19. Juli. Um 5 Uhr früh ritt ich von Trogon an der gestern besuchten heissen Quelle vorbei, dann durch ein Bambuswäldchen und noch eine kurze Strecke den Abhang des Guntur hinauf. Der eigentliche Kegel, ein grosser Schutthaufen, kann nur zu Fuss erklommen werden. Der Doktor und der Kontrolör begleiteten mich eine Strecke weit. Eine Schaar Reiter hatte sich angeschlossen und eine noch grössere Menge von Begleitern zu Fuss. Jeder wollte etwas tragen; Einer hatte die Karte, Andere die Hämmer genommen; brauchte man etwas, so war nichts zur Hand. Das sind die Unbequemlichkeiten der Vornehmen.
Mit nur wenigen Begleitern erreichte ich um 91/2 Uhr den Gipfel, dessen flach gewölbte Decke aus Sand und Rapilli besteht, und von einem grossen Krater durchbohrt ist. Sehr auffallend trat hier die von Junghuhn so deutlich hervorgehobene Erscheinung der mit dem Kraterrande konzentrischen Risse hervor. Die dem Rande nächsten bildeten bereits eine tiefe senkrechte Kluft, das durch sie abgetrennte Stück Bergwand war nahe daran in den Abgrund zu stürzen. Durch solche Einstürze wird der Krater regelmässig erweitert. Seine Wände sind oben senkrecht, weiter unten durch die hinab stürzenden Schuttmassen trichterförmig. In dem ganzen weiten Kessel ist nicht ein Dike[62] wahrzunehmen, und aus der Abwesenheit derselben, die andere Vulkane wie ein Gerüst durchsetzen und ihnen Festigkeit geben, erklärt sich die hier so prägnant hervortretende Erscheinung des regelmässigen Einstürzens der Wände. Aus allen Spalten, die mit der Entfernung vom Rande immer schmäler werden, drangen heisse Wasserdämpfe mit Chlorwasserstoff hervor; ich schätzte ihre Temperatur auf 40° R. Der Abhang hat 22 bis 24° Neigung; das Hinabsteigen ging schnell und bequem: wir kamen auf einen Streifen losen Gerölles, auf dem man stehend durch seine eigene Schwere hinabrutschte, indem man allmälig tiefer darin einsank; man hatte sich dann nur wieder oben aufzustellen, um auf dieselbe Weise ohne alle Bemühung eine grosse Strecke weiter befördert zu werden.
Nachmittags fuhr ich mit dem Doktor nach Garut, der Residenz des Regenten, und da dieser in Folge eines Missverständnisses nicht anwesend war, Abends nach Trogon zurück. Unterwegs sahen wir eine sinnreiche Verwendung der Wasserkraft, um einen Erdhügel nach einer mehrere tausend Fuss entfernten Stelle zu schaffen. Man hatte einen in der Nähe vorbeifliessenden Bach gegen den Hügel gelenkt, so dass er denselben unterspülte: Büffel traten die überhängende Erde in das Wasser, welches sie weiter führte bis zu der Stelle, wo eine kleine Mulde damit ausgefüllt werden sollte. Dort war ein grosses Gitter von Bambus und Reisig angebracht, welches die Erde wie in einem Sieb zurückhielt, das Wasser durchliess.
