Die Gesammtzahl aller Wilden auf der malayischen Halbinsel dürfte nach H. B.'s Meinung nicht über 8–10,000 betragen; die der Mintras nicht über 2000. — Sie halten sich für die Ureinwohner, betrachten die Malayen als Eindringlinge und glauben von 2 weissen Affen abzustammen, aus deren Nachkommen diejenigen, die in der Ebene blieben, allmälig Menschen wurden, während die, welche die Berge nicht verliessen, Affen blieben.[46] Jeder lebt für sich, als wäre er allein in der Welt. Sie sind gleichgültig, faul, lieben die Ruhe über alles, haben wenig Energie. Nur auf der Jagd zeigen sie Muth und Ausdauer. Allein, ohne andre Waffen als Blasrohr, Lanze und Kris, bringen sie Tage und Nächte im Walde zu. Sie sind friedliebend, streiten selten hartnäckig; der geringste Zwist hat Auswanderung zur Folge. Sie hängen wenig am Boden, verändern leicht ihren Wohnsitz, oft mehr aus Laune als aus Ueberlegung. Der erste Eindruck, den die Mintras auf den Fremden machen, ist ein so günstiger, dass man geneigt ist, sie für Menschen im Zustand der Unschuld zu halten. (Herr Bory, der anfänglich auch diese Ansicht theilte, denkt nach genauerer Bekanntschaft anders über sie).

Die Mintras, wie die andern wilden Stämme der Halbinsel haben ihre eigene Sprache; sie hat wenig Klarheit und Bestimmtheit. Die Mintra-Christen verlangten daher, dass ihnen der Religionsunterricht in malayischer Sprache ertheilt würde. Alle Wilden sprechen malayisch, das ihnen auch als Verkehrssprache mit benachbarten Stämmen nöthig ist.

