie war ruhig in dem Bewußtseyn, ihre Gewalt über ihn nur zu seinem Besten, zu seiner Bildung und Veredlung, benutzen zu wollen, und wußte es nicht, wie leicht in einem solchen Verhältnisse das Kind zum Riesen erwächst, dessen roher Macht jedes zarte Gefühl erliegt.
Monate vergiengen indessen, ohne daß Buri sich selbst in dem Wechsel von Jubel und Weh verstehen lernte, der jetzt sein Leben ausfüllte. Das Herzklopfen der Freude, wenn er zu ihr gieng, die öde Abgestorbenheit der ganzen Welt für ihn, wo sie nicht war — sein Erröthen, wenn ihr Blick den seinen traf — das schmerzliche Entzücken, wenn ihr Gewand vorüberrauschend seinen Fuß berührte — seine Beklommenheit, wenn sie, neben ihm stehend, sich zum Clavier herab beugte, an dem er saß, um die Noten deutlicher zu lesen, er ihren Athem an seiner Wange fühlte, und nun alles Leben in ihm stillstand, um nach Sekunden, wie ein brausender Strom, mit tausendfach vermehrter Kraft, durch alle Adern seines Herzens hinzuströmen, — waren ihm noch Hieroglyphen, zu denen kein Wunsch, keine Hoffnung, ihm den Schlüssel bot.
Als sie aber einst, da er ihr beim Aussteigen aus dem Wagen die Hand bot, ausglitt, und dadurch auf eine Sekunde in seine Arme, an sein Herz sank, durchglühte seine, früher vom Hauch der Wollust vergiftete Seele, blitzesschnell das Selbstgeständniß seiner Leidenschaft. Von diesem Augenblick an, wich der stille Genius des Friedens und der Unschuld von ihm, und er ward ein Raub sträflicher, frevelnder, nicht mehr zu beschwichtigender Wünsche, an deren Erfüllung er im stillen Wahnsinn der Leidenschaft entschlossen war, sein Leben zu setzen.
Das Osterfest war nahe. Der Prediger war seit vielen Jahren gewohnt, am zweiten Feiertage desselben, die Pächter des Kirchspiels zu sich einzuladen, und fragte Natalien, ob er es wagen dürfe, sie auch zu bitten. Sie nahm die Einladung gerne an. Zum erstenmal sah Buri sie hier, fern vom Gepränge ihres Ranges und ihres Reichthums, höchst einfach gekleidet, unter seines Gleichen. Natalie suchte in ihrem Betragen alles zu vermeiden, was die Anwesenden erinnern konnte, daß sie nicht zu ihrem Zirkel gehöre, und dadurch die Freude dieser guten einfachen Menschen zu stören vermocht hätte. Sie war so gut, so freundlich, so zuvorkommend gegen alle, und merkte nicht, daß sie es heute mit so heiterm herzlichen Wohlwollen war, weil sie es nun auch, ohne mit sich selbst rechten zu müssen, gegen Buri seyn durfte, der ihr in diesen letzten Wochen unvermerkt lieber geworden war, und den sie eben darum oft absichtlich das Gewicht ihres Standes hatte fühlen lassen. Er war unbeschreiblich glücklich dadurch, und das rührte und erweichte sie. Alle freueten sich seines heitern Witzes, und seines, bei so schöner blühender Jugend doppelt anmuthig erscheinenden, Frohsinns. —
Nach dem Caffee, als die Bejahrten der Gesellschaft sich an die Spieltische setzten, fingen die jungen Leute an, kleine gesellschaftliche Pfänderspiele zu spielen, von denen Natalie sich nicht füglich ausschließen konnte. Zum Beschluß wurde Blindekuh vorgeschlagen. Das Loos, sich die Augen verbinden zu lassen, traf Buri. Ein junges Mädchen übernahm dies Geschäft: aber die übrige Gesellschaft war mit der Ausrichtung desselben nicht zufrieden; man behauptete, er könne noch sehen, und Natalie, die zufällig nahe bei ihm stand, ward ersucht, den streitigen Fall zu untersuchen und den Knoten fester zu schürzen. Genannt wurde sie nicht bei dieser Aufforderung, aber konnte er es verkennen, daß sie es war, die jetzt nahe, ganz nahe, vor ihm stehend, mit den zarten Fingern seine Wangen berührte, um die Binde tiefer über das Auge herab zu ziehen; Natalie sah, wie er bei dieser flüchtigen Berührung erbebte, und welche Glut über seine Wangen flog — auch sie war befangen — und in diesem Moment fühlte sie sich von ihm umschlungen und an sein Herz mit wahrhaft fieberhafter Wuth gedrückt. Ich kann nicht sehen, Mamsell Horst, gewiß nicht, sagte er rasch und heftig, um ihr und den andern die Kühnheit dieses Umfassens zu verdecken. Alle wurden getäuscht und belachten den Irrthum, und auch Natalie fand es gerathen, daran zu glauben. Sie faßte, sich ihm rasch entwindend, seinen Arm, um ihn, dem Spielgebrauch gemäß, im Zimmer einigemal auf und ab zu führen, und suchte, bei den Worten, mit denen sie ihn entlassen mußte, die Stimme des von ihm genannten Mädchens nachzuahmen; doch sie selbst war nicht getäuscht. Sie fühlte, nur sie könne er so umschlingen, nur ihre Nähe könne ihn so trunken machen, und — o Räthsel des weiblichen Herzens! — sie vermochte nur wohlwollend, keinesweges zürnend, im Gefühl der Macht dieses Moments bei ihm zu verweilen. —
