August und Elise boten alles auf, sie zu zerstreuen, und ihr den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Zu ihrem Bedauern war Willot mit seiner Frau auf mehrere Monate verreiset; Natalie war aber mit ihrer Abwesenheit sehr zufrieden. Sie hatte beide nicht vergessen und eben so wenig war Voluda’s hohes Bild aus ihrer Seele gewichen; wie unwürdig fühlte sie sich aber jetzt, vor den theuren Freunden des edlen Mannes zu erscheinen! —
An einem schönen Sommertage entlockten Elisens süße Bitten Natalien ihre Einwilligung zur Theilnahme an einer Wasserfahrt, die mehrere Familien mit einander verabredet hatten. Die Gesellschaft versammelte sich in Augusts Hause, und Natalie ging mit mehreren Frauen in dem Lindengang vor demselben auf und nieder, als sie beim Umwenden einen Fremden bemerkte, der eben ihrer Elise vorgestellt wurde. Nataliens Blick blieb, wunderbar angezogen, auf dieser Gestalt haften. Der Feuerblick des so muthig und klar stralenden Auges, von dem man hätte schwören mögen, es habe nie eine Thräne geweint, kontrastirte eben so anziehend mit einem Zug weichen, rührenden, Ernstes um Schläfe und Wangen, als der rasche und lebendige Sprachton mit den Zügen erlittnen Wehes und tiefgefühlten Leides um den schönen Mund. Auch er sah jetzt auf, und sein erster Blick auf Natalien wurde zur Sprache des schnellen Erkennens einer uns theuren Person. Rasch trat er auf sie zu, faßte ihre Hand und sagte: Willot sendet Ihnen durch seinen Freund Voluda einen herzlichen Gruß! —
Er war es! —
Das Vertrauen, welches er Natalien mit seinem ersten Blick einflößte, hatte sie früher oder später nur zu Gott gehabt. —
Solche Momente — wahrscheinlich Momente des Wiedererkennens, sind heilig, und müssen heilig genossen werden. Sie sind die schönsten und zartesten Blüthen des geistigen Lebens, und ihre Erinnerung bleibt das reinste Glück des Herzens, das sie fromm genossen hat.
Hofrath Weber, der Voluda in diese Gesellschaft eingeführt hatte, versprach, bald mit ihm nachzukommen, und so schiffte man sich ohne beide ein. Das herrlichste Wetter begünstigte die Fahrt. Die lachenden Ufer zu beiden Seiten des klaren, blauen Flußes, der wolkenlose Himmel, die raschen, so freudig in die Ferne lockenden Töne der voraufsegelnden Musik, vereinigten sich, die Gesellschaft heiter zu stimmen. Scherz und Lachen führte jene milde Trunkenheit des Muthwillens herbei, vor der die Grazien nicht zu fliehen brauchen, und die sich nie erzwingen läßt, so oft sie auch kleine, der Freude geweihte, Zirkel verschönt.
Natalie allein blieb, in ernster Feierlichkeit, tief in sich versenkt, und als man, an dem grünen Platz, dem Ziel der heutigen Fahrt, anlandete, und nun in froher Geschäftigkeit anfing, Sitze zu bereiten und Caffee zu kochen, entwich sie in ein nahgelegenes Gehölz. Von einer Anhöhe entdeckte sie das Meer, in welches sich hier der Fluß ergießt. Wie still, wie friedlich und einladend, lag die blaue Flut vor ihr! —
Hinaus aus dieser Schwüle,
Hinunter in die Kühle! —
murmelte ihr jede Welle zu. — Sie fühlte, wie diese Melodie ihr Bewußtseyn einlullte — tiefer und tiefer beugte sie sich über den Abhang — da hörte sie, von einer Stimme, die sie schon nicht mehr verkennen konnte, ihren Namen rufen. — Er hatte sie bei seiner Ankunft vermißt, und kam nun mit Elisen, sie aufzusuchen. — Wie gerne folgte sie dem Ruf, in dem ihr volles, schweres Herz, die Stimme des Schicksals zu erkennen glaubte. —