Am nächsten Nachmittag ritt ich von Naga ab. Die Pueblos Mogaráo, Canáman, Quipáyo und Calabánga folgen in diesem fruchtbaren Gebiet so dicht auf einander, dass sie eine fast ununterbrochene Reihe von Häusern mit Gärten bilden. Calabánga liegt ½ Legua vom Meer, zwischen zwei Flussmündungen, deren südlichste 60′ breit und tief genug für grosse Lastboote ist.[5]

Um den Fuss des Ysaróg wendet sich die Strasse NO. dann O. Bald hören die blühenden Hecken auf; es folgt eine grosse, kahle Ebene, aus der sich zahlreiche flache Hügel erheben. Hügel und Ebene dienten damals als Viehweiden: vom August bis Januar sind sie mit Reis bestellt. Nur hin und wieder sieht man kleine Batatenfelder. Nach vier Stunden erreichten wir das Dörfchen Maguíring (Manguirin), dessen Kirche, ein dem Einsturz naher Schuppen, auf einem solchen kahlen Hügel stand und an ihrer Verwahrlosung erkennen liess, dass der Priester ein Eingeborener sei.

Dieser Hügel, wie alle übrigen, die ich untersuchte, bestand aus Schutt vom Ysaróg, mehr oder weniger zersetzten hornblendereichen Trachyttrümmern, deren Zwischenräume durch rothen Sand ausgefüllt waren. Die Zahl der Flüsse, die der Ysarog in die Buchten von S. Miguél und Lagonóy sendet, ist ausserordentlich gross: Auf der Strecke hinter Maguíring zählte ich in ¾ Stunden 5 ansehnliche, d. h. über zwanzig Fuss breite Aestuarien, dann bis Góa noch 26, zusammen 31; es sind aber mehr, da ich die kleinsten nicht aufzeichnete; und doch beträgt die Entfernung zwischen Maguíring und Góa, in gerader Linie, nicht über 3 Meilen. Dies lässt auf die enorme Menge von Wasserdampf schliessen, mit welcher dieser mächtige Kondensator gespeist wird. Bei keinem andern Berge ist mir diese Erscheinung in so auffallender Weise entgegengetreten. Ein sehr bemerkenswerther Umstand ist die Schnelligkeit, mit welcher die wasserreichen Bäche in Aestuarien übergehn, die sie befähigen Lastboote, zuweilen selbst Schiffe zu tragen, in einem Alter, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, wo ihre auf die spärlichen Niederschläge in nördlichen Breiten angewiesenen Verwandten kaum die Bedeutung eines Mühlbachs erlangt haben. Diese Gewässer erscheinen der Breite nach als kleine Flüsse, ihrem Wesen nach bestehn sie nur aus einem Bache bis zum Fuss des Berges und einer Flussmündung in der Ebene; der Mittellauf fehlt ihnen.

Die Landschaft gleicht hier dem merkwürdigen, von Junghuhn beschriebenen Hügelgebiete des Gelungúng[6] in ganz auffallender Weise; doch ist der Ursprung dieser Anhöhen einigermaassen von dem der javanischen verschieden, denn letztere verdanken ihre Entstehung dem Ausbruch von 1822, und schon die grosse, ihnen zugekehrte Lücke in der Kraterwand des Gelungúng zeigt deutlich, woher die Stoffe zu ihrem Aufbau kamen; die grössere Kraterschlucht des Ysaróg ist aber nach O. geöffnet und steht daher zu den zahllosen Hügeln im Nordwesten des Berges in keiner Beziehung. Hinter Maguíring rücken sie dichter zusammen, ihre Kuppen werden flacher, ihre Seiten steiler, sie gehn allmälig in einen sanft geneigten Abhang über, zerrissen von unzähligen Klüften, auf deren Boden eben so viele Bäche thätig sind, die eckigen Umrisse dieser kleinen Inseln in jene abgerundeten Hügel umzuformen. Der dritte Fluss hinter Maguíring ist bedeutender als die früheren; am sechsten liegt eine grössere Visita, Borobód, am zehnten die von Ragáy. Die Reisfelder haben mit dem Hügelland aufgehört: auf dem durch tiefe Rinnen wohldränirten Abhange wachsen nur wildes Rohr und einzelne Baumgruppen. An vielen Weilern vorüber, deren Hütten so vereinzelt und versteckt liegen, dass man sie wohl übersehn kann, gelangten wir um 5 Uhr nach Tagúnton, von wo eine, für Büffelkarren fahrbare, zum Transport des in der Umgegend gewonnenen Abaca’s dienende Strasse nach Goa führt. In diesem Ort, den wir Abends erreichten, miethete ich in Folge eines Ruhranfalles ein Häuschen, in dem ich fast vier Wochen lag, da mir keine andre Heilmittel als Hunger und Ruhe zur Verfügung standen.

