Die Strasse führt um den Südostrand der Vulkane Máyon und Mazarága, über die Ortschaften Camálig, Guinobátan, Ligáo, Oas, Polángui, die alle in einer geraden Linie SO. NW. an einem Flüsschen, Quínali, liegen, das nach Aufnahme zahlreicher Bäche bald hinter dem letzten Ort schiffbar wird. Es stehn dort einige Hütten, die wie der Fluss selbst, Quínali heissen. Eine ausgenommen, haben alle genannte Ortschaften über 14,000 Seelen, doch liegen sie meist weniger als eine Legua von einander entfernt. Die Conventos sind grosse stattliche Gebäude, die damaligen Curas, grösstentheils ältere Leute, waren im höchsten Grade gastfrei und liebenswürdig. Bei jedem musste eingekehrt werden, worauf der Señor Padre anspannen liess und seinen Gast zum nächsten Amtsbruder fuhr. In Polángui wollte ich ein Boot miethen, um nach dem See von Batu zu fahren; es war aber keines vorhanden, nur zwei grosse aus einem Baumstamm gezimmerte Barotos von 80 Fuss Länge lagen da, mit Reis aus Camarínes beladen. Damit ich nicht aufgehalten werde, kaufte der Padre den Inhalt des einen Bootes unter der Bedingung des sofortigen Ausladens, so dass ich Nachmittags meine Reise fortsetzen konnte.
Steht der Reisende mit dem Cura gut, so kommt er nicht leicht in Verlegenheit. Ich wollte einmal mit einem Pfarrer eine kleine Reise gleich nach Tisch antreten, um 11¼ Uhr waren alle Vorbereitungen fertig. Ich äusserte, dass es schade sei, die ¾ Stunden bis zur Malzeit zu warten. Gleich darauf schlug es 12; alle Arbeit im Dorfe hörte auf; wir sowohl als unsere Träger setzten uns zu Tisch; es war Mittag. Dem Glockenschläger war die Botschaft zugegangen: »Der Señor Padre liesse ihm sagen, er schliefe gewiss wieder, es müsse längst 12 Uhr sein, denn der Señor Padre habe Hunger.« — »Il est l’heure, que Votre Majesté désire.«
Dorfglocke in Camarines.
Ein ausgehöhlter Baumstamm, mit einem horizontal schwebendem Holzklotz als Klöppel.
Die grosse Mehrzahl der Geistlichen in den östlichen Provinzen von Luzon und Samar besteht aus Franziskaner-Mönchen (Religiosos menores descalzos de la regular y mas estrecha observancia de nuestro Santo Padre San Francisco en las Islas Filipinas de la Santa y Apostolica Provincia de San Gregorio magno), die in besonderen Seminarien in Spanien für die Mission in den Kolonien erzogen werden. Früher stand ihnen frei, nach zehnjährigem Aufenthalt in den Philippinen in ihr Vaterland zurückzukehren; seitdem aber in Spanien die Mönchsklöster aufgehoben, ist ihnen dies nicht mehr gestattet, da sie gezwungen sein würden, dort der Ordensregel zu entsagen und als Rentner zu leben. Sie wissen, dass sie jetzt ihre Tage in der Kolonie beschliessen müssen und richten sich danach ein. Bei ihrer Ankunft werden sie gewöhnlich zu einem Priester in die Provinz gesandt, damit sie die Landessprache erlernen, erhalten dann zunächst eine kleine, später eine einträgliche Pfarre, in der sie meist bis an ihr Lebensende verbleiben. Der grösste Theil dieser Männer ist aus den untersten Volksschichten hervorgegangen. Zahlreiche, in Spanien vorhandene fromme Stiftungen machen es dem Armen, der für seinen Sohn nicht die Schule zahlen kann, möglich, ihn in das Seminar zu schicken, in welchem er ausser dem besonderen Dienst, zu dem er abgerichtet wird, nichts lernt. Wären die Mönche von feinerer Bildung, wie ein Theil der englischen Missionäre, so würden sie wohl ebenso wenig Neigung haben sich unter das Volk zu mischen und ebenso wenig Einfluss auf dasselbe erlangen wie diese in der Regel. Die früheren Lebensgewohnheiten der spanischen Mönche, ihr enger Gesichtskreis befähigen sie ganz besonders dazu, mit den Eingeborenen zu leben. Gerade dadurch haben sie ihre Macht über dieselben so fest begründet.