O Natur, wie reich mußtest du seyn, um in solche Momente solche Seeligkeit legen zu können! — Eine Sekunde nur hatte er sie umfaßt, einmal nur ihr Herz an seiner Brust schlagen fühlen, und doch wird diese Erinnerung noch einst das Herz des Greises mit süßer Wehmuth füllen, und seine Züge mit frohem Lächeln erheitern! —
Natalie hatte Herrschaft genug über sich, nach Endigung des Spiels, ganz unbefangen gegen ihn zu seyn, und ihm dadurch ihr Wissen um das Vorsätzliche seines Irrthums unerrathbar zu machen. — Doch derselbe Abend führte noch einen Augenblick herbei, der sie mit dem Geheimniß ihrer Schwäche gegen ihn hätte bekannt machen können, wäre sie nicht bestimmt gewesen, jede Erfahrung, jede Warnung, mit einem wunden Herzen erkaufen zu müssen. —
Ihr Wagen kam, sie abzuholen: bei dem Umwenden auf dem eben nicht sehr geräumigem Priesterhofe brach die Deichsel, und Natalie beschloß, den kurzen Weg nach ihrem Hause lieber zu Fuße zu gehen, als noch länger auf einen andern Wagen zu warten. Der Prediger erbot sich, sie zu begleiten, was sie aber ausschlug, da er schon den Abend über Erkältung und Heiserkeit geklagt hatte, und er rief nun Buri und noch einen andern jungen Mann aus der Gesellschaft, um die Damen den Richtweg durch seinen Garten über den Kirchhof zu führen. Madame Brandt, der, in dieser finstern Mitternachtsstunde, der Weg über den Kirchhof einiges Bedenken machte, faßte schnell den Arm des andern jungen Mannes, da sie Buris Spott über ihre, ihm schon bekannte, Gespensterfurcht scheuete, und so fiel diesem das Loos, Natalien zu begleiten. Beide giengen stumm neben einander, bis beim Eingang zu dem Kirchhof ein Hund mit lautem Gebell auf sie zufuhr. Natalie besaß die Schwachheit, vor Hunden ängstlich furchtsam zu seyn, auch jetzt schreckte sie zusammen und faßte, mit dem Angstruf: ach lieber Buri! den Arm ihres Begleiters. Zum erstenmale hörte dieser von ihr diese trauliche Benennung; zum erstenmale bot sie ihm die Hand, und ließ sie ihm sogar, als er, ihren Arm in den seinen legend, auch diese Hand in der seinen behielt. Natalie fühlte durch den Handschuh sein fieberhaftes Glühen; sie fühlte ihr Unrecht; — aber besiegt von der hoffnungslosen und doch so gewaltigen Liebe des Jünglings — ermattet von der Unwahrheit, mit der sie sich die wachsende Gewalt derselben so lange verläugnet hatte, gab sie sich in dieser Minute dem Genuß hin, der für sie in dem Glück lag, das Wilhelm dadurch empfand. Sie bedachte nicht, wie viel sie sich damit gegen einen Mann vergab, dessen Liebe sie nie erfahren durfte, und der, von diesem Augenblick an, berechtigt war, sie als die Vertraute derselben anzusehen.
Das Verhältniß zwischen Beiden ward, von diesem Tage an, eben so sonderbar als ungleich. Sie war oft stolz und herrisch gegen ihn; wenn er dann tief gekränkt, beschämt, im bittern Unmuth oder stillem Zürnen gegen sich selbst, zurücktrat, so konnte sie es nicht lassen, ihm wieder mit einem Blick, einem Worte, die Unart vieler Tage zu vergüten. Ueber ihn gewann diese Leidenschaft eine furchtbare Gewalt. Immer heißer, immer hoffnungsloser, bald zum Sterben betrübt, dann zum Himmel entzückt. Kamen doch Minuten, die ihm diesen höllischen Himmel voll seeliger Qual, theurer, wie jedes andre Glück der Erde machten. Sein höchster Wunsch war der, ihr nur einmal sagen zu dürfen, wie er sie liebe — sie nur noch einmal, einmal, so wieder an seine Brust drücken zu dürfen und dann, in der Minute selbst, zu sterben.