England mag seine Besitzungen unbekümmert dem Auslande öffnen, Fremde den Nationalen gleichstellen; die britischen Kolonien sind durch das Band gegenseitiger Vortheile, Erzeugung von Rohstoffen mit englischem Kapital, Austausch derselben gegen englische Fabrikate an das Mutterland gebunden, Englands Reichthum ist so gross, seine Einrichtungen zum Betriebe des Welthandels so vollkommen, dass die Ausländer in den britischen Besitzungen zumeist Agenten des englischen Handels werden, dessen altgewohnte Geleise selbst ein Aufhören des politischen Verbandes kaum merklich verrücken dürfte. Anders ist es mit Spanien, das die Kolonie wie ein ererbtes Gut besitzt, ohne sie zweckmässig bewirthschaften zu können.
Schonungslos gehandhabte Regierungsmonopole, kränkende Zurücksetzung der Kreolen und reichen Mestizen und das Beispiel der Vereinigten Staaten waren die Hauptveranlassungen des Abfalls der amerikanischen Besitzungen. Dieselben Ursachen drohen auch in den Philippinen. Von den Monopolen ist hinreichend im Text die Rede gewesen. Mestizen und Kreolen werden zwar nicht wie ehemals in Amerika von allen Aemtern ausgeschlossen, fühlen sich aber tief verletzt und geschädigt durch die Schaaren von Stellenjägern, welche die häufigen Madrider Ministerwechsel nach Manila führen. Auch der Einfluss des amerikanischen Elementes ist wenigstens am Horizonte erkennbar und wird mehr in den Vorgrund treten, wenn die Beziehungen beider Länder zunehmen. Gegenwärtig sind diese noch gering, der Handel folgt einstweilen seinen alten Bahnen, die nach England und den atlantischen Häfen der Union führen.
Wer indessen versuchen will sich über die künftigen Geschicke der Philippinen ein Urtheil zu bilden, darf nicht einseitig ihr Verhältniss zu Spanien ins Auge fassen, er wird auch die gewaltigen Veränderungen berücksichtigen müssen, die sich seit einigen Jahrzehnten auf jener Seite unseres Planeten vollziehn. Zum ersten male in der Weltgeschichte beginnen die Riesenreiche zu beiden Seiten des Riesenmeeres in unmittelbaren Verkehr zu treten: Russland, für sich allein grösser als zwei Welttheile zusammengenommen, China das ein Drittel aller Menschen in seinen engen Grenzen einschliesst, Amerika mit Kulturboden genug um fast die dreifache Gesammtbevölkerung der Erde zu ernähren. — Russlands künftige Rolle im stillen Ozean entzieht sich zur Zeit jeder Schätzung. Der Verkehr der beiden andern Mächte wird voraussichtlich um so folgenschwerer sein, als der Ausgleich zwischen unermesslichem Bedürfniss an menschlichen Arbeitskräften einerseits und entsprechend grossem Ueberfluss daran auf der andern Seite ihm zur Aufgabe fallen wird. (s. S. 176).
Die Welt der Alten war der Rand des Mittelmeeres, unserem Welthandel genügten der atlantische und indische Ozean. Erst wenn das stille Meer vom lebhaften Verkehr seiner Gestade wiederhallt, wird von Welthandel und Weltgeschichte im wahren Sinne die Rede sein können. Der Anfang dazu ist gemacht. Vor nicht langer Zeit war der grosse Ozean eine Wasserwüste, den die einzige Nao alljährlich Einmal in beiden Richtungen durchzog. Von 1603 bis 1769 hatte kaum ein Schiff Californien besucht, jenes Wunderland, das vor 25 Jahren, mit Ausnahme weniger Stellen des Küstensaumes, eine unbekannte Einöde war, heut mit blühenden Städten bedeckt, von Eisenbahnen durchschnitten, dessen Hauptstadt unter den Häfen der Union bereits den dritten Rang einnimmt, schon jetzt ein Zentralpunkt des Welthandels, und wahrscheinlich bestimmt bei Erschliessung des grossen Ozeans, eine der Hauptrollen zu übernehmen.
In dem Maasse aber als die Schifffahrt der amerikanischen Westküste den Einfluss des amerikanischen Elementes über die Südsee ausbreitet, wird der bestrickende Zauber, den die grosse Republik auf die spanischen Kolonien übt[10], nicht verfehlen sich auch in den Philippinen geltend zu machen. Die Amerikaner scheinen berufen, die von den Spaniern gelegten Keime zur vollen Entfaltung zu bringen. Als Conquistadoren der Neuzeit, Vertreter des freien Bürgerthums im Gegensatz zum Ritterthum folgen sie mit der Axt und dem Pfluge des Pioniers, wo jene mit Kreuz und Schwert vorangegangen.
Ein beträchtlicher Theil des spanischen Amerika’s gehört bereits den Vereinigten Staaten an und hat seitdem eine Bedeutung erlangt, die weder unter der spanischen Herrschaft noch während der auf sie und aus ihr folgenden Anarchie geahnt werden konnte. Auf die Dauer kann das spanische System nicht neben dem amerikanischen bestehn. Während jenes die Kolonien durch unmittelbare Ausbeutung, zu Gunsten bevorzugter Klassen, die Metropole durch Entziehung der besten Kräfte, bei ohnehin schwacher Bevölkerung erschöpft, zieht Amerika aus allen Ländern die thatkräftigsten Elemente an sich, die auf seinem Boden von jeglicher Fessel befreit, rastlos vorwärtsstrebend, seine Macht und seinen Einfluss immer weiter ausdehnen. Die Philippinen werden der Einwirkung der beiden grossen Nachbarreiche um so weniger entgehn, als weder sie noch ihre Metropole sich im Zustande stabilen Gleichgewichtes befinden.
Für die Eingeborenen scheint es wünschenswerth, dass die oben ausgesprochenen Ansichten nicht schnell zu Thatsachen werden, denn ihre bisherige Erziehung hat sie nicht genügend vorbereitet um den Wettkampf mit jenen rastlos schaffenden, rücksichtslosesten Völkern zu bestehn; sie haben ihre Jugend verträumt.
[1] Am 27. April fiel Magellan, von einem vergifteten Pfeil getroffen, auf der kleinen Insel Mactan, vor dem Hafen von Cebu. Sein Lieutenant Sebastian de Elcano umschiffte das Kap der guten Hoffnung, brachte am 6. September 1522 eines der fünf Schiffe, mit denen Magellan 1519 aus San Lúcar ausgelaufen, und 18 Mann, darunter Pigafetta, nach demselben Hafen zurück und vollendete so die erste Weltreise, in 3 Jahren weniger 14 Tagen. [↑]
[2] Morga f. 5. — Nach späteren Schriftstellern sollen sie schon von Villalobos 1543 also benannt worden sein. [↑]