Wenn dergleichen junge Leute eben frisch aus ihrer Pflanzschule kommen, sind sie unglaublich beschränkt, unwissend, zuweilen auch ungezogen, voll Dünkel, Ketzerhass und Bekehrungseifer. Allmälig schleift sich diese rauhe Aussenseite ab; die geachtete Stellung, die reichlichen Einkünfte, die sie geniessen, machen sie wohlwollend. Der gesunde Menschenverstand und das Selbstvertrauen, die den niedern spanischen Volksklassen eigen sind und sich bei Sancho Panza als Guvernör so ergötzlich offenbaren, haben in dem einflussreichen, verantwortlichen Posten, den der Cura einnimmt, volle Gelegenheit, sich geltend zu machen. Sehr häufig ist der Cura der einzige Weisse im Ort und meilenweit wohnt kein andrer Europäer. Er ist dann nicht nur Seelsorger, sondern auch Vertreter der Regierung, das Orakel der Indier, dessen Ausspruch namentlich in Allem, was sich auf Europa und Zivilisation bezieht, ohne Appell ist; — in allen wichtigen Angelegenheiten wird er um Rath gefragt und hat Niemand, bei dem er sich Rath holen kann. Unter solchen Verhältnissen kommen alle seine geistigen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung. Derselbe Mensch, der in Spanien hinter dem Pflug hergegangen wäre, führt hier grosse Unternehmungen aus; ohne technische Bildung, ohne wissenschaftliche Hülfsmittel baut er Kirchen, Strassen, Brücken. So vorteilhaft aber auch diese Verhältnisse für die Entwicklung der Fähigkeiten des Geistlichen sind, so wäre es doch für die Bauten selbst besser, wenn sie von Fachmännern ausgeführt würden; denn die Brücken stürzen gern ein, die Kirchen sehn oft wie Schafställe aus, die anspruchsvolleren haben zuweilen gar tolle Fassaden, und die Strassen verfallen bald wieder; aber Jeder macht es eben so gut, wie er kann. Fast Allen liegt das Wohl ihrer Ortschaft am Herzen, wenn auch der Eifer und die eingeschlagenen Wege, auf denen sie dieses Ziel verfolgen, nach den Persönlichkeiten sehr verschieden sind. Ich habe in Camarines und Albáy viel Umgang mit den Curas gehabt und sie ausnahmlos liebgewonnen. Sie sind in der Regel ohne allen Dünkel und in den abgelegenen Orten so glücklich, wenn sie einmal Besuch erhalten, dass sie Alles aufbieten, um ihrem Gast den Aufenthalt so angenehm als irgend möglich zu machen. Das Leben in einem grossen Convento hat viel Aehnlichkeit mit dem bei einem Gutsbesitzer im östlichen Europa. Nichts kann zwangsloser sein. Man lebt so unabhängig wie im Gasthaus, und manche Gäste betragen sich auch so, als wären sie in einem solchen. Ich habe einen Subalternbeamten ankommen sehn, der ohne Weiteres den Mayordomo vor sich beschied, sich ein Zimmer anweisen liess, sein Essen bestellte und nur beiläufig fragte, ob der Pfarrer, mit dem er doch nur ganz oberflächlich bekannt war, zu Hause sei.
