SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DIE CHINESEN.

Es bleibt noch von einem wichtigen Theile der Bevölkerung zu sprechen, den Chinesen, die wohl bald eine bedeutendere Rolle spielen werden, da die vom zunehmenden Verkehr geforderte Entwickelung des Landbaues kaum anders als durch chinesischen Fleiss zu erlangen sein dürfte. Von jeher ist Manila ein Lieblingsziel chinesischer Einwanderung gewesen, weder Feindseligkeit der Bevölkerung, noch Bedrückungen und Verbote seitens der Regierung, ja nicht einmal wiederholte Massenschlächtereien vermochten sie zu verhindern. Die Lage der Inseln S. O. der zwei seetüchtigsten Provinzen China’s musste schon früh den Verkehr zwischen beiden Ländern wachrufen, da Schiffe sowohl im S. W. als N. O. Monsun die Reise in jeder Richtung mit halbem Winde machen können. In einigen älteren Schriftstellern findet sich sogar die Angabe, dass die Philippinen einstmals der chinesischen Herrschaft unterworfen waren[1] und Pater Gaubil (Lettres édifiantes) erwähnt, dass Joung-lo (Ming Dynastie) eine Flotte von 30,000 Mann hielt, die zu verschiedenen Zeiten nach Manila ging. Auch die bei Magellan’s Ankunft selbst im äussersten Osten des Archipels vorhandenen, so wie die in den Grabhöhlen gefundenen Porzellanschüsseln und Thongefässe zeigen, dass der Handel mit China sich schon lange zuvor bis in die fernsten Inseln des Archipels erstreckte. Für die junge spanische Kolonie bildete er die Hauptquelle und, nachdem die Encomiendas aufgehoben (s. folgendes Kapitel), fast die einzige Quelle des Wohlstandes. Es war zu fürchten, dass die Junken ihre Frachten den Holländern bringen würden, wenn man ihnen in Manila Hindernisse in den Weg legte; auch konnte die Kolonie nicht ohne die Sangleyes bestehn,[2] die alljährlich in grosser Zahl in den Junken aus China kamen und sich als Krämer, Handwerker, Gärtner, Fischer über Stadt und Land verbreiteten, denn sie waren die einzigen geschickten und fleissigen Arbeiter; da die Indier unter spanischem Priesterregiment sogar manche Gewerbe verlernten, die sie früher betrieben hatten (Morga).

Trotzdem sind die Spanier von Anfang an bemüht, die Zahl der Chinesen auf das äusserste Maass zu beschränken; denn damals wie heut wurden letztere von den Indiern beneidet und gehasst wegen ihrer grossen Betriebsamkeit, Sparsamkeit, Schlauheit, wodurch sie schnell reich wurden; den Geistlichen waren sie ein Gräuel als verstockte Heiden »deren Umgang die Eingeborenen hinderte, Fortschritte im Christenthum zu machen«; die Regierung aber fürchtete sie wegen ihres festen Zusammenhaltens und als Angehörige des grossen Reiches, dessen bedenkliche Nähe dem kleinen Häuflein Spanier Verderben drohte.[3] Zum Glück für letztere dachte die damals dem Untergange entgegeneilende Mingdynastie nicht an Eroberungen, aber selbst die bei ihrem Sturze frei werdenden bösen Mächte brachten die Kolonie in äusserste Gefahr.

Bei dem Angriff des grossen Seeräubers Limahong 1574 entging sie nur wie durch ein Wunder der Vernichtung; neues Verderben drohte ihr bald darauf: 1603 kamen einige Mandarine nach Manila, unter dem Vorwande sehn zu wollen, ob der Boden bei Cavite wirklich von Gold sei? Man hielt sie für Spione und schloss aus ihrer sonderbaren Mission, dass die Chinesen einen Angriff auf die Kolonie beabsichtigten. Der Erzbischof und die Priester schürten das Misstrauen gegen die zahlreichen in Manila angesiedelten Chinesen; Hass und Verdacht wuchsen auf beiden Seiten, beide Theile fürchteten sich vor einander und rüsteten sich. Die Chinesen griffen zuerst an, unterlagen aber den vereinten Spaniern, Japanern und Indiern; 23,000, nach andern 25,000 Chinesen wurden erschlagen oder in die Wildniss getrieben. Wie diese Metzelei in China aufgenommen worden, geht aus dem Brief des kaiserlichen Kommissars an den Guvernör von Manila hervor. Das merkwürdige Dokument zeigt in so überraschender Weise, wie hohl das grosse Reich damals war, dass ich es am Schlusse des Kapitels in wörtlicher Uebersetzung mittheile.

