Nachmittags kam eine Anzahl Jakuns in die Mission und brachte ganze Arme voll Zweige, die ich einlegen sollte. Diejenigen, deren Exemplare brauchbar waren, zeigten darüber grosse Freude. So vergingen zwei Tage auf die angenehmste Weise unter diesen gutmüthigen Menschen. Am Sonntag versammelte sich die ganze Gemeinde, Jakuns und Mintras mit Frauen und Kindern, um die Messe zu hören. Ihr Gesang klang recht angenehm, sie sollen überhaupt viel Sinn für Musik haben. Alle waren sehr sauber nach malayischer Art gekleidet, nur etwas dürftiger. Ich hatte einen photographischen Apparat mitgebracht und nahm ihre Portraits auf, die aber leider später verloren gingen. Das ganze Völkchen machte den Eindruck, als fühlte es sich recht glücklich in seiner Abgeschiedenheit unter dem Schutz des braven Missionärs.
Früher wurden sie von den piratischen Malayen, die zu ihnen kamen, aufs ärgste betrogen, beraubt und misshandelt; sie hatten kaum einen andern Schutz als ihren bösen Ruf als Zauberer und Giftmischer, um ihre abergläubischen Bedrücker einigermaassen in Schranken zu halten.
Besonders erreichten diese Bedrückungen einen sehr hohen Grad, als die Anwendung der Guttapercha zur Isolirung der elektrischen Drähte unter Wasser und unter der Erde eine immer stärkere Nachfrage nach dieser Substanz veranlasste.[45]
Einer Einladung folgend fuhr ich nach Allor-gadja in Naning, etwa 9 Miles NNW. von Rumbia, wo am nächsten Tage die feierliche Bestätigung des neuen Pungulu durch den Resident-Councillor stattfinden sollte. Naning ist ein kleines Gebiet, das landeinwärts an Malacca grenzt und immer schmaler werdend sich bis zum Berg Ophir erstreckt. Bis zum Jahr 1842, wo es mit Malacca auf gleichen Fuss gestellt wurde, stand es zu diesem immer in schwankenden Unterthänigkeits-Verhältnissen; statt des Zehnten zahlte es nur einen Tribut, und der Pungulu schaltete in dem Gebiet wie ein unumschränkter Fürst nicht nur über die Habe, sondern auch über das Leben der Einwohner. Im Jahre 1829 beschlossen die Engländer diesen Zuständen ein Ende zu machen. Es kostete aber zwei Feldzüge, viele Menschenleben und die Summe von 100,000 £ um die gegen die beabsichtigten Neuerungen ausgebrochene Empörung zu unterdrücken, obgleich die Zahl der erwachsenen Männer in Naning zur Zeit des Krieges 1500 nicht überstieg, so dass die Unkosten etwa 450 Thaler per Kopf betrugen. Der Feldzug endete schliesslich dadurch, dass einer der fähigsten Empörer zu den Engländern übertrat. Der aufrührerische Pungulu kapitulirte darauf und starb später in Malacca als Pensionär der indischen Regierung.
Auf einem angenehmen breiten Waldweg, der dem Kriege seine Entstehung verdankt, gelangte ich Abends nach Allor-gadja, wo die nicht unharmonische Musik und Todtenklage der Malayen einen grossen Theil der Nacht hindurch zu hören war. Wenige hundert Schritt vom Regierungs-Bungalow liegen die Grabhügel dreier im Kriege gegen Naning gefallenen englischen Offiziere, ein wenig weiter erhebt sich noch eine Schanze aus Lehmwällen, in der sich jetzt eine friedliche Polizeistation niedergelassen hat. Am folgenden Morgen machten wir einen Spaziergang nach dem etwa 3 Meilen entfernten Ayer (Wasser)- panas (heiss), einer ziemlich reichlichen Kohlensäure haltigen und einen schwachen Geruch von Schwefelwasserstoff verbreitenden Quelle. Ihre Temperatur fand ich 9 Uhr Vormittag 137° F. = 46,6 R. In der Nähe steht ein verfallendes Badehaus. Die Eingeborenen benutzen das Wasser häufig als Heilmittel. Auf dem ganzen Wege herrschte überall der rothe Thoneisenstein von Singapore bis kurz vor der Quelle, die in angeschwemmtem Boden aufbricht, in welchem sich viele Quarzkörner bis zu Nussgrösse vorfinden. Es ist dieselbe Formation, in der hauptsächlich die Zinn- und Goldwäschen betrieben werden. Nach dem Frühstück ging die Feierlichkeit ohne besonderes Schaugepränge schnell vorüber. Der Resident-Councillor kehrte nach Malacca zurück; ich fuhr wieder zu meinen Freunden nach Rumbia, deren liebenswürdiges, harmloses Wesen gegen die finstere Gemessenheit der Malayen angenehm abstach. Unterwegs sah ich neben einer kleinen Moschee im Walde eine Pauke von 20 Fuss Länge und mehr als 21/2 Fuss Durchmesser. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, an einem Ende offen, am andern mit einer Büffelhaut bespannt. Es sollen derartige Pauken von noch grösseren Dimensionen vorkommen. Ihr Zweck ist, die weit zerstreut lebenden Gläubigen zum Gebet zu rufen. Noch spät Abends kamen die Jakuns zur Mission und brachten mehrere Thiere, die sie für mich gesammelt hatten.
