Bei der ersten Ernte schneidet man von jedem Busch nur einen Stamm, später nimmt der Nachwuchs so schnell zu, dass alle paar Monate geschnitten werden kann;[7] nach einigen Jahren wird die Pflanzung so dicht, dass es kaum möglich ist, durchzudringen. Am besten ist der Bast zur Zeit, wo die Blüthe ansetzt, doch wird, wenn die Faser hoch im Preise steht, dieser Zeitpunkt nicht immer abgewartet.

Pflanzen, die geblüht haben, werden gar nicht ausgebeutet, angeblich weil ihre Faser zu schwach ist. Eine so zartfühlende Rücksicht für den unbekannten Konsumenten jenseits des Weltmeers trotz dringender Nachfrage und mangelnder Aufsicht wäre befremdend. Auch ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Faser schwächer werden sollte durch den Vorgang der Fruchtbildung, der doch nur zu den Gefässzellen in Beziehung steht, die Umwandlung ihres Inhalts in lösliche Stoffe und ihre allmälige Entleerung zur Folge hat, während die Faserzellen dadurch nicht beeinflusst werden. Diese nehmen im Gegentheil mit dem Alter der Pflanze an Festigkeit zu; haften aber, weil die entleerten Zellen, durch Ablagerung harziger Stoffe an einander kleben, so fest zusammen, dass es nicht möglich sein würde, sie ohne sehr vermehrten Kraftaufwand und unzerrissen zu gewinnen. So mag die irrige Meinung entstanden sein. Durch vorheriges Rösten, wie beim Hanf, liessen sich vielleicht auch die alten Pflanzen verwerthen, jedoch nicht ohne beträchtliche Erhöhung des Arbeitslohns, der schon jetzt den grössten Theil der Darstellungskosten ausmacht.[8]

Um den Bast zu erhalten, wird der Stamm dicht über dem Boden abgeschnitten und von den Blättern und äussern Hüllen befreit; dann löst man die einzelnen Blattstiele in Streifen ab, macht auf der innern, konkaven Seite einen Querschnitt durch die Haut und reisst sie sammt dem daran haftenden fleischigen Theil (dem Parenchym) ab, so dass nur die äussere Haut möglichst rein zurückbleibt. Oder man löst den Bast von dem unzertheilten Stamm. Zu dem Zweck macht der Arbeiter einen schrägen Einschnitt in die Haut am untern Ende des Stammes, fährt mit dem Messer unter den Zipfel, zieht einen möglichst breiten Streifen der ganzen Länge nach ab, und wiederholt dies so lange es lohnt. Dies Verfahren, ausgiebiger, aber zeitraubender als das zuerst beschriebene und daher nur selten angewendet, heisst: jagot, jenes: luni. Die Baststreifen werden dann unter einem drei Zoll hohen, sechs Zoll langen Messer durchgezogen, das mit einem Ende an einem elastischen Stock so befestigt ist, dass die Klinge senkrecht über einem geglätteten Block schwebt, und am andern Ende, dem Griff, mittelst einer an einem Trittbrett angebrachten Schnur fest aufgedrückt werden kann. Der Arbeiter zieht die mehr oder weniger gereinigten Bastreifen zwischen Block und Messer durch, von der Mitte anfangend erst nach der einen, dann nach der andern Seite. Das Messer darf nicht schartig oder gar sägenförmig gezähnt sein, wie Padre Blanco angiebt.[9]

In Lohn arbeitend liefern 3 Mann gewöhnlich 25 Pfd. per Tag. Einer haut den Stamm um, löst die Blätter ab und trägt zu; ein Zweiter, häufig ein Knabe, bereitet die Streifen, der Dritte zieht sie unter dem Messer durch. Es kommt vor, dass einzelne Pflanzen bis 2 Pfund Fasern liefern; der günstigste Durchschnitt beträgt wohl nur selten ein Pfund, auf schlechtem Boden kaum den sechsten Theil. Der Besitzer beutet die Pflanzung entweder selbst aus, oder durch Tagelöhner oder, bei sehr niedrigen Marktpreisen, indem er den Arbeitern die Hälfte des Ertrages überlässt. In diesem Fall soll ein tüchtiger Arbeiter einen Pico in der Woche liefern können. Legt man den bei meiner Anwesenheit ausnahmsweise niedrigen Preis, 16,5 r. für den Pico zu Grunde, so gewinnt der Arbeiter in 6 Tagen den halben Betrag = 8,25 r., täglich 1,375 r. Der Tagelohn war damals 0,5 r. und Beköstigung = 0,25 r., zusammen 0,75 r.

