Sie fragte ihn ernst und innig: ob er der Herrschaft über sein Herz gewiß genug sey, um diese Liebe ewig als eine Flamme zu betrachten, die sein Leben erwärmen, aber nie verzehren dürfe? — Von ihr könne und werde er nie etwas erhalten, als Freundschaft; diese gelobte sie ihm aus voller Seele, so lange er sanft, vernünftig und besonnen seyn, und sich mehr und mehr mit dem Gedanken befreunden wolle, bald eine Gattin zu wählen. —
Feierlich gelobte er ihr die Erfüllung aller ihrer Forderungen, und wirklich fand er auch in dem Glück, ihr sagen zu dürfen, daß er sie liebe, eine so überschwängliche Genugthuung, daß er zu jedem Opfer bereit, in dieser Stunde — nicht begriff, wie seine Wünsche je über diese schöne Wirklichkeit hinausgehen könnten.
Von diesem Tage an war Buri viel öfter in Nataliens Hause, und ihr Umgang wurde immer traulicher und herzlicher. Der süße, unwiderstehliche Zauber, sich so geliebt zu wissen, die ungetrübte Reinheit dieses Verhältnisses, die noch jeden freundlichen Blick von ihr zur seltenen, beglückenden Gunstbezeugung machte, und der schöne, verwirklichte Traum, veredelnd auf den Freund zu wirken, und ihn, zur immer richtigeren Würdigung des Lebens, zur immer freudigeren Thätigkeit in seinem Beruf, zurückzuführen, verleiteten Natalien zur Verletzung mancher Sitte der Konvenienz und Etikette, die trennend und absondernd zwischen ihr und dem Freunde stand. Es schlich sich nach und nach ein, daß Buri jede seiner Freistunden bei ihr zubrachte, jeden Abend bei ihr aß, und Natalie, zu stolz und zu rein, um vor der Welt den Freund zu verläugnen, blieb, auch vor Zeugen, in ihrer freundschaftlichen Traulichkeit gegen ihn sich gleich, was sie, von ihr indessen ungeahndet, zum Gegenstand des allgemeinen, mißbilligenden Geredes machte.
In den Stunden ihres einsamen Zusammenseins, deckte ihr Buri sein ganzes Herz auf, und sie erfuhr seine frühere Geschichte. In seinem siebzehnten Jahr lernte ihn die, wegen ihrer Schönheit und ihrer Buhlerei gleichbekannte Gräfin P. kennen. Der Jüngling mit dem neuen Herzen und der nie geweckten Sinnlichkeit gefiel ihr; sie zog ihn in ihr Haus. Er liebte sie mit der heiligen reinen Schwärmerei eines unschuldigen jungen Herzens, und fing sich um so leichter in allen den Schlingen, die sie ihm künstlich gelegt hatte. Doch nur Monate dauerte der Rausch, da erwachte die bessre Seele des Jünglings; er erkannte schreckensvoll, was er ihr galt, und riß muthig den Pfeil aus der tiefen Wunde. —
Natalie lernte in dieser Erzählung nur den Muth kennen und die Kraft ehren, die Buri den Sieg über diese Leidenschaft erkämpft hatten; was ihr unbekannt blieb, war, daß sein Glaube an Weiberreinheit und an das seelige, himmlische Glück der Unschuld, der Raub dieser unwürdigen Verführerin geworden war. Die gefährlichsten Sophistereien über Liebe und Genuß blieben, wie ein verborgenes Gift, in seiner Seele haften, und wirkten schleichend darin fort. Der stille Abglanz aus dem Paradiese, der in einer unverdorbenen Weiberseele ruht — dieses Nichtwissen, Nichtahnden der Begierde — dieses Schweigen jeder Leidenschaft — diesen tiefen, seeligen Frieden, der sich nur mit der Bläue des wolkenlosen Himmels vergleichen läßt, konnte er kaum mehr in der Vorstellung fassen, und noch weniger in der Seele der Geliebten schonen und ehren.
