VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
ABACA ODER MANILA-HANF.
Eines der interessantesten Erzeugnisse jener Inseln ist der sogenannte Manila-Hanf, von den Franzosen, die aber fast keinen Gebrauch davon machen, wegen des seidenartigen Glanzes Pflanzenseide genannt. Bei den Eingeborenen heisst die Faser Bandála, im Handel gewöhnlich Abacá, wie die Pflanze von der sie gewonnen wird. Letztere ist eine in den Philippinen ursprünglich wild wachsende Banane, auch árbol de cáñamo (Hanfbaum) genannt, Musa textilis Lin. Sie unterscheidet sich im allgemeinen Anblick nicht merklich von der essbaren Banane, M. paradisiaca, einer der allerwichtigsten Kulturpflanzen warmer Erdstriche, die als beliebte Zierpflanze unserer Treibhäuser Jedermann bekannt ist. Ob die an andern Orten des indischen Archipels wild wachsenden Musen (M. troglodytarum, M. sylvestris und andere), häufig auch M. textilis genannt, derselben Art angehören, ist noch nicht festgestellt.
Die Musen sind nur krautartige Pflanzen, der scheinbare Stamm besteht aus Blattstielen von mondsichelförmigem Querschnitt, die einander umschliessend den dünnen zentralen Blüthenschaft umgeben. Diese Blattstiele stecken voll Bastfasern und werden deshalb vielfach statt Bindfadens benutzt, bilden aber keinen Handelsartikel. Als solcher dienen bis jetzt ausschliesslich die in dem südöstlichen Theil der Philippinen gewonnenen Abacáfasern.
Besonders geeignet für den Anbau dieser Pflanze sind die Provinzen Süd-Camarines und Albay, die Inseln Samar und Leyte und die umliegenden Eilande, auch Cebu; ein Theil des »Cebu-Hanfs« kommt aber von Mindanao. Auf Negros gedeiht die Bastbanane nur im Süden, nicht im Norden, und Yloilo, das die meisten Abacá-Gewebe (Guináras) erzeugt, muss den Rohstoff von den östlicheren Distrikten einführen, da er auf der Insel Panay nicht gedeiht (In Capiz wächst wohl etwas Abacá, es ist aber von geringem Werth). Alle Versuche den Abacábau auch in den westlichen und nördlicheren Provinzen heimisch zu machen — es soll an ernstlichen Bemühungen nicht gefehlt haben — sind bisher misslungen; die Pflanzen wurden kaum zwei Fuss hoch, ihr Ertrag deckte die Unkosten nicht. Als Ursache des Fehlschlagens gilt die dort mehrere Monate dauernde trockne Jahreszeit; in den östlichen Provinzen fallen das ganze Jahr reichliche Niederschläge.
Der grosse Nutzen, den der Manilahanf seit einigen Jahren den Produzenten abwirft, ermuthigt aber zu immer neuen Versuchen, und so wird sich wohl bald zeigen, ob der Abacábau wirklich an sein bisheriges enges Gebiet gebunden ist, während die essbaren Arten sich innerhalb der Wendekreise über die ganze Erde verbreitet haben. Auf den vulkanischen Bergen des westlichen Java wächst eine wilde Musa in grosser Ueppigkeit, die Regierung hat sie aber nicht zum Gegenstand nachhaltiger Kulturversuche gemacht, und der Privatunternehmungsgeist ist dort bis jetzt durch das »Kultursystem« gefesselt. In verschiedenen Schriften wird angegeben, dass im Norden von Celébes Abacá gewonnen werde. Bickmore sagt aber ausdrücklich, dass die von den Residenten mit grosser Anstrengung gemachten Versuche wieder aufgegeben wurden, weil der Kaffeebau sich lohnender erwies.[1] Guadalupe soll auf vorhergehende Bestellung Abacá (Fasern von M. textilis?) liefern können.[2] Pondichery und Guadalupe sollen Abacágewebe und Französisch-Guiana Stoffe von Fasern essbarer Bananen ausgestellt haben.[3][4] Alles dies sind aber nur Versuche.
Nach Royle[5] übertrifft die Abacáfaser den russischen Hanf an Festigkeit, Leichtigkeit, Tragkraft und Billigkeit, und steht ihm nur darin nach, dass die daraus gefertigten Taue bei Regenwetter steif werden, was aber an der Art des Verspinnens liegen und durch zweckmässige Behandlung zu vermeiden sein soll.[6] In der That werden diese Uebelstände jetzt z. Th. durch bessere Bereitung des Rohstoffs in Manila vermittelst geeigneter Maschinen beseitigt. Den Vortheil grösserer Billigkeit hat das Abacá gegenwärtig nicht mehr, da die Nachfrage viel schneller zunimmt, als sie befriedigt werden kann. Während es 1859 in London 22 bis 25 £ per Tonne galt, kostete es 1868 45 bis 50 £, russischer Hanf 31 £, es war also in 9 Jahren auf das Doppelte gestiegen.
In Albay werden etwa zwölf Abarten von Bastbananen gebaut, deren Wahl sich nach der Beschaffenheit des Bodens richtet. Die Kultur ist äusserst einfach und von den Jahreszeiten unabhängig. Am besten gerathen die Pflanzungen auf den Abhängen vulkanischer Berge, woran Albay und Camarines so reich sind, auf Waldlichtungen, in denen jedoch schattengebende Bäume in Entfernungen von etwa 60 Fuss stehn bleiben. Auf offenen Flächen gelingen sie weniger, in Sumpfland gar nicht.
Zur Anlage einer neuen Pflanzung werden gewöhnlich junge Triebe benutzt, die in solcher Fülle aus der Wurzel sprossen, dass jedes Individuum bald zu einem Busch wird. Auf gutem Boden lässt man daher Abstände von wenigstens 10 Fuss zwischen den Pflanzen, auf geringerem 6 Fuss. Die ganze Arbeit beschränkt sich auf gelegentliche Vertilgung des Unkrautes und Unterholzes während der ersten Zeit; später wuchern die Pflanzen so üppig, dass sie keine andere neben sich aufkommen lassen, dann sind auch schattengebende Bäume nicht mehr nöthig, da die jungen Triebe unter den wedelartigen Blättern der alten hinreichenden Schutz gegen die Sonnengluth finden. Nur in seltenen Fällen, bei Uebersiedelung in entfernte Gebiete, werden Pflanzen aus Samen gezogen. Zu dem Zwecke schneidet man die Früchte ab und trocknet sie, doch dürfen sie nicht überreif sein, da die Kerne sonst nicht keimen. Letztere haben die Grösse von Pfefferkörnern (bei den essbaren Arten sind sie fast bis zum Verschwinden verkümmert). Zwei Tage vor dem Aussäen werden die Kerne aus der Frucht genommen, über Nacht in Wasser gelegt, am folgenden Tage im Schatten getrocknet, am dritten Tage ausgesäet, in zolltiefe Löcher, auf frisch umgegrabenen hinreichend beschatteten Waldboden, mit 6 Zoll Abstand zwischen den Pflanzen und Reihen. Nach einem Jahre pflanzt man die dann etwa 2′ hohen Sämlinge um und behandelt sie weiter wie Wurzeltriebe. Während viele essbare Bananen schon nach einem Jahre Früchte tragen, einige sogar schon nach 6 Monaten, braucht die Abacá im Durchschnitt 3 Jahre bis zur Bastreife, wenn sie aus Wurzeltrieben; vier Jahre, wenn sie aus ein Jahr alten Sämlingen gezogen wird; unter den günstigsten Verhältnissen 2 Jahre.