Während dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft einiger neu bekehrten Ygorroten, und gewann ihr Vertrauen, ohne sie wäre es mir später schwerlich gelungen den Berg zu ersteigen und ihre Stammesgenossen ungefährdet in ihren Ranchos aufzusuchen.[7] Als ich endlich Goa verlassen konnte, begleiteten mich meine Freunde zunächst nach ihrer Niederlassung, wo ich leicht die nöthige Zahl Begleiter fand, da ich schon vorher empfohlen war und erwartet wurde, um die für mich gesammelten Thiere und Pflanzen in Empfang zu nehmen.

Am folgenden Morgen wurde die Besteigung begonnen. Schon bevor wir den ersten Rancho erreichten, konnte ich mich überzeugen, welch guter Ruf mir vorausging: der Hausherr kam uns entgegen, und führte uns auf einem engen Pfade zu seiner Hütte, nachdem er die schräg aus dem Boden ragenden, aber mit Reisig und Blättern geschickt verdeckten Fusslanzen daraus entfernt hatte.[8] Eine mit Weben beschäftigte Frau setzte auf meinen Wunsch ihre Arbeit fort. Der Webestuhl war von der allereinfachsten Art, das obere Ende, der Kettenbaum, der in einem Stück Bambus besteht, wird an zwei Bäumen oder Pfählen befestigt; die Weberin sitzt auf dem Boden und hakt in die beiden eingekerbten Enden einer schmalen Latte, welche die Stelle des Zeugbaums vertritt, einen hölzernen Bügel, in dessen Wölbung ihr Rücken passt. Indem sie die Füsse gegen zwei Pflöcke im Boden stemmt und den Rücken krümmt, spannt sie vermittelst des Bügels das Zeug straff. Statt des Weberschiffchens dient eine Netznadel, länger als die Breite des Gewebes, die nur mit Ueberwindung bedeutender Reibung und nicht immer ohne Kettenfäden zu zerreissen, durchgeschoben werden kann. Eine messerartig zugeschärfte Latte aus hartem Holz (Caryota) vertritt das Schlaggestell und wird nach jedesmaligem Anschlag auf die hohe Kante gestellt. Dann wird der Kamm vorgeschoben, ein Faden durchgesteckt, festgeschlagen und so fort. Das Gewebe bestand aus Abacáfäden, die nicht gesponnen, sondern an einander geknüpft werden.

Die von mir betretenen Hütten verdienen keine besondere Beschreibung: aus Palmenblättern und Bambus zusammengefügt, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den Wohnungen armer Indier. In der Nähe waren kleine Felder mit Bataten, Mais, Caladium und Zuckerrohr bepflanzt; prachtvolle Baumfarne umgaben sie; einer der höchsten, den ich zu dem Zwecke umhauen liess, maass: Stamm 9m 30, Krone 2m 12, Gesammtlänge 11m 42 (36′ 38 Rh.).

Ein junger Bursche machte Musik auf einer Art Laute, Baringbau genannt; sie bestand aus dem trocknen Schaft einer Scitaminee, die statt der Sehne (Saite) durch eine dünne Ranke bogenförmig gespannt war. In der Mitte des Bogens war eine halbe Kokosschale befestigt, die beim Spielen gegen den Bauch gesetzt wird und als Resonanzboden dient. Die Saite gab, mit einem Stäbchen geschlagen, einen angenehm summenden Ton, (Lyra und Plectrum in einfachster Form). Einige begleiteten den Musiker auf Maultrommeln aus Bambus, genau wie die der Mintras auf der Malayischen Halbinsel. Ein Andrer spielte auf einer Guitarre, die er zwar selbst, aber nach einem europäischen Muster gemacht hatte. Ausser Bogen, Pfeilen und Kochtopf enthielt die Hütte kein Geräth. Wer Kleider besass, trug sie am Leibe. Die Frauen fand ich so dezent gekleidet wie christliche Indierinnen, sie trugen überdies ein Waldmesser. Als ein Zeichen vollkommenen Vertrauens führte man mich in die wohl verborgenen, durch Fusslanzen vertheidigten Tabakfelder, die mir sorgfältig gepflegt schienen.

Was ich im Verkehr mit diesen Leuten bisher erfahren hatte und noch erfuhr, fasse ich kurz zusammen: Sie wohnen auf den höheren Abhängen des Berges, wohl nie unter 1500′, jede Familie für sich. Wie viel ihrer noch vorhanden sein mögen, ist schwer zu ermitteln, da unter ihnen nur geringer Verkehr besteht. Auf dem zum Gebiete von Goa gehörigen Theile des Berges wird ihre Anzahl auf etwa 50 Männer und 20 Weiber mit Inbegriff der Kinder geschätzt. Vor 20 Jahren war die Bevölkerung zahlreicher. Ihre Nahrung besteht ausser etwas Gabi (Caladium), vorzüglich aus Bataten. Auch ein wenig Mais wird gebaut, etwas Ubi (Dioscorea) und eine geringe Menge Zuckerrohr zum Kauen.