Wir durften die Grube nur barfuss, ohne Hut und Sonnenschirm betreten. Es finden noch mehrere andere abergläubische Beschränkungen statt, auch zahlreiche Opfer an Vieh, Geflügel, Goldpapier, Kerzen und Schwärmern, um die Berggeister günstig zu stimmen.
Die Besitzer der grösseren Zinngruben wohnen meist in Malacca; die Arbeiter stehen zu diesen in demselben Verhältniss, wie die Gambirpflanzer in Singapore zu ihrem Patron. Ein Theil dient um die vorgeschossene Passage von China zu tilgen (Sinkay), andere um festen Lohn, 4 bis 5 Ds. per Monat und Kost. Alle haben aber einen, wenn auch noch so kleinen Antheil am Ertrag. Die Zinngewinnung nimmt mit jedem Jahre zu. Einige Gruben sind so ergiebig, dass sie nach Blundell den Eindruck machen, als würden harte Thaler aus einer grossen Vertiefung ausgeschaufelt. Solche Erfolge veranlassten eine grosse Ausbreitung dieses Bergbaues. Nach Blundell, der als ehemaliger Guvernör genau unterrichtet ist, deckt aber die Hälfte der Unternehmungen kaum die Kosten; eine Hälfte giebt mässigen Gewinn und nur 4 oder 5 sind Haupttreffer in dieser Lotterie; denn eine solche ist nach seiner Ansicht dieser Erwerbszweig in seinem gegenwärtigen Betrieb. Der Reiz des Spiels hat aber die Aufschliessung vieler neuen Gruben zur Folge gehabt. Die Erlaubniss zum Bergbau giebt die Regierung gratis, sie erhebt aber ein Zehntel des gewonnenen Zinns als Abgabe, und verpachtet diese Steuer, wie das Opium und Branntweinmonopol dem Meistbietenden. Zur Verhinderung des Schmuggelns wird solches Zinn, von welchem die Abgabe entrichtet ist, gestempelt, und steigt dadurch um 8 bis 9% an Werth, da ungestempeltes Zinn in England höheren Eingangszoll zahlt.
Nach dem unangenehmen Eindruck, den die Malayen von Lingi auf uns gemacht, waren mir einige Ausflüge im Gebiet von Malacca doppelt angenehm, weil ich dabei dies Volk von einer ganz andern, sehr vortheilhaften Seite kennen lernte. Ich wohnte in kleinen Hütten, mitten im Walde, bei armen Leuten, die mir den besten Platz im Hause und die besten Matten einräumten, sehr bescheiden, gefällig und höflich waren, doch immer ohne jene Zeichen hündischer Unterwürfigkeit, mit denen viele andere Asiaten so freigebig sind, wenn sie dadurch eine Gunst zu erlangen hoffen. Es scheint, dass zwischen den alten Ansiedlern holländischer Abkunft und den auf ihrem Gebiet wohnenden Malayen ein auf gegenseitiges Zutrauen gegründeter freundschaftlicher Verkehr stattfindet, jedenfalls bestand ein solcher zwischen meinem Freunde W. B. und seinen Insassen. Die einfachen Sitten und die Biederkeit dieser Ackerbau treibenden Malayen waren mir um so wohlthuender, je weniger ich diese Eigenschaften erwartet hatte. In Lingi, dessen Bewohner von mehr oder weniger gesetzlichem Handel, Erpressungen und gelegentlichen Räubereien leben, traten ihre gehässigsten Eigenschaften hervor, aber auch in Singapore werden die besseren Züge ihres Wesens von dem Golddurst, der dort Alle ergreift, in den Hintergrund gedrängt.
Die Ausflüge um Malacca sind sehr angenehm und für den Sammler lohnend. Zwischen dem Lingi- und Kassangfluss, die das Gebiet begrenzen, ergiessen sich ausser mehreren Bächen der Malacca- und der Dujongfluss (nach letzterem ist die Seekuh Halicore Dugong benannt, wobei aber irrthümlich das j in ein g verwandelt worden). Beide Flüsse sind für Kähne auf mehrere Miles weit zugänglich. Ihre Ufer wimmeln von Krokodilen, in den Bäumen klettern Vögel, Schlangen, Eichhörnchen und Affen umher, und man ist sicher, mit reichlicher Beute zurückzukehren, wenn man mit einer Vogelflinte versehen, auf einem aus einem einzigen Baumstamme gezimmerten Kahne in die Tiefen des Waldes eindringt. Ich habe nie so viele Baumschlangen gesehen, als am Malaccafluss. In einer halben Stunde hätte ich ein Dutzend schiessen können. Sie lagen meist aufgerollt auf das Wasser überragenden Zweigen, von welchen sie sich herabfallen liessen und behende weiter schwammen, wenn sie Gefahr im Anzuge glaubten. Das Zigeunerleben im Walde, so nahe einer Hafenstadt, in der man sich immer wieder mit Vorräthen, sogar mit Luxusgegenständen versehen kann, in Begleitung eines gelehrigen, bescheidenen Dieners, unter gefälligen, sanften Eingebornen war so angenehm, dass ich es jedem Touristen aufs angelegentlichste empfehlen möchte. Wir durchstreiften den Wald nach allen Richtungen, im Boot oder zu Fuss, und kehrten oft erst spät Abends beim Schein der Dammarfackeln nach unserm Lagerplatz zurück, um das Gesammelte zu präpariren.
