Sie selbst in ihrer eigensten Individualität stand zwischen dem Geliebten und seinem Glücke, und um ihm und ihrem eignen Herzen dies zu vergüten, gab sie alles, was außerdem zu geben in ihrer Macht war. Sie brach allen andern Umgang ab, und zog sich ganz in die stille Einsamkeit ihres Hauses zurück, um nur für Buri zu leben, und ihn, durch die Liebe selbst, mit der Entsagung zu versöhnen. — Aber noch jedesmal ist die Ruhe eines Weibes das Opfer dieses Versuchs geworden.

Ihr Ruf wurde auf das schwärzeste angefochten; sie erfuhr und trug es, im Bewußtseyn ihrer Schuldlosigkeit, für den Liebenden, und um seinetwillen, heldenmüthig. Sie hatte es sich geschworen, kein irdisches Opfer sollte ihr zu groß seyn, um es ihm nicht als Sühnopfer seines Kampfes und seiner Hoffnungslosigkeit zu bringen. Als sie aber auch die stille Mißbilligung inne ward, mit der ihre Hausgenossen, und selbst der alte redliche Prediger, auf dies, sich immer deutlicher aussprechende, Verhältniß blickten, und als sie statt im wiedergewonnenen Frieden, Buri, den Lohn für alle diese, von ihr tief empfundenen, Leiden finden zu sehen, diesen vielmehr immer verworrner und zerrißner werden sah — als dieser Kampf zwischen Leidenschaft und Sittlichkeit immer giftiger in ihm aufgährte, sie sich dadurch immer verletzter — vielleicht auch ermatteter fühlte — da brach ihr Muth. —

An eine würdige, edle, Lösung dieses sie ängstigenden und marternden Verhältnisses, war nicht zu denken. Alle Regel der Sitte, jeder Ausspruch der Meinung, und noch weit gewichtiger, ihre gegenseitige Individualität, war gegen eine öffentliche Verbindung mit ihm, und eben so entschieden war ihr Gemüth mit ungetheiltem Willen, und mit allen seinen Wünschen und Entschlüssen, dagegen, je, ohne bürgerliche Anerkennung dieses Verhältnisses, sein zu werden. Der Friede ihres Innern, die Ruhe ihres Bewußtseyns, die Achtung ihrer Freunde, ihr Ruf, — alles war der Raub dieser Leidenschaft geworden. Für sein Glück konnte sie nichts mehr thun; ein Opfer war noch übrig, das, — ihn von sich zu entfernen. Aber der leiseste darauf hindeutende Wink brachte ihn zur Verzweiflung. Hätte sie alle ihre Gewalt über ihn zusammendrängen und benutzen wollen, so hätte sie doch seine Einwilligung dazu erhalten — sie unterließ es, weil es ihr schien, diese Opfer werde ihr allein zu Gute kommen, und weil es nicht in ihrem Karakter lag, grausam sein zu können. —

Nur in weiter Ferne sah sie Rettung für sich: den Tod! — und o wie gerne wäre sie gestorben, hätte sie irgend hoffen dürfen, er werde sie überleben! —

In dieser Stimmung war sie, als August und Elise zum Besuch nach N**** kamen. Seit einem Jahre hatten sie die theure Schwester nicht gesehen; alle ihre Bitten, zu ihnen zu kommen, und sich an dem Anblick ihres Glückes zu freuen, waren unerfüllt geblieben. Sie ahndeten irgend eine verborgene Ursache dieser Weigerung, und Nataliens sichtlich verfallene Gestalt, die trübe Mattigkeit, die an die Stelle ihrer ehmaligen raschen Lebhaftigkeit getreten war, verbunden mit der, unverkennbar schmerzlichen, Rührung, mit der sie von ihr empfangen wurden, überzeugte Beide, sie sey krank, und habe ihnen das aus Schonung verhehlen wollen.