Einige Tage nach meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, in Gesellschaft eines Bergmanns aus Cornwallis, der im Auftrag einer englischen Gesellschaft die Ergiebigkeit der hiesigen Zinnlagerstätten untersuchen sollte, einen Ausflug nach dem oberen Lingiflusse zu machen, von wo wir nach dem berühmten Zinndistrikt, Songei-Udjong, wollten. Bis zur Mündung des Lingi konnten wir das Kanonenboot der Regierung benutzen. Wir verliessen Malacca Nachmittags um 5 Uhr und fuhren in geringer Entfernung von der Küste, die eine ununterbrochene Reihe lieblicher Landschaften entfaltete: im Vordergrund eine bebaute Ebene, auf welcher sich Hügel und weiter hinten tief blaue Berge in scharfen Umrissen erhoben. Der Sonnenuntergang war ausserordentlich prächtig und nahm über 150° des Horizontes ein. Wir brachten die warme Nacht 23,2° R. auf dem Verdeck zu, um 3 Uhr trat Regen ein und zwang uns, in der kleinen, heissen Kajüte Schutz zu suchen. Wir waren der Mündung des Lingi nahe, mussten aber noch 3 Stunden lang kreuzen, bevor wir landen konnten, da wir Wind und Strömung gegen uns hatten. Dieser Fluss bildet die Grenze Malaccas gegen den kleinen Malayenstaat Salangore. An seiner Mündung, auf der linken (englischen) Seite, liegt ein kleines, aus wenigen Hütten bestehendes malayisches Kampong und daneben die Umfangsmauer eines während des Krieges mit Naning gegründeten Forts. Das Kanonenboot setzte seine Fahrt fort, wir blieben und hatten bis 11 Uhr mit habsüchtigen, mürrischen Leuten zu feilschen, bevor wir zur Fahrt Fluss aufwärts um hohen Preis ein Boot erlangten. Die breiten Mündungen dieser Flüsse sind namentlich in der Mittagssonnengluth nicht angenehm zu befahren. Die Fluthwelle reicht viele Meilen weit hinauf, und soweit sie das Seewasser trägt, zieht sich zu beiden Seiten ein einförmiger Rhizophorensaum hin; erst nach stundenlanger Fahrt flussaufwärts erscheinen einige stammlose Nipapalmen, die allmälig häufiger werden, sobald der Salzgehalt des Wassers hinreichend abnimmt, dann treten Pandanusarten auf, welchen sich bald blühende Sträucher und enorme Waldbäume anschliessen, deren einige bis auf 100 Fuss Höhe fast astlos, und glatt wie Säulen emporragend, nur am Boden mit grossen Strebepfeilern versehen sind, während andere vielfach verästelt, durch Luftwurzeln gestützt und nach allen Richtungen mit Lianen, Kletterfarnen und Orchideen behangen, ein unauflösliches Gewirre bilden. Gegen Abend wurde der Fluss immer enger, die Windungen häufiger, endlich bogen wir in einen kleinen Bach, unter dessen dichtem, tiefhängendem Laubdach wir ein kleines Kampong erreichten. Am Ufer stand ein Schuppen, der als Niederlage für das aus der Umgegend kommende Zinn dient, welches von hier aus nach Malacca verschifft wird. Der „Dato” (Häuptling) wohnt eine Mile landeinwärts; wir begaben uns zu ihm, um den Empfehlungsbrief des Guvernörs abzugeben. Zu unserer Ueberraschung führte statt eines engen Waldpfades ein Fahrweg nach seiner Wohnung; den Dato hatten bei einem Besuche in Singapore die dort gebräuchlichen Wagen so entzückt, dass er einen gekauft, und um ihn benutzen zu können, mitten in seinem Walde ein Stück Strasse von einer Mile Länge gebaut hatte, auf der er täglich spazieren fuhr. Er wohnte in einem sauberen steinernen Hause, in dem mehrere europäische Möbel und Luxusgegenstände aufgestellt waren. Unsere beabsichtigte Reise nach Songei-Udjong schien ihm nicht angenehm zu sein; er machte allerlei Einwendungen dagegen, schilderte sehr beredt die Gefahren und Strapazen, die uns bevorständen, bedauerte uns in seiner Wohnung kein Quartier geben zu können, und entschuldigte sich, dass die Nahrungsmittel sehr knapp seien. Zum Glück waren wir in dieser Beziehung gut versehen. Er bat uns ihm zwei oder drei Zwieback zu verkaufen, und als wir ihm ein Dutzend geschenkt hatten, fragte er nach dem Preise des Bieres; wir schenkten ihm zwei Flaschen. Nun wünschte er auch den Preis des Weines zu erfahren; wir schenkten ihm eine Flasche und zogen uns nach dem Landungsplatz zurück, wo wir in einer Ecke des Zinnsschuppens die Nacht zubrachten. Der Dato hatte versprochen, uns am andern Morgen um 6 Uhr Leute zu schicken, die uns als Träger und Führer begleiten sollten; er schlief aber bis 12, und keiner seiner Leute wagte mit uns zu gehen. Wir beschränkten daher unsere Excursionen auf die nächste Umgebung. Als wir um 2 Uhr in brennender Sonne wieder zurückkehrten, war unser Gastfreund bereits wieder schlafen gegangen; erst gegen fünf stand er auf und begleitete uns auf einer Jagdpartie. Er war heut noch zudringlicher als gestern und weigerte sich schliesslich geradezu uns Träger nach Udjong zu geben. Seine Beweggründe waren uns nicht recht klar. Da aber die Haupteinnahme-Quelle dieser kleinen Raubritter in der gesetzlosen Ausbeutung der ihr Gebiet betretenden Zinngräber besteht, so mag er wohl triftige Gründe gehabt haben um uns einen näheren Einblick in sein Treiben zu wehren. Mein Gefährte hatte Aussicht die Reise nach Songei-Udjong später mit besserem Erfolg zu machen; so beschlossen wir denn am nächsten Morgen umzukehren, um nicht länger mit dem unverschämten Burschen und seiner zudringlichen Umgebung zu thun zu haben. Doch war es beinahe Mittag, als wir am folgenden Tage nach vielen Plackereien und Prellereien die Rückreise antreten konnten.

Das Boot, das wir nach langem Zögern endlich erhielten, hatte kaum Raum für unser Gepäck, so dass wir auf demselben hocken mussten; es füllte sich durch ein Leck und durch strömenden Regen schneller als es ausgeschöpft werden konnte. Wir kehrten daher wieder um, setzten eines der grossen am Strande liegenden Boote in Stand und fuhren darin bequem flussabwärts. Eine Anzahl fauler Kerle, die unter dem Schuppen standen, sahen uns müssig und mürrisch zu, doch wagten sie nicht uns zu hindern. Bald nach Sonnenuntergang landeten wir in einer kleinen Polizeistation auf englischem Gebiet nahe der Mündung. Der Dato von Lingi ist nur ein kleiner Häuptling, dessen Einkünfte im Handel und in Erpressungen bestehen, dennoch nahm er, obgleich unmittelbarer Nachbar der Engländer, keine Notiz von dem ebenso höflichen als angelegentlichen Empfehlungsbrief des Guvernörs; so geringen Einfluss haben die Engländer auf diese kleinen Staaten, in denen Mord- und Raubanfälle sehr häufig sind, ein Uebelstand, der in der Kolonie lebhaft gefühlt wird und ein Hauptgrund, weshalb sie eine selbstständigere Regierung zu haben wünscht. Grade während meiner Anwesenheit machte ein kleiner Bugishäuptling aus Singapore, der angeblich für den Sultan von Johor focht, die Umgebung des Berges Ophir unsicher und that sogar räuberische Einfälle auf englisches Gebiet, gegen die, wenigstens zur Zeit, nicht eingeschritten wurde.[47]