Der Grund, warum tropische Länder, die jetzt so leicht zu erreichen sind, so selten besucht werden, liegt, wie ich glaube, besonders in der Furcht vor dem Klima, den Giftschlangen und dem Ungeziefer. Die ungesundesten Gegenden sind aber immer den in der Nähe Wohnenden bekannt, und können gewöhnlich von dem, der nur zum Vergnügen reist, vermieden werden. Uebrigens ist eine gewisse Mässigkeit in allen Genüssen, ohne strenge Enthaltung, bei gehöriger Bewegung und angenehmer Beschäftigung ein anerkanntes Mittel, Krankheiten fern zu halten; gegen die gefürchtetsten, Fieber und Dysenterie, pflegen Chinin und Opiumtinktur, zeitig angewandt, zu helfen. Das Leben in den Hafenplätzen ist den Europäern freilich weniger zuträglich. Sie arbeiten dort lange und oft angestrengt in Kontoren, halten reichliche Mahlzeiten, geniessen stark gewürzte, den Durst reizende Speisen und geben sich wohl noch andern Excessen hin. Auch die europäische Kleidung, die schon bei uns weder schön noch besonders zweckmässig ist, wird hier zu einer wahren Plage und der Gesundheit nachtheilig. Im Walde kleidet man sich, wie man will. Nach mehreren Versuchen nahm ich später einen Anzug an, den ich als besonders zweckmässig empfehlen kann: Hose und lange Jacke von blauem Kattun (weiss würde alle Thiere verscheuchen), Schuhe aus Segeltuch und einen chinesischen Hut in Form eines Helms. Die Jacke vertritt zugleich die Stelle des Hemdes, ist ungefüttert, enthält aber mehrere Taschen. Strümpfe sind sehr unbequem, barfuss gehen schwer zu lernen, Segeltuchschuhe sind am zweckmässigsten. Reitet man durch einen Fluss, so zieht man sie aus und hat dann gleich wieder trockene Füsse. So lange man geht, schaden nasse Füsse nicht. Kommt man Abends ins Quartier, so wechselt man den ganzen, gewöhnlich von Schweiss oder Regen durchnässten Anzug, und wäscht alles, mit Ausnahme des Hutes; am andern Tag ist alles wieder trocken. In einer so dünnen Hülle, die so leicht gewechselt und gewaschen wird, belästigt die Hitze fast gar nicht. Es verschwinden zugleich fast alle Terrainschwierigkeiten; denn es ist ziemlich gleichgültig, ob man auf dem Trocknen, im Sumpf oder im Wasser geht. Der Hut, der wegen seiner Zweckmässigkeit eine besondere Beschreibung verdient, besteht aus dem Mark eines Baumes, angeblich Aeschynemone aspera, so porös, leicht, die Wärme schlecht leitend, wie Holundermark. Er ist von grösserem Umfang als der Kopf, man trägt ihn vermittelst eines zollbreiten, geflochtenen Ringes, der innerhalb des Hutes an seinem unteren Rande angebracht, und nur an drei oder vier Stellen so mit ihm verbunden ist, dass die Luft ringsum zwischen Hut und Kopf zirkuliren kann. An der hinteren Seite hängt eine kurze Gardine, um den Nacken gegen die Sonne zu schützen. Der Ueberzug besteht aus hellem Seidenbast, der des breiten unteren Randes aus blauem oder grünem Stoff, um die Augen zu schützen.
Die grosse Furcht vor Schlangen und reissenden Thieren ist ganz ungerechtfertigt. Alle Thiere fürchten sich vor dem Menschen; auch sind die meisten Schlangen giftlos, und alle ziehen sich gewöhnlich bei Zeiten zurück, wenn sie Menschen kommen hören. Wie schwer sie anzutreffen sind, erfährt man am besten, wenn man ihnen eifrig nachstellt. Wir suchten immer nach ihnen; ich zahlte für das Stück 6 pence oder 1 shilling und dennoch habe ich in vier Jahren kaum einige hundert zusammengebracht. Ist erst die Furcht vor ihnen verschwunden, die wohl jeder, der viele Reisebeschreibungen gelesen hat, empfindet, wenn er zum ersten mal den tropischen Wald betritt, so sind sie leicht zu fangen: mit einem Schlag tödtet man sie, auch ist es nicht schwer, sie lebend zu fangen, wenn man sie mit einem Stock gegen den Boden drückt, und sie dann unmittelbar hinter dem Kopf fest anpackt. Die Diener, die mit mir waren, hatten anfänglich immer die grösste Furcht vor allen, auch den ganz harmlosen Schlangen; besonders gefürchtet war die Zunge, die für sehr giftig gilt. Hatten sie aber erst einmal gelernt, wo die Giftzähne sitzen, und sich überzeugt, dass das Thier sonst wehrlos ist, so trat an die Stelle der früheren Furcht eine solche Dummdreistigkeit, dass ich oft Unglück befürchtete. Tritt man unversehens auf eine im Kraut verborgene Schlange, so beisst sie wohl aus Nothwehr, das ist aber auch fast die einzige Gefahr, der man von ihnen ausgesetzt ist, und diese Gefahr ist namentlich für Europäer gering, die gewöhnlich mehrere Personen im Gefolge haben, deren Lärmen die Thiere früh genug warnt.