Häufig wird den Priestern in den Philippinen ihre grosse Liederlichkeit vorgeworfen; das Convento stecke voll hübscher Mädchen, unter denen der Cura wie ein Sultan lebe. Auf die eingeborenen Priester mag dies oft passen; bei den zahlreichen spanischen Pfarrern, deren Gast ich war, habe ich nicht ein einziges Mal etwas Anstössiges in dieser Beziehung zu sehn bekommen, die Dienerschaft bestand nur aus Männern und vielleicht einem oder zwei alten Weibern. Ribadeneyra behauptet[1]: »Die Indier, welche sehn, wie die Barfüsslermönche ihre Keuschheit bewahren, sind in ihren Gedanken dahin gekommen, sie nicht für Menschen zu halten. . . . und obgleich der Teufel sich bemüht hat, viele, bereits verstorbene, keusche Geistliche zu verführen und auch solche, die noch leben, indem er sich der Frechheit einiger Indierinnen als Werkzeug bediente, so sind sie dennoch zur grossen Beschämung der Indierinnen und Satans siegreich geblieben.« Dieser Autor ist aber sehr unzuverlässig, sagt er doch (Kap. III. S. 13), die Insel Cebu hiesse mit anderem Namen Luzon! Jedenfalls passt seine Schilderung nicht auf die heutigen Zustände. Der junge Geistliche lebt in seiner Pfarre wie ein Gutsherr früherer Zeit; die Mädchen rechnen es sich für eine Ehre an, mit ihm umzugehn, die Gelegenheit ist für ihn viel bequemer, da er durch keine eifersüchtige Frau bewacht wird und als Beichtiger und geistlicher Rathgeber beliebig mit den Frauen allein zu sein Gelegenheit hat.[2] Die Beichte muss namentlich eine gefährliche Klippe für ihn sein. Im Anhange zur tagalischen Grammatik, der in den für das Publikum käuflichen Exemplaren fehlt, ist zur Bequemlichkeit des jungen Pfarrers, welcher der Sprache noch nicht mächtig ist, eine Reihe von Fragen enthalten, die er der Beichtenden vorlegen soll; mehrere Seiten derselben beziehn sich auf den geschlechtlichen Umgang.
Da die Alkalden nur drei Jahre in einer Provinz bleiben dürfen, die Landessprache niemals verstehn, durch ihre amtlichen Geschäfte sehr in Anspruch genommen sind und keine Zeit, gewöhnlich auch keine Lust haben, die Eigenthümlichkeiten der Provinz, die sie verwalten, kennen zu lernen, während der Cura in der Mitte seiner Pfarrkinder lebt, sie genau kennt und auch ihnen gegenüber die Regierung vertritt, so kommt es, dass er die wirkliche Behörde in seinem Distrikt ist. Die Stellung der Geistlichen, den Regierungsbeamten gegenüber, spricht sich auch in den Wohnungen aus. Die »Casas reales« meist klein, schmucklos, oft baufällig entsprechen nicht dem Range des ersten Beamten der Provinz; das Convento dagegen ist gewöhnlich ein sehr geräumiges, stattliches, wohleingerichtetes Gebäude. Früher, als die Guvernör-Stellen an Abenteurer verkauft wurden, die nur darauf bedacht waren sich zu bereichern, war der Einfluss der Geistlichen noch viel grösser als gegenwärtig.[3] Folgende Verordnungen deuten ihre ehemalige Stellung besser an, als lange Beschreibungen:
»Obgleich einige frevelhafte Eingriffe (atentados) gerechten Grund zum Kapitel X. der Ordonnanzen gegeben haben, worin der Guvernör D. P. de Arandia befiehlt, dass die Alkalden und Justizbeamten nicht anders als schriftlich mit den Missions-Geistlichen verkehren, und sie nicht anders als in Begleitung besuchen sollen, so wird dennoch verordnet, dass dies nicht also geschehn soll . . . in der Voraussetzung, dass die Kirchenprälaten ihren ganzen Eifer aufwenden werden, um ihre Untergebenen innerhalb der Grenzen der Mässigung zu halten.« . . »Die Alkalden sollen dafür sorgen, dass die Pfarrer und Diener der Religion besagte Gobernadorcillos und Justizbeamte mit der nämlichen Achtung behandeln, ohne zu gestatten, dass sie dieselben prügeln, züchtigen oder misshandeln . . . noch sich bei Tische von ihnen bedienen lassen.«[4]