Ihre Angst war gränzenlos. Das Athemhohlen unter Henkershand ist vielleicht noch Wollust gegen das Gefühl, mit dem sie jede Minute dieses ewigen Vormittags einzeln vorüber schleichen fühlte. —
Endlich, endlich, riß Elisens jubelndes Freudengeschrei sie auf aus dieser fürchterlichen, wort- und thränenlosen Verzweiflung. Er war wieder da, und o Gott! — Sein Gegner war bedeutend, doch, wie man hoffte, nicht gefährlich verwundet; August nur leicht an der Hand verletzt.
Was Natalie so tief fühlte, was ihre Angst so namenlos, ihren Dank so heiß, ihr Selbstgefühl zum unerbittlich strengen Richter machte, war, daß in ihrer Geschwister Herzen auch nicht der Schatten eines Verdachtes, nicht die leiseste Spur von Mißtrauen oder Argwohn gegen sie war. —
Dieser Vorfall machte zu viel Aufsehen, als daß Natalie, ohne die auffallendste Verletzung des Anstandes, ihren bisherigen Umgang mit Buri fortsetzen konnte. Elise drang in sie, mit ihr nach G... zu gehen, damit sie sie dort, unter der Aufsicht eines geschickten Arztes, recht pflegen und warten könne. Natalie fühlte, daß sie es, auch ohne alle Rücksicht auf sich selbst, ihren Geschwistern schuldig war, diese Bitte zu erfüllen.
Sie ließ Buri am Abend zu sich kommen, und legte ihm die ganze Lage der Sachen offen vor, damit er entscheide. Ihre Blässe, ihre Thränen, das gekränkte Ehrgefühl, das sie verbergen wollte und dessen Schmerz doch so unverkennbar hervorbrach, ihre Willigkeit, auch noch jetzt zu bleiben, sobald er es fordre, gaben ihm den Muth, in ihre Trennung zu willigen. Auch war die Entfernung nicht so groß, um ihm die Hoffnung zu rauben, sie wenigstens alle Vierteljahre sehen zu können.
Die Minute des Scheidens kam — so bitter hatten Beide sie sich nicht gedacht! so erschüttert, so zerstört, so vernichtet in herzzerreißendem Schmerz, wie Wilhelm es war, hatte Natalie nie einen Menschen gesehen. Sie litt unendlich, und doch lag in seinen Thränen für sie eine so schmerzliche Wollust, daß ihr Herz sie kaum fassen konnte, ohne zu brechen, und durch sie mit aller Qual dieser Liebe versöhnt wurde. —
In dieser Stunde forderte er ihr ihre Einwilligung ab, sterben zu dürfen, wenn sie aufhöre, ihn zu lieben, oder das Eigenthum eines Andern würde. Aufgelöset in Liebe und Wehmuth sank sie in seine Arme und gelobte ihm vor Gott, das Andenken dieser Stunde mit ihrer Liebe und ihrer Treue in ihrem Herzen zu bewahren, bis es nicht mehr schlagen würde, und nie ein Opfer zu groß zu finden, wenn sie es seinem wahren Glücke, seinem Werthe, bringen sollte.
Am andern Morgen verließ sie N****.
Vierter Abschnitt.
Du kennest ihn: ein eisernes Geflechte