Von Insekten wird man in Indien viel weniger geplagt als im Süden Europas. Flöhe giebt es nicht, die Läuse der Eingebornen suchen den Europäer nicht heim; dies ist besonders sehr auffallend in den Philippinen, wo die Eingebornen sehr viel reinlicher als die Spanier sind. Jene baden sich täglich und pflegen ihr schönes Haar, während diese in beidem nachlässiger sind, doch haben die Tagalen, namentlich die Frauen, fast immer Ungeziefer im Haar, die Spanier wohl nie.
Gegen alle lästigen Insekten aber und namentlich auch gegen die gefürchteten Moskitos schützt vollkommen das Insektenpulver, wie es auch von Sammlungen die Ameisen fernhält. Eine Tinktur aus 1 Theil Insektenpulver (Pyrethrum roseum), 2 Theilen Alkohol, 2 Theilen Wasser schützt, selbst noch zehnfach mit Wasser verdünnt, alle Körpertheile, die damit benetzt werden, absolut gegen jeden Angriff. Auf den wegen der Moskitos so sehr verrufenen Flüssen von Siam schlief ich oft ohne Moskitonetz ganz nackt in meinem Boot, ohne im Geringsten belästigt zu werden; das Summen, welches sonst jeden Schlaf verscheucht, weil es die Nähe des zum Angriff bereiten Feindes verräth, wird zu einer harmlosen Musik, die einen im Bewusstsein der Sicherheit um so leichter einschläfert. So schützt Benetzung des Bartes und der Hände den Jäger auf der Wasserjagd gegen Mücken, selbst bei der starken Transpiration im dortigen Klima wenigstens 12 Stunden. Besonders interessant ist auch die Wirkung auf die in tropischen Ländern so sehr zahlreichen Ameisen. Vor den Fenstern meiner Wohnung in Albay, auf Luzon, lief ein 6 Zoll breites Brett ringsum das ganze Haus. Auf demselben bewegten sich zwei dicht gedrängte Züge einer schwarzen Ameise in entgegengesetzter Richtung ununterbrochen dicht neben einander hin, so dass die Oberfläche gleichmässig schwarz erschien. Ein handbreiter Streifen dünn gestreuten Pulvers oder verdünnter Tinktur genügte, um sie alle zu vertreiben. Zuerst stauten sich die Züge am Rande des Streifens, dann überschritten ihn die Vordersten, von den Nachfolgenden gedrängt; aber schon wenige Zoll weiter zeigten sich die Merkmale der Vergiftung; sie taumelten, setzten sich auf die Hinterbeine, bewegten ängstlich die Vorderbeine und starben nach einer oder zwei Minuten. Bald darauf verliessen alle das Haus.
Auch die in den Philippinen so verbreitete Krätze wird durch Waschen mit der konzentrirten Tinktur schnell beseitigt; — das Jucken hört augenblicklich auf. Die fast magische Wirkung des für Menschen ganz unschädlichen Mittels scheint noch völlig unaufgeklärt. Es ist gleich wirksam als Pulver, als Tinktur und als Räuchermittel. Ein befreundeter Chemiker sagt mir, dass es ihm trotz der grössten Sorgfalt nicht gelungen sei, ein Alkaloid oder sonst eine eigenthümliche Substanz darin zu finden, der man die Wirkung zuschreiben könnte.
Bei meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, einen grossen Leichenzug zu sehen, von dem man schon lange viel gesprochen hatte. Die Mutter eines der reichsten Chinesen war vor einigen Monaten gestorben, und heute wurde ihr einbalsamirter Körper in die Familiengruft gebracht. Fast die ganze Stadt betheiligte sich daran. Der Resident-Councillor und alle Magistratspersonen folgten dem Zuge, der indessen hinter den hochgespannten Erwartungen zurückblieb. Er bestand aus einer langen Reihe Chinesen in weissen und blauen Trauerkleidern; einige ritten auf Pferden, die auch mit weissen oder blauen Zeugen behangen waren. Sieben geschlachtete Schweine und sieben Ziegen, je von 4 Kulis getragen, folgten, um draussen verspeist zu werden. Viel feierlicher als die Schweine sahen die Ziegenböcke aus, die bis auf die schwarze Mähne und den schwarzen Bart ganz kahl gebrüht waren. Lärmende Musik ging dem Sarge voraus, der in einem geräumigen Zelt von äusserst kostbar gesticktem Seidenzeug enthalten war, ihm folgte eine grosse Masse Volk, meist Chinesen, und zuletzt die nähern Verwandten in Sackleinen und die Nachbarinnen im blauen Hauskleide, ein weisses Tuch über die Schulter geworfen.