Ach es waren sehr schmerzliche, bittre Thränen, mit denen Natalie ihre Elise an ihr Herz drückte — sie flossen dem verscherzten Glück, ihr ferner Vorbild, Lehrerin, Warnerin, seyn zu können. Rein, und in gewissem Sinn geläuterter und bewährter stand sie ihr gegenüber, und doch mußte sie vor dem himmelhellen Blick dieser Seele voll Unschuld und Liebe beschämt das Auge senken. — Auch regte der Anblick von Augusts und Elisens Glück in Nataliens Busen ein bis jetzt schlummerndes bittres Gefühl auf; Beide waren vereint; sie liebten, sie durften lieben — ihre Pflicht war ihr Glück; ihr Glück ihre Pflicht — aber für Natalien waren die Ansprüche auf dieses Glück für immer verscherzt! sie hatte sie einem Mann geopfert, dessen Karakter ihr keine Entschädigung für das Gefühl verfehlter Bestimmung zu gewähren vermochte —

Natalie hatte, wie erwähnt, fast allen Umgang mit ihren Nachbarn abgebrochen, doch forderte sie August und Elisen dringend auf, diese nicht zu vernachlässigen, und einige schon früher gemachte Bekanntschaften zu erneuern. In ihrer Kränklichkeit fand sie den gewünschten Vorwand, zu Hause bleiben zu können, und benutzte ihn um so lieber, als sie Buris Zusammentreffen mit ihren Geschwistern scheuete, und die Abwesenheit beider ihm die Gelegenheit gab, sie wieder zu sehen.

Es konnte Elisen und ihrem Gatten nicht entgehen, daß, in den mehrsten Fragen nach Nataliens Befinden und dem Grund ihres Zuhausebleibens, die man bei diesen Besuchen an sie that, ein leiser Hohn lag, der beide sehr unangenehm traf, so wenig sie auch seine Ursache zu enträthseln vermochten. Einige Tage nach ihrer Ankunft wurden sie zu einer zahlreichen Gesellschaft eingeladen, unter deren Mitgliedern sich ein Mann befand, der es Natalien nie vergeben konnte, daß sie einst seine Hand ausgeschlagen hatte. Sein tückisches, boshaftes Gemüth hatte Jahrelang auf den Moment der Rache gelauert, und glaubte, jetzt ihn gefunden zu haben. In giftig persiflirendem Tone, fragte er, gegen das Ende der Mahlzeit, als der Wein die Geister feuriger gestimmt hatte, August ganz laut, über den Tisch herüber, ob er schon Glückwünsche zur Verlobung seiner Schwiegerin mit ihrem Schulmeister annähme? — In heißem Jugendfeuer, in edlem Zorn, fuhr August auf — rasch wurden Worte gewechselt, die, nach der gewöhnlichen Ansicht, nur durch Blut versöhnt werden konnten, und man verabredete es, sich am andern Morgen zu treffen.

Natalie war schon in ihrem Schlafzimmer, als ihre Geschwister nach Hause kamen. — Ihre täglich hinfälliger werdende Gesundheit war an diesem Nachmittag durch das Zusammenseyn mit Buri von Neuem schmerzlich angegriffen. Gespannt und gereizt durch die tagelange Entfernung von ihr, hatte er ihr seinen Mangel an Herrschaft über sich wieder einmal recht rauh verletzend gezeigt. Sie fühlte sich an die Gewalt einer fremden Leidenschaft verkauft, die sie nur durch die Schuld, sie gutgeheißen zu haben, theilte, und beweinte ihr Unrecht und ihr Unglück mit den bittern Thränen vergeblicher Reue. Ach, sie ahndete nicht, welch ein neuer, noch größerer, Schmerz, ihrer beim Erwachen harrte!

Elise hatte den Muth, ihren Gatten gefaßt in einen Zweikampf gehen zu sehen, den sie, mit frommer Zuversicht, als ein Gottesurtheil ansah; aber als er am Morgen ruhig, doch ernst, von ihr Abschied nahm, wurde ihr das Herz zu schwer, und sie eilte zu Natalien, um in ihrem Anblick Trost und Beruhigung zu suchen. August hatte von dieser Abschied genommen, als mache er nur einen Spazierritt; doch fühlte sich Natalie von der Ahndung irgend eines Geheimnisses befangen, als er zum Lebewohl ihre Hand so innig an sein Herz drückte, welches in dem Gefühl, er gehe, die Ehre der von ihm angebeteten Schwester, der Schöpferin seines Glückes, der Schutzgöttin seiner Tugend, zu rächen, freudig und stolz schlug — Auch Elisen fand sie, so sehr sich diese auch bestrebte, ganz unbefangen zu scheinen, bewegt und gespannt. Sie drang in sie — diese leugnete — aber es konnte Natalien nach ihren eignen früheren Erfahrungen nicht schwer werden, den Zusammenhang eines Vorfalls zu errathen, der sie, als die fürchterlichste Strafe für das Unrecht, dessen sie sich in ihrem Verhältniß zu Buri immer mehr bewußt wurde, treffen mußte.