Am folgenden Morgen überraschte ich im Walde ein junges Ehepärchen in seinem Honigmond. Ihr Haus bestand in einem Sonnendach aus lose zusammengefügten Palmenblättern. In einem kleinen Töpfchen kochte ihre Mahlzeit, und während die Frau die Küche besorgte, sang ihr der Mann ein Liedchen und begleitete sich auf einem Saiteninstrument, das aus einem fusslangen Bambusrohr bestand, an welchem der Länge nach 3 oder 4 Enden des kletternden Stammes einer Orchidee aufgespannt und statt der Stege kleine Wachsklümpchen unter den Saiten angebracht waren. Der glückliche Ehemann besass auch eine Flöte und Pfeife aus Bambus und musizirte, als die erste Schüchternheit vorüber war, auf beiden mit grossem Wohlgefallen ganz angenehm, nur etwas zu anhaltend. Beim Abschied drang er mir zwei feiste Ratten auf, die er für seine eigene Tafel gemästet hatte. Die Jakuns sind nicht wählerisch in ihren Nahrungsmitteln, Schlangen und Ratten sind willkommene Leckerbissen. Der französische Missionär Lefèvre erzählt: Eine ihrer geschätztesten Speisen ist ein Honigwaben, nicht wann die Zellen mit Honig gefüllt, sondern wann die jungen Bienen schon ausgebildet, ein Paar Tage bevor sie flügge sind; der Waben wird dann in ein Bananenblatt gewickelt, etwas gebraten, und das Ganze mit grossem Appetit verzehrt.
Ausser dem Waldmesser, das sie immer bei sich tragen, und das ihnen alle Werkzeuge ersetzt, haben die Orang-bukit kaum irgend welche Geräthschaften. Zur Jagd bedienen sie sich hauptsächlich der Blasröhre, aus welchen sie vergiftete Pfeile schiessen. Kleinere Thiere sterben nach einer Minute. Das Blasrohr „Sumpitan” besteht aus zwei in einander geschobenen Bambusen, 7 Fuss lang, 3/4 Zoll Durchmesser. Die innere Oeffnung hat etwa einen halben Zoll Durchmesser; die Pfeile sind 7 Zoll lang und bestehen aus den Seitennerven eines Palmenwedels; an ihrem unteren Ende ist ein 3/4 Zoll langer Kegel aus weichem Holz befestigt, dessen Basis den hohlen Raum des Blaserohrs beinahe ausfüllt. Die sehr scharfe Spitze ist einen halben Zoll tief in Gift getaucht und ringsum eingeschnitten, damit sie abbreche und in der Wunde stecken bleibe. Jeder einzelne Pfeil steckt in einem Rohrfutteral, und eine Anzahl dieser ist durch Baststreifen eines Artocarpus so aneinander geknüpft, dass sie sich zu einem Bündel aufrollen wie ein Latten-Rouleau und in einer Bambuskapsel, die als Köcher dient, aufbewahrt werden können. Genau ebenso verfertigen die Indianer in Guiana ihre Pfeile und bewahren sie ebenso auf, mit dem einzigen Unterschied, dass die einzelnen Pfeile nicht in besonderen Kapseln stecken, sondern unmittelbar mit einander verknüpft und zusammengerollt werden — ein auffallender Umstand, da beide Völker wohl nie in Verkehr gestanden haben. Die Jakuns haben den Ruf, geübte Sumpitanbläser zu sein. Um ihre Geschicklichkeit zu prüfen, liess ich einen der geübtesten nach einem etwa 100 Schritt entfernten Pisangstamm zielen; er traf ihn nachdem er zweimal vorbei geschossen; eine 30 Schritt entfernte, 11/2 Zoll Durchmesser haltende Oranie zu treffen, erklärte er für zu schwierig; auf 15 Schritt traf er sie. Bei dem Schiessen wird der Pfeil von unten in das Blasrohr gesteckt, der Kegel mit einer zunderartigen Substanz umwickelt, damit seitlich keine Luft entweiche, und das Blasrohr mit beiden Händen fest gegen den Mund gepresst. Die Luft wird mit solcher Gewalt ausgestossen, dass man einen pfeifenden Ton hört.