Mein Gefährte setzte am nächsten Tage die Reise bis Ponchor fort, einer zwischen Lingi und Malacca an der Küste gelegenen Häusergruppe, ich blieb in der Polizeistation zurück, und verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Denn wir befanden uns in dem Monat, in welchem die Muhamedaner, nachdem sie von Morgens 6 bis Abends 6 gefastet, sich Nachts durch Schmausen, Musiziren und allerlei Lärm entschädigen. Am andern Morgen begab ich mich auch nach Ponchor, in einem kleinen Boot der Küste folgend, deren Schönheit mich aber bald einlud, den Weg zu Fuss fortzusetzen. Man geht bequem auf ebenem Granitsand, aus welchem grosse oft dicht mit blühenden Orchideen bekleidete Granitblöcke hervorragen. Meinen Freund traf ich in einem geräumigen verlassenen Schuppen, mit freier Aussicht auf das Meer neben einer klaren Felsenquelle recht behaglich eingerichtet. Wir durchstreiften die liebliche Gegend mit der Vogelflinte, badeten Abends in der Brandung, assen ohne aufgedrungene malayische Gesellschaft, und fischten Nachts bei Fackelschein.

Am folgenden Morgen besichtigten wir eine in der Nähe gelegene Zinngrube. Zinn kommt im gediegenen Zustande in der Natur nicht vor.[48] Alles Zinn wird aus Zinnerz oder Zinnstein, einem reinen, nur durch mechanische Beimengungen verunreinigten Zinnoxyd gewonnen. Es tritt in schmalen Gängen, sogenannten Stockwerken, im Granit oder andern Eruptivgesteinen auf, die es so unregelmässig durchsetzt, dass man häufig dadurch veranlasst wird, Tagebau darauf zu treiben; oder es kommt in grossen regelmässig abzubauenden Gängen vor. Alles Zinn von Cornwallis wird gegenwärtig aus solchen Gängen gewonnen; die früher daselbst betriebenen Stockwerke sind erschöpft und liefern nichts oder fast nichts mehr. Durch Pochen und Waschen wird das viel schwerere Erz (sp. Gew. = 6,8 bis 7) leicht vom Ganggestein getrennt, aber nicht von dem es gewöhnlich begleitenden Wolfram und den Arsenik- und andern Kiesen, die ungefähr gleich schwer sind; diese entfernt man durch Rösten, wobei sie sich zersetzen, und abermaliges Waschen.[49] Der ganze eben beschriebene Prozess vollzieht sich in der Natur spontan, indem durch die Einwirkung der Atmosphaerilien das Gebirge verwittert, die Kiese sich zersetzen, lösliche Verbindungen eingehen, und sammt dem verwitterten Gestein durch Regen und Bäche in die Tiefe geführt werden. Wenn sich aus dem zur Ruhe gekommenen Wasser die darin schwebenden Stoffe absetzen, bildet das Erz wegen seiner Schwere die tiefste Schicht, auf welcher sich die Verwitterungsprodukte des Muttergesteins, Kaolin, Quarzsand, Grus und Trümmer ablagern. Im Verlauf langer Zeiträume bilden sich auf diese Weise Lager von grosser Mächtigkeit. Man nennt diese erzführenden Ablagerungen in Deutschland Seifen, in Cornwall Streamworks, in beiden Ländern hat aber ihre Ausbeutung jetzt gänzlich aufgehört, da sie erschöpft sind. Alles Zinn von Hinterindien (Malacca, Junk-Ceylon, Banca, Siam u. s. w.) wird aus Seifen gewonnen, die ursprüngliche Lagerstätte ist noch gar nicht bekannt. Das Zinn von Banca und Malacca ist fast absolut rein, und überhaupt ist Seifenzinn immer reiner als das aus Gangerzen gewonnene.

