Nataliens schwererrungener Friede wurde durch ihn von Neuem gestört, und doch konnte sie die Störung und den Störer nicht hassen — doch gab sie sich der Hoffnung hin, irgend ein Zufall werde in’s Spiel treten, und es ihr ersparen, dies Gewebe mit rauher Hand zu zerreissen. Auch war es ihr durchaus nicht klar, was sie zu thun habe. Sollte sie ihn entfernen? — ihn, der früher so einsam und unglücklich war, und für den die ganze Welt zur freudenleeren Wüste wurde, sobald sie ihn verstieß? — Womit hatte er diese Härte verdient? — wog das, was sie durch diese Entfernung an Ruhe gewinnen konnte, den Schmerz auf, den er empfinden würde? — und warum auch ein solcher Gewaltschritt? es war ja auch möglich, daß, bei einem so excentrischen Menschen, bloß Dankbarkeit und Bewunderung, sich, ohne Einmischung von Liebe, so excentrisch aussprachen — und, wenn er sie nun auch wirklich liebte, so wußte er doch höchst wahrscheinlich selbst noch nicht darum, und die Gefahr, den Nachtwandler zu wecken, war dann größer, als jede andre. — Liebe ohne alle Hoffnung ist so nur ein Fantom, und welche Hoffnung konnte er haben? —

Mit diesen Grübeleien und Sophistereien betäubte sie die warnende Stimme in ihrem Herzen, und Monate verflossen ihnen noch in dieser Unbestimmtheit und Verworrenheit ihres Verhältnisses.

Eines Abends war er allein mit ihr. Sie sangen ein Duett, von den zwei Grazienlieblingen, Metastasio und Pergolese, zu einem Gesange für zwei Seelige gemacht. Jeder Ton war Harmonie der Liebe und gab dem Herzen Wonneschläge. — Alles Leben in Buris Wesen wurde zu einem Taumel — nie hatte er so sehr empfunden, wie glücklich er seyn würde, wäre sie, die Angebetete, sein. —

Es war während des Gesanges traulich dämmernd geworden. Ueberwältigt von der Stärke seiner Empfindung wollte Buri gehen. Er stand auf — in diesem Augenblick fiel Nataliens Taschentuch zur Erde — beide bückten sich, es aufzuheben. — Wange streifte an Wange — und in demselben Moment fühlte sie sich an sein Herz gerissen und der heiße, leidenschaftliche Druck seiner Lippen glühte auf den ihren.

Ueberrascht, außer aller Fassung, schwankte sie in seinen Armen — Buri! rief sie bewegt — er hielt sie noch umschlungen — Buri! rief sie ernst — da stürzte er zu ihren Füßen; mit heißen Thränen, mit Zittern, mit Entzücken, mit aller Glut und Furchtsamkeit der ersten Jugendliebe, gestand er ihr eine Leidenschaft, um die sie lange wußte, ohne sich je die Möglichkeit zugegeben zu haben, daß ein Geständniß derselben erfolgen könne, auf dessen Empfang sie durchaus nicht gefaßt war. —

Sie gehen, Buri! sagte sie ihm stolz und gebietend — gehorchend entfernte er sich — an der Thüre wandte er sich um — mit Blitzen in den Augen und mit vieler Sicherheit im affektvollen Ton, sagte er ihr: Sie können mein Leben als Sühnopfer dieses Augenblicks fordern; aus tausend Adern will ich es mit Entzücken wegfließen sehen; nur glauben Sie nicht, daß Gott selbst mich zur Reue darüber bringen kann! Verwerfend winkte sie mit der Hand — er eilte hinweg.

Betäubt, verwirrt und zitternd blieb Natalie zurück. Vergebens strebte sie nach Ruhe und nach dem Gesichtspunkt, aus dem sie den Vorfall nehmen mußte. Sie wollte kalt urtheilen und der blühende schöne Jüngling stand vor ihrer Phantasie wie er sie an sein Herz drückte, wie er dann zu ihren Füßen sank — sie fühlte das Entzücken, mit dem er sie, die Vergötterte, umfaßt hatte, und eine Ahndung zahlloser neuer Sensationen, deren Natur ihr dunkel blieb, weil sie ihr ganz unbekannt waren ergriff sie. An der Wahrheit seiner Liebe konnte sie nicht zweifeln — und sie, die früher so oft fruchtlos gestrebt hatte, Steine zu erwärmen, sie, deren einziger Wunsch, deren einzige Forderung an das Schicksal von jeher nur Liebe, wahre uneigennützige Liebe gewesen war, sollte nun kalt und hart das Herz von sich stoßen, das mit so heißer, dem Tode und der Verwerfung trotzender, Leidenschaft an ihr hieng? — Sie fühlte es, daß sie Buri nicht liebte — sie konnte seinem Umgang entsagen — aber was wurde sein Loos, wenn sie ihn verstieß? Ihr war, als habe diese Stunde ihr die Verpflichtung auferlegt, das Glück des Jünglings, wie ihr eignes, am Herzen zu tragen; in ihrer Seele war keine Ahndung irgend einer andern Gefahr, die ihm und ihr aus diesem Verhältniß aufgehen könnte, als die gestörten Herzensfriedens, und so beschloß sie, ohne alle Rücksicht auf sich, nur die Maaßregeln zu ergreifen, die ihr für Buris Glück die zweckmäßigsten zu seyn schienen. Diese Liebe sollte ihr Mittel werden, ihn weiser und glücklicher zu machen; sie wollte ihm, im vollsten Sinn des Wortes, Freundin und Schutzgeist werden; seine, durch sie und diese Liebe begonnene moralische und aesthetische Bildung vollenden, und ihn dann einer für ihn passenden Gattin zuführen. —

