»Als die ersten Zeiten des Glaubens und Waffenruhmes vorüber waren, ergriff elende Selbstsucht die Gemüther, Veruntreuungen wurden zur Regel, die meisten derjenigen, die später nach diesen entlegenen Besitzungen gingen, pflegten aus der Hefe der Nation zu bestehen.[9] — Die spanischen Schriftsteller sind voll von Schilderungen jener traurigen Gesellschaft, die hier nicht wiederholt zu werden brauchen.
Von äussern Feinden, ausgenommen von Seeräubern, ist die Kolonie kaum belästigt worden. In frühester Zeit unternahmen die Holländer einige Angriffe gegen die Bisayas. 1762 (im Kriege über den Bourbonischen Familienpakt) erschien plötzlich eine englische Flotte vor Manila und bemächtigte sich ohne Mühe der überraschten Stadt. Die Chinesen hielten zu den Engländern, unter den Indiern bricht ein grosser Aufstand aus, die Kolonie von einem schwachen Erzbischof interimistisch regiert, schwebt in grosser Gefahr. Einem energischen Patrioten, dem Kanonikus Anda gelingt es aber, die Indier der Provinz gegen die Fremden aufzureizen. Von den Geistlichen eifrig geschürt, wächst der Widerstand so, dass die thatsächlich in der Stadt eingeschlossenen Engländer froh sind, abziehen zu können, als im folgenden Jahre die Nachricht des Friedensschlusses aus Europa eintrifft. Inzwischen hatten die durch die Invasion hervorgerufenen Aufstände sehr an Ausdehnung gewonnen; erst 1765 gelang es durch Aufhetzen der verschiedenen Stämme gegen einander, ihrer Herr zu werden. Die Provinz Ylocos soll dabei 269,270 Personen, die Hälfte ihrer Bevölkerung, verloren haben. (Zuñiga).
Härten und Taktlosigkeiten der Regierung und ihrer Werkzeuge, auch abergläubische Missverständnisse haben unter den Eingeborenen manchen Aufstand hervorgerufen, wohl keinen indessen von ernster Gefahr für die spanische Herrschaft. Die Unruhen blieben immer auf einzelne Gebiete beschränkt, denn die Eingeborenen bilden keine einheitliche Nation, weder das Band Einer Sprache, noch das gemeinsamer Interessen verbindet die verschiedenen Stämme, die staatliche Gemeinschaft reicht bei ihnen kaum über die Grenzen des Dorfes und seiner Filiale.
Ein für die ferne Metropole viel bedenklicheres Element als die gleichgültigen, der augenblicklichen Eingebung folgenden, politisch zerrissenen, ziellosen Indier sind die Mestizen und Kreolen, deren Unzufriedenheit mit ihrer Zahl, ihrem Wohlstande und ihrem Selbstgefühl zunimmt. Schon die 1823 ausgebrochene Militärrevolte, deren Hauptanstifter zwei Kreolen waren, hätte leicht verhängnissvoll für Spanien enden können. Viel gefährlicher nicht nur für die spanische Herrschaft, sondern für die gesammte europäische Bevölkerung scheint der jüngste von Mestizen ausgegangene Aufstand gewesen zu sein: Am 20. Januar 1872 zwischen 8 und 9 Uhr Abends empörten sich in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, die Artillerie, die Marine-Soldaten und die Zeughauswache und machten ihre Offiziere nieder. Ein Lieutenant, der die Kunde nach Manila bringen wollte, fiel einem Haufen von Eingeborenen in die Hände; erst am nächsten Morgen gelangte die Nachricht nach der Hauptstadt. Sofort wurden die verfügbaren Truppen abgesandt, aber erst nach heftigem Kampfe glückte es am folgenden Tage die Zitadelle zu erstürmen. Ein furchtbares Blutbad folgte, alles wurde nieder gemacht, niemand verschont. In Manila wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.
Nicht Ein Europäer war unter den Verschworenen, aber viele Mestizen, darunter eine Anzahl Geistlicher und Advokaten. Wenn die unter dem Eindruck des Schreckens geschriebenen ersten Berichte vielleicht auch manches übertreiben, so stimmen doch amtliche sowohl als Privatbriefe überein, das Komplot als lange geplant, weitverzweigt und wohl angelegt zu schildern. Die gesammte Flotte und ein zahlreiches Truppenkorps befand sich damals auf dem Feldzuge gegen Solo abwesend (s. S. 181), ein Theil der Garnison von Manila sollte sich gleichzeitig mit der von Cavite erheben, und Tausende von Eingeborenen waren bereit sich auf die caras blancas (die weissen Gesichter) zu stürzen und alle zu ermorden. Das Scheitern des Komplots war, wie es scheint, nur einem glücklichen Zufall zu danken, dem Umstände nämlich, dass ein Theil der Verschworenen einige bei Gelegenheit eines Kirchenfestes abgebrannte Raketen für das verabredete Signal hielt und zu früh losbrach.
Zum Schluss sei es gestattet, einige meist schon im Text zerstreut vorkommende Bemerkungen über das Verhältniss der Philippinen zum Auslande zusammenzustellen und kurze Betrachtungen daran zu knüpfen.
Spanien gebührt der Ruhm, die auf niederer Kulturstufe vorgefundene, von kleinen Kriegen zerfleischte, der Willkür preisgegebene Bevölkerung in verhältnissmässig hohem Grade zivilisirt, ihre Lage erheblich verbessert zu haben. Wohl mögen die gegen äussere Feinde geschützten, von milden Gesetzen regierten Bewohner jener herrlichen Inseln im Ganzen genommen während der letzten Jahrhunderte behaglicher gelebt haben als die irgend eines andern tropischen Landes unter einheimischer oder europäischer Herrschaft. Die Ursache lag zum Theil an den mehrfach erörterten eigentümlichen Verhältnissen, welche die Eingeborenen vor rücksichtsloser Ausbeutung schützten. Einen wesentlichen Antheil an dem Erfolge hatten aber auch die Mönche. Aus dem niederen Volke hervorgegangen, an Armuth und Entbehrungen gewöhnt, waren sie auf den nahen Verkehr mit den Eingeborenen angewiesen und daher besonders geeignet ihnen die fremde Religion und Sitte für den praktischen Gebrauch anzupassen. Auch als sie später reiche Pfarren besassen und ihr frommer Eifer in dem Maasse nachliess als ihre Einkünfte zunahmen, hatten sie den wesentlichsten Antheil an der Gestaltung der geschilderten Zustände mit ihren Licht- und Schattenseiten; denn ohne eigene Familie und ohne feinere Bildung blieb ihnen der intime Umgang mit den Landeskindern Bedürfniss, und selbst ihr hochmüthiger Widerstand gegen die weltlichen Behörden kam in der Regel den Eingeborenen zu Statten.
Die alten Zustände sind aber unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart nicht mehr haltbar. Die Kolonie kann nicht länger gegen Aussen abgeschlossen werden. Jede Verkehrserleichterung ist ein Riss in das alte System und führt nothwendig zu weiteren freisinnigen Reformen. Je mehr fremdes Kapital und fremde Ideen eindringen, Wohlstand, Aufklärung und Selbstgefühl zunehmen, um so ungeduldiger werden die vorhandenen Misstände ertragen.