Noch hatte sie immer die Macht gehabt, durch ein mildes, freundliches Wort, einen Blick der Trauer oder der Bitte, diesen Sturm beschwören zu können; aber es kam ein Tag, wo sie auch hier an der Gränze ihrer Macht stand, und zum erstenmal einen Blick in sein Herz, diesen gährenden Abgrund wilder Wünsche, that. —

Natalie fühlte sich in dieser Minute nur beleidigt. — Stolz und zornig befahl sie ihm, sie zu verlassen, und ihr Blick sprach ihr Gefühl seines Unwerthes aus.

Sie war für diesen Abend zu einem Ball in der Nachbarschaft geladen, und warf sich noch mit dem bittern, fast hassenden Unmuth des Eindrucks dieses Auftritts, in den Wagen. Aber bald besiegte der Schmerz jede andre Empfindung, und sie erleichterte ihr gepreßtes Herz durch heiße, dem Jüngling geweinte, Thränen.

Buri fühlte, als er sie verlassen hatte, wie sehr er gefehlt habe, und wie er durch diesen Mangel an Maaß, Klarheit und Zartsinn, bei ihr verlieren mußte, und zürnte nun, mit aller der Exaltation, die jetzt in ihm lag und jedes Gleichgewicht zerstörte, gegen sich selbst. Wie Nataliens Wagen, im Vorbeifahren, um die Ecke seines Hauses bog, und sie finster den Kopf wegwandte, um ihn nicht zu sehen, stürzte er in einer fürchterlichen Wallung empörter Leidenschaften, belastet mit dem Gefühl ihrer Verachtung und ihres, wie er glaubte, nie wieder zu versöhnenden Unwillens, hinaus in die stürmische, kalte und nasse Winternacht, und irrte stundenlang fast sinnlos umher.

Natalie kam ungewöhnlich zeitig zu Hause, und wurde von ihrem Mädchen mit der Nachricht empfangen, der Prediger habe eilig zur Stadt geschickt, um den Arzt holen zu lassen; Herr Buri sey plötzlich sehr krank geworden; man habe ihn ohnmächtig in dem kleinen Hölzchen gefunden und ein heftiger Blutsturz drohe seinem Leben Gefahr.

Welch eine Nacht brachte Natalie auf ihren Knieen in den heißesten Gebeten zu! — und nun, in solchen Stunden und den Tagen die ihnen folgten, solche Liebe, solche Angst verläugnen zu müssen vor den Menschen — ach! nur ein Weib kann ganz begreifen, was ein Weib zu leiden vermag! —

Buri rang mehrere Tage mit Tod und Leben. Jugend und eine seltne Fülle kräftiger Gesundheit retteten ihn; aber seine Brust hatte sehr gelitten, und jede nur etwas heftige Gemüthsbewegung konnte, nach dem Ausspruch des Arztes, leicht einen tödlichen Rückfall verursachen.

Sein erster Ausgang war zu Natalien. Als er eines Abends unerwartet so blaß, so sanft, und doch noch so furchtsam, so schmerzlich bewegt, vor sie hin trat und leise, mit Thränen in den Augen, fragte: darf ich Verzeihung hoffen? — da sank sie zum erstenmale freiwillig an sein Herz und umarmte ihn mit heißen, heißen Thränen — und alles, was er gelitten hatte, ward ihm überschwänglich vergolten durch diese Umarmung.

In der Seeligkeit dieses Wiedersehens und dieser Versöhnung, nach gefürchteter Trennung auf immer, empfing Natalie das gefährlichste Geständniß, das ein weibliches Herz empfangen kann. Wilhelm vertraute ihr, um sich zu rechtfertigen, den langen Kampf der stürmischen Glut dieser Liebe und seine jetzige finstere hoffnungslose Resignation, die kein Ende dieses Kampfes vor sich sah, als nur den Tod.

Ein bleiches Entsetzen ergriff Natalien. Sie sah sich am Rande eines Abgrundes, wo ihr nur die Wahl zwischen Tod und Entwürdigung übrig zu seyn schien. Hätte sie ihn geliebt, so hätte sie ihm ihre Hand angeboten; jetzt aber lag dies Anerbieten so weit aus dem Kreise ihrer Ideen, daß ihr die Möglichkeit desselben nicht einfiel. Sie kannte auch seine Ansichten von der Ehe, und wußte, daß er sich in seiner künftigen Frau ein einfaches natürliches Wesen denke, das in keiner Art über ihm, in Hinsicht auf Geist, Kenntnisse und moralischen Werth, stände. Er hielt dies für eine Unnatur, die sich mit Eheglück nicht vertrage. Sie fühlte, daß ihre höhere Bildung jetzt seine Liebe veredle und vermehre; daß er sie aber, bei übrigens gleichen Verhältnissen, doch, um dieser Ursache willen, nie zu seiner Gattin wählen würde, und nur Leidenschaft, nie klare, ruhige Vernunft, ihm den Besitz ihrer Hand als höchstes Erdenglück zeigen könne. Ohne ihr Wissen um diese seine Ansicht, hätte Natalie doch vielleicht von ihrem Herzen, dem jedes Opfer für fremdes Glück Genuß war, und von dem Druck ihrer unverschuldeten Schuld gegen ihn, zu jenem Gedanken hingeführt werden können. Jetzt sah sie aber ihr Verhältniß zu ihm scharf begränzt, und litt bei der Entdeckung, daß es in diesen Gränzen ihn nicht zu beglücken vermöge, und Gift, statt Heil, für ihn geworden sey.