Nach Crawfurd (Dictionary) ist das Malayische Zinngebiet ohne allen Vergleich das ausgedehnteste und reichste der Welt und erstreckt sich von Tavoy 14° N. bis Billiton 3° S. d. h. über 17 Breiten- und 10 Längengrade. Der grösste Theil des Gebiets ist noch mit Urwald bedeckt, so dass man erwarten darf das Erz noch an vielen Stellen zu finden. Der Vorrath scheint sehr gross, der Ertrag steht im Verhältniss zu den aufgewendeten Mitteln an Kapital und Arbeitskräften. Die Gruben von Banca werden seit 1710 betrieben, die erste Grube bei Malacca wurde 1793 eröffnet, aber erst seit 1840 findet daselbst die Ausbeutung mit grösserem Nachdruck durch Chinesen statt. Auch in den benachbarten Malayenstaaten, namentlich in denen der Ostküste, Kalantan und Tringano, so wie in Siam nimmt die Zinnproduktion sehr zu, recht bedeutend ist sie auf Junk-Ceylon.[50]

Um das Erz aus dem Seifengebirge zu gewinnen, wiederholt und vollendet der Mensch was die Natur im Grossen gethan hat; er schlämmt und wäscht die erzführenden Schuttmassen, bis nur das reine Erz zurückbleibt.

Die Grube vor uns wurde von 34 Chinesen bearbeitet, gehörte also zu den kleinsten. In manchen Gruben sind mehrere Hundert Arbeiter beschäftigt. Da das ganze, gewöhnlich 12' bis 18' mächtige Deckgebirge abgetragen werden muss, um auf die Erzschicht zu kommen, so ist es nicht lohnend, mit geringen Arbeitskräften die Ausbeutung zu betreiben. Unter einer 2' dicken Schicht Ackerkrume lag eine etwa doppelt so dicke Schicht grauen Sandes, darunter folgte eine weisse 4 bis 5 Fuss mächtige aus reinem Kaolin mit Quarzkörnern und Glimmerblättchen bestehende Schicht, „Kong” genannt; dann eine sechszöllige gelber Erde, die das Zinnerz enthält. Die Unterlage bestand wieder aus demselben weissen Kong, wie die Decke. Ein ehemaliger Bach hatte sich in dem lockeren Boden in N. S. Richtung sein Bett bis auf die zinnführende Schicht ausgewaschen und es dann wieder zum Theil mit Thon angefüllt, fast reinem Kaolin, durch verkohlte Pflanzenreste schwarz gefärbt. Die Nordwand der Grube zeigte die beschriebenen Verhältnisse in einem Profil von einer Deutlichkeit, wie man sie sonst gewöhnlich nur in den schematischen Figuren geognostischer Monographien findet; die grellen Farben trugen dazu nicht wenig bei.

Man hatte zuerst den schwarzen Thon, der das alte Bett des Bachs ausfüllte, bis auf die Erzschicht fortgeräumt, dann die östliche Uferwand; jetzt war man beschäftigt die westliche Wand abzuräumen, indem man sie auf die Ostseite hinübertrug. Zum Fortschaffen der Erde bediente man sich kleiner Tragkörbe, als Leitern dienten schräg liegende Baumstämme mit eingehauenen Stufen. Das auf dem Boden der Grube sich ansammelnde Wasser wurde durch eine Schaufelkunst gehoben, die aus einer Reihe flacher an einer Kette ohne Ende befestigter Bretter bestand, welche sich in einer schrägen Rinne aufwärts bewegten und das Wasser vor sich herfegten. Der Apparat hatte grosse Aehnlichkeit mit einer Baggermaschine und wurde durch ein am oberen Ende angebrachtes Wasserrad getrieben, an dessen Welle aber auch noch Tretbretter befindlich waren, um es bei Wassermangel durch Menschenkraft in Bewegung zu setzen. In auffallender Weise war bei der Anlage die gehörige Ausnutzung der vorhandenen Wasserkräfte und Niveauverhältnisse übersehen worden, so dass nach der Schätzung meines erfahrenen Begleiters wohl 5' Fall verloren gingen. Auch war der Kasten, in welchen das Wasser des oberschlächtigen Rades sowohl, als das aus der Grube heraufgeförderte sich ergoss, so ungeschickt gemacht, dass immer ein sehr beträchtlicher Wasserstand darinblieb, wodurch abermals ein erheblicher Kraftverlust entstand. Gewöhnlich haben doch reisbauende Völker grosses Geschick in allen Wasserbauten und hier war doppelte Veranlassung, es anzuwenden, da das Treten des Rades nicht nur sehr anstrengend, sondern auch, falls nicht Alle gleichzeitig aufhören, wegen des Rückschlags sehr gefährlich ist und Beinbrüche veranlassen kann. Das erzführende Gestein wird auf einen Haufen zusammengetragen und erst dann geschlämmt und geschmolzen, wenn die ganze Grube leer ist.