imTagelohn:auf halbenAntheil:
Der Arbeiter verdiente also täglich0,75r.1,375r.
Der Arbeitslohn per Pico betrug12,6r.8,25r.
Der Nutzen des Pflanzers nach Abzug
des Arbeiterlohns3,9r.8,25r.

Die Ränder der Blattstiele, die viel feinere Fasern enthalten als die Mitte, werden in zollbreiten Streifen besonders abgelöst und mit starkem Druck mehrere Male unter dem Messer durchgezogen. Ihr Produkt heisst Lúpis, steht hoch im Preise und wird zu feinen inländischen Geweben benutzt, während die Bandála hauptsächlich zu Tauwerk dient.[10] Das Lupis wird nach der Feinheit der Fasern in vier Klassen sortirt (1o Binani, 2o Totogna, 3o Sogotan, 4o Cadaclan) indem man ein Bündel davon in die linke Hand nimmt, und mit der rechten die drei ersten Sorten in die Zwischenräume der vier Finger einreiht, die vierte zwischen Daum und Zeigefinger behält. Diese letztere ist für sehr feine Gewebe nicht mehr verwendbar, und wird daher häufig mit der Bandála verkauft. Nachdem die feinen Sorten im Reis-Mörser gestampft worden, um die Fasern geschmeidiger zu machen, werden diese einzeln an einander geknüpft und zum Weben verwendet.

Gewöhnlich wird die erste Sorte als Einschlag mit der zweiten als Kette, die dritte als Kette mit der zweiten als Einschlag verarbeitet. Dergleichen Gewebe sind fast so schön, wie Ananas-Stoffe (Nipis de piña), kommen den feinsten Batisten an Feinheit gleich, sind trotz der vielen kleinen vom Verknüpfen der Fasern herrührenden Knötchen, die man bei genauerer Beschauung entdeckt, noch klarer, auch starrer, und haben einen wärmeren gelblichen Ton.[11] In Bezug auf diese letzten drei Eigenschaften, Klarheit, Starrheit und Farbe, verhalten sie sich zum Batist etwa wie Pauspapier zu Seidenpapier.

Die Herstellung solcher Stoffe auf sehr unvollkommenen Webstühlen ist äusserst mühsam, da die nicht gesponnenen, sondern geknoteten Fasern häufig reissen. Die feinsten Zeuge verlangen einen so grossen Aufwand von Geschick, Geduld und Zeit, und steigen dadurch so sehr im Preise, dass sie in Europa der billigen Maschinenarbeit gegenüber keine Käufer finden würden. Selbst ihr schöner warmer Ton wird ihnen von den an stark gebläute Wäsche gewohnten Europäerinnen zum Vorwurf gemacht. Im Lande dagegen werden sie von den reichen Mestizinnen, welche die Arbeit zu würdigen verstehn, sehr hoch bezahlt.

Die Fasern der innern Blattstiele, die weicher, aber nicht so stark sind als die der äussern, heissen Tupus und werden mit der Bandála verkauft, oder zu inländischen Geweben, besonders zu Tapis benutzt. Auch die Bandála dient zu Geweben, und in dem Theil des Archipels, wo die Abacákultur einheimisch, besteht oft der ganze Anzug beider Geschlechter nur aus grober Guinára. Noch gröbere starrere Zeuge werden für den europäischen Markt bereitet, als Krinoline, oder zum Fassonniren für Putzmacherinnen.

Schon vor Ankunft der Spanier trugen die Eingeborenen Stoffe von Abacá. Einen wichtigen Ausfuhrartikel bildet es erst seit einigen Jahrzehnten. Dies ist zum grossen Theil dem Unternehmungsgeist zweier amerikanischen Häuser zu danken und wurde nicht ohne viel Beharrlichkeit und beträchtliche Geldopfer erreicht.