Nach der Vertilgung der Chinesen fehlte es in Manila wegen der Unbetriebsamkeit der Indier an Nahrungsmitteln und allen andern Lebensbedürfnissen, aber schon 1605 hat die Zahl der Chinesen wieder so zugenommen, dass ein Gesetz[4] sie auf 6000 beschränkt, »denn diese reichen aus für die Bebauung des Bodens«; zugleich wird als Grund ihrer schnellen Zunahme der Eigennutz des General-Kapitäns gerügt, der für die Erlaubniss zum Verbleib von jedem Chinesen 8 Dollar erhebt. 1639 ist die chinesische Bevölkerung auf 30,000 (nach Andern auf 40,000) gestiegen, sie revoltiren und werden bis auf 7000 niedergemacht. »Die sonst so gleichgültigen Eingeborenen zeigten den grössten Eifer beim Todtschlagen der Chinesen, mehr aus Hass gegen dies betriebsame Volk als aus Liebe zu den Spaniern.«[5]

Schnell füllt die chinesische Einwanderung die entstandene Lücke wieder aus. 1662 droht der Kolonie aufs neue grosse Gefahr durch den chinesischen Seeräuber Kog-seng, der über 80 bis 100,000 Mann gebot und Formosa bereits den Holländern entrissen hatte. Er forderte die Philippinen zur Unterwerfung auf; sein plötzlicher Tod rettete die Kolonie und gab zugleich das Zeichen zu einem neuen Wuthausbruch gegen die in Manila angesiedelten Chinesen; eine grosse Zahl wird in ihrem Ghetto niedergemetzelt[6], andre vertrieben, einige stürzen sich vor Schreck in’s Wasser, oder erhängen sich; eine grosse Zahl flüchtet in kleinen Booten nach Formosa[7]. 1709 hat der Neid gegen die Chinesen abermals solche Höhe erreicht, dass sie der Empörung und besonders des Monopolisirens beschuldigt, mit Ausnahme der nothwendigsten Handwerker und solcher, die im Dienste der Regierung stehn, vertrieben werden. Spanische Schriftsteller preisen die Heilsamkeit dieser Maassregel: »denn unter dem Vorwande des Ackerbaues treiben die Chinesen Handel, sie sind schlau und rücksichtslos, werden reich, und schicken ihr Geld nach China; so betrügen sie die Philippinen jährlich um ungeheure Summen.« Sonnerat klagt aber, dass Künste und Gewerbe sich nie von diesem Schlage erholt hätten; zum Glück, fügt er hinzu, kehrten die Chinesen, trotz des Verbotes, durch Bestechung der Guvernöre und Beamten zurück.

Noch heut werden sie des Monopolisirens beschuldigt, besonders von den Kreolen, und in der That haben sie durch Fleiss und kaufmännisches Geschick den Kleinhandel fast ganz an sich gerissen. Der Verkauf der von Europa eingeführten Waaren ist ausschliesslich in ihren Händen, den Aufkauf der Kolonialprodukte in den Provinzen für die Ausfuhr theilen sie etwa zur Hälfte mit Indiern und Mestizen, da bis jetzt nur diesen letzteren gestattet ist, Schiffe zu halten, um die Produkte nach Manila zu führen.

1757 erwirkt der Neid der Spanier einen neuen Befehl aus Madrid zur Vertreibung der Chinesen, 1759 werden die wiederholt ergangenen Verbannungsdekrete ausgeführt. Da aber das Privatinteresse der Beamten mit dem der kreolischen Krämer nicht zusammenfällt, so »strömen die Chinesen bald wieder in unglaublicher Menge herbei« und machen bei der Invasion der Engländer (1762) gemeinschaftliche Sache mit diesen. Deshalb befiehlt Señor Anda[8], »dass alle Chinesen in den philippinischen Inseln aufgehängt werden sollen, welcher Befehl sehr allgemein ausgeführt wird«.[9] Die letzte grössere Chinesen-Schlächterei fand 1819 statt, als die Fremden im Verdacht standen durch Vergiftung der Brunnen die Cholera erzeugt zu haben; auch der grösste Theil der Europäer fiel damals in Manila der Volkswuth zum Opfer, die Spanier wurden meist geschont.