In Nataliens Herzen war dagegen keine Ahndung des Sturms, der in seiner Brust tobte. In stiller, freundlicher Klarheit genoß sie, mit zarter Jungfräulichkeit, der Gewißheit, geliebt zu seyn und den Liebenden glücklich zu sehen. Nie vermochte sie, in ihm zu finden, was im Leben Leben vollendet; aber sie hing mit reinem Wohlwollen an ihm, und hätte seinem Glücke freudig die schwersten Opfer zu bringen vermocht. Er gewann ihre Phantasie; doch ihr Herz füllte er nur in so weit aus, wie Nataliens Herz durch die Sorge für ein fremdes Glück und die Freude daran ausgefüllt werden konnte. Diese Sorge aber, verbunden mit der Macht der Gewohnheit des täglichen Umgangs, der Freude an seiner Liebe, und ihrer fast leidenschaftlichen Dankbarkeit für diese, vereinten sich in ihrer Seele zu Einem, unnennbaren, aber sehr mächtigen Gefühl.
Diese Sabbathzeit ihres Verhältnisses dauerte lange, da Natalie in ihrem Geist und in ihren Talenten reiche Hülfsmittel hatte, Wilhelm, in den Stunden ihres Beisammenseyns, zu beschäftigen und zu erheitern. Auch stillte ihr Anblick oft die Unruhe seines Busens, die ihm, fern von ihr, zur Qual wurde. Aber endlich kam doch die Stunde, wo der Anblick der Wirklichkeit Natalien die Illusionen raubten, die sie beglückten; — die sich Wilhelm immer mehr aufdringende Gewißheit, das von ihm so heiß, so leidenschaftlich geliebte, Weib, nie sein nennen zu können, brachte im Wechsel von Genuß und Qual, von Seeligkeit und Elend, in ihm eine Disharmonie hervor, die den Frieden seines Gemüths und das Glück dieses Verhältnisses vergiftete.
Buri hatte Grundsätze; fromm erzogen, hatte er der Macht der Verführung unterliegen, und die ganze giftige Süßigkeit des ihm gewordenen Rausches auskosten können, ohne das Gefühl für die Immoralität desselben zu verlieren. Er hatte Natalien achten, unbedingt achten gelernt. Wie offen lag oft ihre ganze Seele vor ihm, in Minuten, wo sie an keine Enthüllung derselben dachte! — Sein forschender, geübter Blick drang bis in die geheimste Tiefe derselben, und verzweifelnd fühlte er: ein Fehltritt werde die Ruhe ihres Lebens auf ewig vergiften, und nur ein Teufel könne, von ihr geliebt, dies Herz dem Loose preisgeben wollen, von der giftigsten aller Furien, der Schaam vor sich selber, gebrochen zu werden.
Er achtete sie zu hoch, um ihr die rohen Wünsche seiner Brust je zu verrathen; aber oft trieb es ihn wie ein Kainsfluch hinweg aus ihrer Nähe, weg von dem Herzen, das ihn liebte, rein und treu, wie Engel ihr Schützlinge lieben.
Was seine Lage noch peinlicher machte, war die Eifersucht, die er empfand, so oft er Natalien in Gesellschaft wußte, und die aus dem Gefühl entstand, daß er, an Feinheit und gesellschaftlicher Bildung weit unter ihr, leicht in einen Mann ihres Zirkels einen ihrer würdigeren Nebenbuhler finden könne. Es war ein eigner Zug in seinem Karakter, daß er alle ihm mangelnden Vorzüge der feinen Erziehung und des guten Tons in seinem geheimsten Bewußtseyn eben so überschätzte, als er sie in Worten, und, wie er glaubte, auch in seinem Sinn, mit der äußersten Geringschätzung beurtheilte. Natalie war jetzt, in ihrem vier und zwanzigsten Jahr, noch sehr reizend. Die Liebe hatte sie verjüngt, und ihr jenen Wiederschein zarter Weiblichkeit zurückgegeben, der magischer wie irgend ein andrer Reiz, die Männer anzieht. Jede Spur von Gefallsucht war aber aus ihrem Karakter verschwunden; sie lebte eigentlich nur für Buri. Doch ihre Verhältnisse und ihr Stand führten sie in Zirkel, zu denen er keinen Zutritt hatte. Ein ungemeßner Stolz und daher entspringendes Aufbäumen gegen allen Unterschied der Stände, war ihm eigen — und jetzt, wo dieser Unterschied des Ranges — in seinen Augen ein leeres Fantom — zwischen ihn und die Geliebte trat, die er als sein einziges und eigenstes Glück ansah, für die er alles hinzuopfern bereit war, weil er für nichts mehr Sinn hatte, als für sie — wurde sein Unmuth darüber oft zum unvernünftigen Zorn, oder zur wilden, Natalien verletzenden, Leidenschaft.