Natalie täuschte sich hier, indem sie die Illusionen eines gerührten Herzens und einer sehr rege gewordenen Phantasie, für Eingebungen und Prüfungen kalter ruhiger Vernunft nahm. Hätte diese ihr Betragen wirklich geleitet, so hätte sie, nach jenem Ostertage schon, den Jüngling auf irgend eine Art aus ihrem Kreise entfernt. Ihr jetziges Betragen war sehr lobenswerth, und wohl dem Weibe, das, in ähnlicher Lage, ähnlicher Verschuldung entging. — Gönnet aber, meine weiseren und besseren Schwestern, der armen Natalie den Trost, den ihr ihr innerstes Bewußtseyn, auch in ihren trübsten Stunden, gewährte, den Trost, Buris Liebe nur geduldig ertragen und gutgeheissen zu haben, weil sie in ihr das Mittel zu sehen und zu ehren glaubte, seine moralischen Anlagen zu entwickeln, die Disharmonie seines Wesens zu lösen, und ihn besser und glücklicher zu machen. —

Am Abend des folgenden Tages sah sie ihn, einer früheren Einladung zufolge, mit dem Prediger und seiner Frau, zu sich eintreten. Sie empfing ihn mit ruhigem, sicherm Ernst. Er zitterte so sichtlich, daß sie es schon aus Schonung vermeiden mußte, das Gespräch an ihn zu richten — aber sie konnte, trotz seines Erröthens, und seines Verstummens, doch die Trunkenheit nicht verkennen, mit der er, in der Erinnerung der genoßnen Seeligkeit, den Muth fand, alles, selbst ihren Unwillen, zu ertragen, ohne das Vorgefallene zu bereuen. Die Energie der Leidenschaft gab ihm jetzt, ihr gegenüber, eine Mündigkeit, die er früher nie gezeigt hatte. Einem fest entschlossenen, muthvollen Manne gegenüber fühlt das Weib immer seine Schwäche, die dann nichts ist, als reines Gefühl der Weiblichkeit. Natalie vermochte ihre anfängliche Unbefangenheit im Laufe dieses Abends nicht zu bewahren. — Einmal streifte vorübergleitend ihr Blick an ihm vorüber; aber ihr Auge traf auf einen so dunkelglühend, so unersättlich, an ihr hangenden Blick, daß sie zagend erröthete. Nur sie konnte jetzt, wie sie fühlte, diesen Sturm beschwichtigen; nur sie vermochte, den erwachten Löwen zu zügeln, und eben dies Gefühl zog sie noch mehr zu dem Jüngling hin.

Seit mehreren Monaten war es eingeführt, daß Buri am Mittwoch Nachmittag zu ihr kam, um neue, schwere, Singsachen mit ihr einzuüben. Auch jetzt erschien er, als dieser Tag kam, und fand, wie gewöhnlich, Natalien allein. Sie hatte sich auf diese Unterredung vorbereitet und fing auch jetzt an, ihm, ernst und besonnen, ohne Zorn, aber mit der Strenge kalter Vernunft, die Thorheit und das Strafwürdige seines Betragens zu zergliedern. Doch der Damm war einmal durchbrochen und sie dem Erguß des heißesten, leidenschaftlichsten Herzens, das je in der Brust eines Mannes schlug, preisgegeben; eines Herzens, das ohne Hoffnung, ohne Streben, ein ähnliches Gefühl in ihr zu wecken, nichts, gar nichts, von ihr und vom Leben wollte, als die Vergünstigung, sich in ihrer Nähe sonnen, oder sterben zu dürfen. Nataliens Thränen flossen; zum erstenmal fühlte sie sich geliebt; geliebt mit allen Kräften, allen Gedanken und Empfindungen dieser Feuerseele, und eine unendliche Theilnahme, ein Gefühl wehmüthiger Seeligkeit füllte ihr Herz mit Dank gegen den Mann, der sein Glück und sein Leben so freudig an die Erlaubniß setzte, sie lieben zu dürfen. —