Als ich denselben See im Februar wieder besuchte, fand ich sein Wasser so bedeutend gefallen, dass ringsum ein breiter Saum trocken lag, der an manchen Stellen über 100′ maass. Das Algengewirr war bei dem allmäligen Zurücktreten des Wassers zu einem dichten, zolldicken, von der Sonne völlig gebleichten Filzteppich zusammengesunken, der sich als ein einziges grosses Tuch rings um den Rand des Sees ausspannte und über die Sträucher fort hing, die bei meinem ersten Besuch unter Wasser standen. Nie habe ich etwas ähnliches gesehn oder erwähnt gefunden. Der Stoff, der in Streifen von beliebiger Länge umsonst zu haben war, erwies sich so vortrefflich zu Flintenpfropfen, zum Ausstopfen von Vogelbälgen und zum Verpacken, dass ich eine grosse Menge davon mitnahm. Diesmal war auch die Vogeljagd ergiebig.

Der eingeborene Priester von Bátu klagt sehr über seine Pfarrkinder, die ihm nichts zu verdienen geben: »Keine Messen Herr; ja dies ist ein so elendes Nest, dass kaum Todesfälle vorkommen. In D. wo ich Coadjutor war, hatten wir täglich unsere zwei Beerdigungen zu drei Dollar das Stück, und Messen zu einem Dollar, mehr als wir lesen konnten; — ausserdem Taufen und Trauungen, die doch auch etwas einbringen; hier aber ist nichts, gar nichts zu verdienen.« Er hatte sich daher mit Eifer auf den Handel gelegt. Die eingeborenen Geistlichen machen ihrem Stande in der Regel wenig Ehre. Unglaublich unwissend, sehr liederlich, nur in den Aeusserlichkeiten ihres Dienstes unterrichtet, bringen sie einen grossen Theil ihrer Zeit mit Spielen, Trinken und andern sündhaften Dingen zu. Sie bemühen sich nicht einmal den äussern Anstand zu wahren, ausgenommen bei der Messe, die sie mit drolliger Würde lesen, ohne ein Wort davon zu verstehn. Häufig sind Mädchen und kleine Kinder im Convento, Alles isst mit den Fingern gemeinschaftlich aus einer Schüssel. Der hiesige Priester stellte mir unaufgefordert zwei hübsche Mädchen als seine beiden armen Schwestern vor, die er trotz seiner grossen Dürftigkeit unterhielte; ihre Töchter wurden aber von den Dienern ohne Scheu Töchter des Cura genannt.

Der Grundsatz der spanischen Kolonialpolitik, eine Kaste durch die andere in Schranken zu halten, damit keine zu mächtig werde, scheint die Ursache, warum ein grosser Theil der Pfarrstellen mit Eingeborenen besetzt wird (angeblich die Hälfte, nach einer gesetzlichen Bestimmung die ich vergeblich gesucht habe). Die Klugheit dieser Maassregel mag wohl zweifelhaft erscheinen. Der spanische Cura hat grossen Einfluss in seiner Gemeinde und bildet vielleicht das einzige feste Band zwischen der Kolonie und dem Mutterlande; in beiden Punkten gewährt der einheimische Priester keinen Ersatz; er geniesst gewöhnlich selbst bei seinen Landsleuten nur wenig Achtung; Anhänglichkeit an Spanien hat er nicht, namentlich hasst und beneidet er seine spanischen Amtsbrüder, die ihm die schlechtesten Stellen übrig lassen und ihn verachten.

Von Bátu reitet man auf guter Strasse N. b. O. in einer halben Stunde im Schritt nach Nábua. Das Land ist flach, zu beiden Seiten Reisfelder; während aber in Bátu der Reis damals gepflanzt wurde, war er in Nábua fast reif. Ich habe über diesen auffallenden Umstand keine genügende Auskunft erhalten können und weiss den dadurch angedeuteten schroffen klimatischen Unterschied zwischen zwei so nahe gelegenen, durch keine hohe Bergwand getrennten Orten nicht zu erklären. Die Menschen sind hässlich und schmutzig und unterscheiden sich darin merklich von den Tagalen. Nábua (10,875 E.) wird von mehreren kleinen Flüssen durchschnitten, die aus den Bergen in Osten kommend hier einen kleinen See bilden, dessen Ausfluss bei Báo durch Aufnahme von Bächen abermals zu einem See anschwillt und sich dann in den Bícol ergiesst. Dicht vor der zweiten Brücke in Nábua wendet sich die Strasse ostwärts und führt in gerader Linie nach Yriga, im Südwesten des gleichnamigen Vulkanes belegen.