Auf Veranlassung des Herrn Bory wurde das Pfeilgift in meiner Gegenwart bereitet. Man schlug 3 Pflöcke in die Erde, setzte eine eiserne halb mit Wasser gefüllte Pfanne darauf, zündete Feuer darunter an, that die feingeschabte Rinde folgender Pflanzen hinein: akar-ipo (Giftwurzel) oder lada-ipo (Giftpfeffer) eine starke Handvoll; ipo-batang (Baumstammgift) und Sabalei je eine kleine Prise. Nach einer Minute wurde die Rinde im Wasser mittelst der Hand stark ausgepresst und fortgeworfen. Nachdem der Extract 4 Minuten gekocht hatte, wurde er mit grosser Vorsicht abgegossen, wobei ein auf den Rand der Pfanne gelegter kleiner Ballen geschabter Bambusfasern als Filtrum diente, um die noch in der Flüssigkeit schwimmenden Rindenstückchen zurückzuhalten. Nachdem die Pfanne sorgfältig mit Sand ausgescheuert, wurde der Absud — etwa 1/2 Liter — in dieselbe zurück gegossen. Man setzte, als er zu kochen begann, einen Theelöffel voll Saft des Ipo-batang hinzu. Dieser geringen Menge wegen hatte man einen grossen Baum gefällt, aus dessen Querschnitt der Saft langsam ausschwitzte. Nach Zusatz dieser Substanz entstand in der bisher klaren Flüssigkeit ein Coagulum, das zu Boden sank. Zwei Minuten später goss man abermals die klare Flüssigkeit ab, in die man vorher ein Stückchen durch Realgar verunreinigten Arseniks von der Grösse eines Stecknadelknopfes geworfen hatte. — Eine so geringe Menge kann wohl keine Wirkung haben; auch gilt der Zusatz nach der Aussage des Giftkochers nicht für wesentlich und unterbleibt, wenn kein Arsenik vorhanden ist, ohne der Wirksamkeit des Pfeilgiftes zu schaden. — Nachdem der Bodensatz beseitigt und die Pfanne abermals sehr sorgfältig mit Sand ausgescheuert worden war, goss man wieder das Filtrat in dieselbe zurück und dampfte es bis zur Syrupdicke ein. Das fertige Gift wird entweder gleich auf die Pfeile gebracht, oder in kleinen Bambusen verwahrt und soll viele Jahre lang seine Wirksamkeit behalten. — Früher wurden bei dem Giftkochen allerlei Zauberformeln angewendet, die Herrn Bory's Einfluss beseitigt hat. Von den verwendeten Pflanzen konnte ich keine blühende Exemplare erhalten und auch die eingelegten blüthenlosen Zweige gingen später verloren, so dass eine Bestimmung nicht möglich war. Ausser dem in meiner Gegenwart bereiteten kaufte ich noch mehrere Kapseln voll älteren Pfeilgiftes und Köcher voll vergifteter Pfeile. Später im physiologischen Laboratorium zu Berlin damit angestellte Versuche ergaben sehr verschiedene Resultate. Das in meiner Gegenwart bereitete Gift wirkte herzlähmend wie Anthiar, eben so wirkte der Saft des Ipo-batang, den ich selbst vom Stamm eingesammelt hatte. Die gekauften Gifte aber wirkten ausserdem noch tetanisirend wie Strychnin. Wahrscheinlich ist der Ipo-batang-Baum = Anthiaris toxicaria oder eine verwandte Art, und akar-ipo eine Strychnosart (letzteres ist um so wahrscheinlicher, da akar nicht nur Wurzel sondern auch Rebe bedeutet). Durch das Vorwiegen der einen oder andern Substanz mag wohl die vorherrschende Wirkung auf Herz oder Nerven bedingt werden. Die von Prof. du Bois-Reymond und Dr. Rosenthal angestellten Versuche, welche übrigens auch die verhältnissmässige Immunität der Hühner bestätigen, sind ausführlich beschrieben in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1859. 3. 319 und in Reichert und du Bois-Reymond's Archiv 1865 S. 601.
In allen Jägerkünsten sind die Waldmenschen wohlerfahren, sie wissen dem Wild auch viele Fallen zu stellen; eine recht sinnreiche von komplizirtem Bau beschreibt J. R. Logan. Mir zeigten sie an vielen Stellen im Dickicht verborgen eine sehr einfache anscheinend von grosser Wirksamkeit. Ein junger elastischer Baum war mit der Spitze zur Ende gebogen. Bei der leichtesten Berührung eines Schnäppers schnellte er wieder in die Höhe und durchbohrte mit der an seiner Spitze in einem fast rechten Winkel befestigten Bambuslanze das Thier, das sich der Falle unvorsichtig genähert hatte. Einem Aufsatz, den Herr Bory 1861 in die Tydschr. voor indische Taal, Land en Volkenkunde einrücken liess, entnehme ich noch einige ergänzende Daten: