Auch von Tambong aus, einer kleinen zu Buhi gehörigen Visita am Seeufer, glückte es mir diesmal nicht die höchste Spitze zu erreichen. Wir gelangten Abends auf den südlichen Zacken des Kraterrandes (1041 Meter nach meiner Bar. Beob.), wo uns eine tiefe Schlucht am weiteren Vordringen hinderte. Die Ygorroten verliessen mich, die Indier weigerten sich zu bivuakiren um am folgenden Tage die Reise fortzusetzen; ich musste umkehren. Spät Abends kamen wir durch eine Kokospflanzung am Fuss des Berges und fanden Obdach gegen ein Gewitter bei einer freundlichen Alten, der meine Diener so viel vorlogen, dass wir trotz unseres Misserfolges, als der Regen nachgelassen, mit Fackeln nach Tambong geleitet wurden und den Palmenhain um den kleinen Weiler mit hellstrahlenden Freudenfeuern von trocknen Kokosblättern zauberhaft schön erleuchtet fanden, zu Ehren der »Conquistadores del Yriga«. Ich musste die Nacht in Tambong bleiben, weil die Leute zu zaghaft oder zu faul waren über den bewegten See zu fahren.

Hier sah ich Ananasfasern für Gewebe bereiten. Den zu diesem Zweck bestimmten Pflanzen wird gewöhnlich der Fruchttrieb ausgebrochen, wodurch die Blätter an Länge und Breite beträchtlich zunehmen. Eine Frau legt ein Brett auf den Boden, darauf ein Ananasblatt, die hohle Seite nach Oben gekehrt; sie hockt an einem Ende des Brettes, hält das Blatt mit den Zehen fest, und schabt mit einem Tellerscherben, nicht mit der scharfen Bruchkante, sondern mit dem stumpfen Rande des Umfangs die oberste Schicht des Blattes ab, die sich in Fetzen löst; dadurch wird eine Lage grober Längsfasern entblöst, die Arbeiterin fährt mit dem Nagel des Daumens darunter, hebt sie auf, zieht sie in einem zusammenhängenden Streifen ab und schabt abermals bis eine zweite feine Faserschicht blosgelegt ist; dann dreht sie das Blatt um, schabt etwa eine Handbreit vom untern Ende der jetzt oben liegenden Rückseite des Blattes bis zur Faserschicht ab, fasst diese mit der Hand und zieht sie der ganzen Länge nach auf einmal vom Blattrücken ab. Nachdem die Fasern gewaschen, um sie von dem noch daran haftenden Parenchym zu reinigen, trocknet man sie an der Sonne. Später werden sie mit einem gewöhnlichen Kamm wie Frauenhaar gekämmt, nach ihrer Feinheit in vier Klassen sortirt, an einander geknüpft und ebenso behandelt wie Lupifasern.[12] Auf diese rohe Weise gewinnt man die Fäden für die berühmten Gewebe, Nipis de Piña, die von Kennern für die feinsten der Welt gehalten werden. Zwei Hemden aus diesem Stoff sind im Berliner ethnographischen Museum (unter 291 und 292), feinere Gewebe im Gewerbe-Museum ausgestellt. In den Philippinen, wo man die Feinheit der Arbeit am besten zu würdigen versteht, sind reich gestickte Piñakleider mit mehr als 2000 Thaler das Stück bezahlt worden.[13]

In Buhi, das nicht hinreichend gegen den NO. gedeckt ist, regnete es fast so viel wie in Darága. Ich hatte mit den Ygorroten ausgemacht, dass sie einen Pfad durch das hohe Rohr bis zum Gipfel durchschlagen sollten, es unterblieb aber wegen des anhaltenden Regens, und ich entschloss mich über den Malinao zu steigen, längs der Küste in mein Standquartier zurückzukehren und neu ausgerüstet den Bicolfluss bis Naga hinabzufahren.