Auf dem Abhange des letzteren besuchte ich eine kleine Niederlassung heidnischer Eingeborenen. Von den Bewohnern der Ebene werden sie abwechselnd Ygorroten, Cimarronen, Remontados, Infieles oder Montesinos (Waldbewohner) genannt, keiner dieser Namen, mit Ausnahme der beiden letzten passt aber recht auf sie; der erste kommt eigentlich Stämmen im Norden der Insel zu, die für Mischlinge von Chinesen und Indiern gelten.[3] Cimarron, französisch Marron, den amerikanischen Sklavenkolonien entlehnt, bezeichnet dort einen entsprungenen in Freiheit lebenden Negersklaven, hier einen Eingeborenen, welcher die Bequemlichkeiten des Dorfes sammt seinen Steuern und Frohnden gegen die Entbehrungen und die Unabhängigkeit des Lebens in der Wildniss vertauscht hat. Die Bezeichnung Remontado (remonté) erklärt sich selbst und ist gleichbedeutend mit Cimarron. Da der Gegensatz zwischen jenen beiden Zuständen wegen der Milde des Klimas und der Bedürfnisslosigkeit der Eingeborenen nicht entfernt so gross ist, als er bei uns sein würde, so kommen solche Rücktritte öfter vor, als man glauben sollte, gewöhnlich in Folge eines Vergehens oder einer unbequemen Schuld, zuweilen aus blossem Widerwillen gegen Kopfsteuer und Frohndienste. Der Indier hat eine ausgesprochene Neigung, sich aus den Puéblos in die Einsamkeit zurückzuziehn, auf seinem Felde zu wohnen; und nur dem vereinten Eifer der für die Kopfsteuer haftbaren Dorfältesten und der Geistlichen, die, abgesehn von andern Interessen, auch ihre nach der Kopfzahl berechneten Stipendien zu berücksichtigen haben, gelingt es zu verhindern, dass sich die Puéblos in Visitas, diese in Ranchos auflösen. Nachdem der Verkehr in andern Ranchos desselben Berges meine ersten Eindrücke bekräftigt, möchte ich die unabhängigen Bewohner des Yriga für Mischlinge von Indiern und Negrítos halten. Die Hautfarbe ist dunkelbraun, nicht schwarz, wohl nicht dunkler als bei Indianern, die sich der Sonne sehr aussetzen. Einige, aber durchaus nicht Alle, haben krauses Haar. Während sowohl die in grösseren Truppen zusammenlebenden Negrítos wie die von mir vereinzelt bei Angat und Marivéles angetroffenen keinen Ackerbau treiben, fast ohne Obdach im Freien hausen, sich von spontanen Naturerzeugnissen nähren[4], wohnen die Halbwilden des Yriga in bequemen Hütten und bauen verschiedene Knollengewächse und etwas Zuckerrohr. Reine Negrítos kommen, so weit meine Erkundigungen reichen, in Camarines nicht vor. Ein zum grossen Theil dicht bevölkertes Gebiet, aus dem sich die höheren Berge nur in einzelnen Kuppen erheben, dürfte wohl kaum für ein herumschweifendes Jägerleben ohne Feldbau die erforderlichen Bedingungen darbieten.

Rancho auf dem Abhange des Yriga.

Die wenigen Ranchos des Yriga sind sehr zugänglich, sie stehn im freundschaftlichsten Verkehr mit den Indiern; andern Falls wären ihre Bewohner wohl längst ausgerottet. Trotz dieser nachbarlichen Beziehungen hatten sie doch noch viel von ihrem ursprünglichen Wesen bewahrt. Die Männer waren nackt bis auf ein Schamband, die Weiber gleichfalls oder trugen einen Schurz, von der Hüfte bis zum Knie reichend.[5] In dem grössten Rancho waren die Frauen sehr dezent, nach Art der Indianerinnen bekleidet. Ihr Hausrath bestand aus Bambusgeräth, Kokosschalen, einem irdenen Kochtopf, Bogen und Pfeilen. Bei letzteren, die sehr sorgfältig gearbeitet, war der Schaft aus Rohr, die Spitze aus einem scharfen Bambusschnitt oder aus Palmenholz, dreispitzig oder einspitzig; im letzteren Fall war um die Spitze oft eine spirale Rinne eingeschnitten; zur Schweinejagd werden vergiftete Pfeile mit eiserner Spitze benutzt. Obgleich die Ygorroten nicht Christen sind, hatten sie ihre Hütten mit Kreuzen verziert, die ihnen als Talismane dienen. Wenn sie nichts nützten, meinte eine Alte, würden die Castilas sie nicht überall anbringen.[6] Die grösste der von mir besuchten Rancherien stand unter einem Kapitän, der aber nur wenig Macht hatte. Auf meinen Wunsch rief er einige nackte Bursche herbei, die müssig auf Baumstämmen hockten. Sie gehorchten ihm erst nach langen Erörterungen. Kleine Geschenke, messingene Ohrringe und Kämme für die Frauen, Zigarren für die Männer gewannen leicht ihre Gunst.

Nach einem vergeblichen Versuch den Yriga von hier aus bis zum Gipfel zu besteigen, ging ich um seinen Südwestrand nach Buhi im Südwinkel des Buhi-See’s. Zehn Minuten nach der Abreise von Yriga kommt man an eine Stelle, wo der Boden unter dem Hufschlag hohl klingt. Unzählige kleine, im Mittel 50 Fuss hohe Hügel erheben sich aus der Ebene. Im Norden erblickt man den grossen Krater des Yriga, dessen dem See zugewendete Ostseite eingestürzt ist. Von Yriga her erscheint der Vulkan als ein geschlossener Kegel. Der See hat etwa 1½ Meilen Umfang. Die Hügel bestehn an dieser Stelle aus Basalt, bei Buhi aus grobgeschichteten Rapilli, die Schichten fallen gegen den Yriga ein, der NW. davon liegt. Von einem der höchsten der Basalthügel betrachtet, sieht es aus als wären diese kleinen Anhöhen Ueberreste eines grossen ehemaligen Kraters, der, vielleicht durch Erdbeben zertrümmert, später durch Erosion in diese zahlreichen kleinen Kuppen umgestaltet wurde.

In Buhi liess der freundliche Pfarrer durch Trommelschlag verkünden, dass der eben angekommene Fremde allerlei Thiere zu haben wünsche, Thiere der Erde, der Luft und des Wassers, Thiere der Berge, der Wälder und Felder, und alles baar bezahlen würde. Es wurden aber von den zahlreich herbeiströmenden Neugierigen nur Thiere der Häuser und der Leiber, Schaben, Tausendfüsse und andres Ungeziefer gebracht, die, nachdem sie zu Einlasskarten gedient, als seltene Waare verwerthet werden sollten.