Wand die Natur um seine Brust;
Doch für der Freundschaft hohe Rechte,
Für eure süßen, Lieb’ und Lust,
Für jenes Heilge, das die Völker schützt,
Sind seine Thränen auch geflossen. —
Arndt.
Nichts ist schwerer, als sich wieder an eine einfache Existenz zu gewöhnen, wenn man einmal den Zauber gekostet hat, sich lebhaft und leidenschaftlich beschäftigt zu fühlen. Wie sehr wird nicht das Gefühl unsers Daseyns, durch eigne oder fremde Leidenschaft, erhöht und vervielfacht, wenn diese keine Kraft unsrer Seele müßig und ungeübt läßt, sondern uns im reichsten Wechsel, durch die Tonleiter aller Empfindungen führt, die in Schmerz und Freude, in Jubel und Verzweiflung das Menschenherz zu fassen vermag. — Die Flamme die, einmal angefacht, keine Nahrung von außen mehr erhält, ergreift dann unsre eigne Seele, und verzehrt ihre Kraft.
Auch Natalie fand in G. nirgends für den Umgang mit Buri Entschädigung. Armer Wilhelm! seufzte sie oft, dieser kalten, gehaltlosen Alltäglichkeit, dieser aufgeputzten Erbärmlichkeit, muß ich Dich opfern! — Sie kämpfte mit der Bitterkeit gegen die Menschen, die ihr ein solches Opfer abforderten, um sie zu achten, und es ihr doch durch nichts zu vergüten vermochten, und suchte mehr und mehr in ihrer zunehmenden Kränklichkeit den Vorwand, sich von allem Umgang und jeder Gesellschaft zurückzuziehen.
Sie war sehr unglücklich, und jeder Brief von Buri untergrub ihre Ruhe und ihre Gesundheit schmerzlicher. Seine Verzweiflung, sein gänzlicher Mangel an Energie, und die bei einem Manne an Unwürdigkeit gränzende Kraftlosigkeit, ohne sie stehen zu können, die er in diesen Briefen zeigte, zerrissen ihre Seele. Er verlor in ihrer Achtung, was er, durch seinen Schmerz, an innigem, unendlichem Mitleiden, bei ihr gewann. Das Bewußtseyn, sich so geliebt, so gebunden zu wissen, und es doch bei jedem Anlaß neu zu fühlen, daß der Geliebte die Forderungen ihres Gemüthes an den Mann ihres Herzens, nie, und in keinem Augenblick, zu befriedigen vermochte, wurde jetzt, wo seine Gegenwart dies Gefühl nicht mehr beschwichtigte, zur namenlosen Qual.
Es kamen aber auch immer wieder Stunden, wo sie dies Gefühl der Nichtbefriedigung durch ihn, als Unrecht gegen den Mann fühlte, dem sie nun doch in wahrer Neigung, in stiller Treue und Theilnahme, angehörte. Dann wichen alle trüben Bilder in den Hintergrund zurück, und in ihrem Herzen lebte nur die Erinnerung der vielen, schönen, unvergeßlichen Stunden dieser Liebe. Aber diese beklemmende Verworrenheit ihrer Empfindungen, dieser gänzliche Mangel an Rath, Hülfe, Trost und Hoffnung, vereinigten sich mit dem, durch jeden seiner Briefe, neu erwachenden Bewußtseyn, ihn unglücklich gemacht zu haben, — um ihre Gesundheit zu zerstören. Ihre Brust fing an, zu leiden, und ein schleichendes, nächtliches, Fieber zehrte an ihrem Leben. Sie sah nur einen Ausweg vor sich, den Tod, und so weidete sie sich, mit wehmüthiger Ergebung, an der Blässe ihres Gesichts, und an jedem Schmerz, der ihr Leben schneller zu zerstören vermochte. Aber mit erschöpfender Anstrengung suchte sie es allen, die sie umgaben, zu verbergen, wie matt sie war, und wie sie litt.