Bevor wir uns trennten bereiteten die Ygorroten noch Pfeilgift für mich, aus zwei Baumrinden, von denen sich Proben unter B. 103 und B. 104 in der botanischen Sammlung der Berl. Universität befinden. Ich bekam nur die Rinden zu sehn, weder Blätter noch Blüthen. Die Bastschicht der Rinde B. 103 wurde zerklopft, ausgedrückt, angefeuchtet und noch einmal ausgedrückt. Dies geschah mit der blossen Hand, die aber nicht verletzt sein darf. Der Saft sieht wie dünne Erbsensuppe aus, er wird in einem Topfscherben über schwachem Feuer eingedampft, wobei er an den Rändern gerinnt. Das Coagulum löst sich durch Umrühren wieder in der kochenden Flüssigkeit. Ist diese zu Syrupsdicke eingedampft, so wird von der innern Oberfläche der Bastschicht B. 104 eine geringe Menge, etwa ​1⁄10​ so viel als B. 103, abgeschabt und über dem Topf ausgedrückt; dieser Saft ist dunkelbraun. Wenn das Gemenge die Konsistenz einer zähen Salbe hat, so wird es mit einem Span aus dem Scherben herausgekratzt und in einem mit Asche bestreuten Blatt aufbewahrt. Zum Vergiften eines Pfeils verwendet man ein Stück von der Grösse einer Haselnuss, das durch Erwärmen gleichmässig über die breite eiserne Spitze vertheilt wird. Ein vergifteter Pfeil dient viele Male.

Ende November verliess ich den schönen Buhi-See und fuhr, von seinem östlichsten Winkel aus, eine kurze Strecke den kleinen Sapafluss hinauf[14], dessen Anschwemmungen einen beträchtlichen Vorsprung im Umriss des Sees bilden. Ueber eine feuchte Wiese gelangt man an den Abhang des Malinao oder Buhi, der schlüpfrige Thon des untern Abhanges geht weiter oben in vulkanischen Sand über. In dem sehr feuchten Wald wimmelte es von kleinen Blutegeln; ich hatte sie nie zuvor in solcher Menge angetroffen. Die Thierchen, ausgestreckt nicht dicker als Zwirnsfäden, sind ausserordentlich behende, setzen sich an alle Stellen des Körpers fest, dringen selbst in die Nase, in die Ohren, in die Augenlider und saugen sich, wenn man sie nicht bemerkt, so voll, dass sie kugelrund werden und wie kleine Kirschen aussehn. Während sie saugen empfindet man keinen Schmerz, aber später jucken die angegriffenen Stellen oft noch tagelang.[15] An einer Stelle bestand der Wald überwiegend aus Feigenbäumen mit sechs Fuss langen, an dem Stamm und den dickeren Aesten hängenden Fruchttrauben. Die Früchte von Kirschengrösse sassen vereinzelt an den sparrigen holzigen Stielen. Zwischen den Bäumen wucherten kletternde Farne, Aroideen, Orchideen. Nach fast sechs Stunden erreichten wir um 12½ Uhr die Passhöhe (841 Meter) und stiegen am östlichen Abhang hinab. Der Wald ist auf der Ostseite des Berges noch prächtiger als auf der westlichen. Von einer Lichtung hatten wir eine Aussicht auf das Meer, die Insel Catanduanes und die Ebene von Tabaco. Mit Sonnenuntergang langten wir in Tibi an, wo ich mich in dem saubern, von starken Bambusen eingefassten Gefängniss einquartierte, dem wohnlichsten Raum eines langen Schuppens, der die Stelle des vor zwei Jahren durch Sturm zerstörten Tribunals vertrat. Von Tibi hatte ich Gelegenheit den Malinao (auch Buhi und Takít genannt,) zu zeichnen: der von dieser Seite als ein grosser Vulkan mit deutlichem Krater erscheint, vom Buhi-See aus ist er als ein solcher nicht mit voller Sicherheit zu erkennen.

Die Spitze a liegt von Tibi gesehn S. 49°7; b 54°8; d 64°2; e 67° W.; die Einsenkung c S. 59°5 W.

Nicht weit von Tibi, genau NO. vom Malinao, liegt eine schwache Solfatara, Igabó genannt: in der Mitte einer rings von Bäumen umgebenen Rasenfläche ist eine kahle Stelle von ovaler Form, nahe hundert Schritt lang, 70 breit. Der ganze Raum ist mit kopfgrossen und grösseren, durch Zersetzung abgerundeten Steinen bedeckt, beim Zerschlagen lösen sich von der Oberfläche dünne konzentrische Schalen, der Kern ist grau und besteht aus Trachyt. An einigen Stellen sprudelt aus dem Boden heisses Wasser, das sich zu einem kleinen Bach sammelt, einige Weiber waren beschäftigt ihre Mahlzeit zu kochen, indem sie mittelst eines Netzes Caladiumschnitte in das dem Siedepunkt nahe Wasser hingen. An der untern Fläche einiger Steine war ein wenig Schwefel sublimirt, von Alaun kaum Spuren wahrnehmbar; in einer Vertiefung hatte sich Kaolin angesammelt; es wird gelegentlich zum Anstrich benutzt.

Kieselsprudel bei Tibi.