20. Juli. Von Trogon ritten wir über Pasir-kiamis, wo in der Nähe des Pasanggrahans eine heisse Schwefelquelle hervorbricht, in südwestlicher Richtung durch herrlichen Hochwald auf einem neugebahnten Pfade nach Kawa-manuk, einer Solfatara in trachytischem Gebirge mitten im üppigsten dichten Walde. Sie soll erst 1772 bei dem Ausbruch des Papandayan entstanden sein. Der ganze Boden ist im Umkreis von ein paar tausend Fuss Durchmesser durch Wasser und heisse Dämpfe unterwühlt. Stösst man ein Loch durch das zersetzte Gestein, so brechen beide mit Gewalt hervor. Man muss durch vorsichtiges Tasten die Stellen aufsuchen, die noch aus hartem Gestein bestehen; denn wer durch die dünne Kruste bräche, würde in dem heissen Schlamm seinen Tod finden. Ich sah vier grössere Becken von 20 bis 30 Fuss Durchmesser, in welchen der dünne, dunkelgraue Schlamm hoch aufbrodelte; zuweilen spritzte er zwei Fuss hoch. In andern Tümpeln war das Wasser bereits verdampft und hatte eine feingeschlämmte Thonmasse zurückgelassen. An unzähligen Stellen brachen Wasser und Wasserdämpfe hervor. Das Wasser enthielt viel Schwefelwasserstoff. Ausser Schwefel, der sich ziemlich reichlich in kleinen Krystallen gebildet hatte, fanden sich nur noch Gyps und Alaun in geringer Menge. Der Trachyt kommt in allen Stufen der Zersetzung bis zum reinen Kaolin vor. Mitten zwischen den kochenden Schlammsprudeln und giftigen Gasen grünten und blühten noch einige Sträucher, darunter einige schöne rothe Rhododendren, während enorme Bäume von Laub und Rinde entkleidet, verdorrt und gebleicht am Boden lagen und ihre Aeste emporstreckten. Den grellsten Kontrast mit dieser Scene der Verwüstung bildete der üppige Wald, der sie dicht umgab.[63]
Als wir in den Pasanggrahan von Pasir-kiamis zurückkehrten, fanden wir ein vortreffliches Mittagessen für uns aufgetragen, eine Aufmerksamkeit des Regenten von Garut, die um so überraschender war, als das Haus tief im Walde liegt. Von hier ritten wir südöstlich bis Tjisirupan, auf neuen Bambusbrücken viele Bäche überschreitend, die in westöstlicher Richtung aus dem vulkanischen Waldgebirge in den Tjimanuk eilen, welcher das herrliche Thal von Trogon und Garut bewässert. Der letzte Theil des Weges führt über das untere Ende der Schuttmassen, die sich in einem grossen Bogen bis zum Krater des Papandayan verfolgen lassen. Dieser Vulkan hat in historischer Zeit nur einen, aber einen furchtbaren Ausbruch gehabt. Im Juli 1772 wurde plötzlich ein grosser Theil des bisher kegelförmigen Berges zertrümmert und ungeheure Steinmassen, der Neigung des Bodens folgend, schoben sich bis in das Thal von Garut, vierzig Dörfer verwüstend, und fast 3000 Menschen begrabend.
In Tjisirupan standen muthige Bergpferde bereit, die uns nach Tjikatjang brachten, einer 3770 Fuss hoch, in fast gleicher Entfernung vom Gunong Papandayan und Tjikorai, am südlichen Abhang des sie verbindenden Sattels gelegenen Theepflanzung, wo uns der Vorsteher, ein junger Holländer, auf das zuvorkommendste aufnahm. Von dem Betriebe derselben sahen wir nur wenig, da wir am andern Morgen in Begleitung unseres freundlichen Wirthes den Papandayan besuchten. Der Theestrauch war ganz niedrig und kugelig gehalten, so dass die Pflanzung aus einiger Entfernung wie ein grosses Kohlfeld aussah. Tjikatjang ist eine der grössten Theeplantagen auf Java und beschäftigt gegen 1000 freie Arbeiter, deren Fleiss der Vorsteher sehr lobte.
Die Theekultur ist, ebenso wie die Erzeugung der meisten andern Produkte für den europäischen Markt, von der holländischen Regierung in Java eingeführt worden, und zwar erst seit 1835. Sie bildete einen Zweig des „Kultur-Systems” und der Thee gehörte zu der Klasse von Erzeugnissen, bei welchen, weil seine Herstellung bedeutende Sorgfalt erfordert, die Vermittelung intelligenter Europäer für nöthig erachtet wurde. Die Regierung, die zwar auch selbst Thee baute, wies geeigneten Personen das nöthige Land an, stellte ihnen die erforderlichen Frohnarbeiter zur Verfügung, schoss ihnen Kapital zinsfrei vor, verpflichtete dagegen die Kontrahenten, ihr die Hälfte der Ernte zu einem bestimmten Preis zu liefern, während ihnen über die andre Hälfte freie Verfügung zustand. Die ersten Versuche fielen sehr ungünstig aus, der Thee war von schlechter Beschaffenheit, die Regierung hatte grosse Verluste; die Unternehmer richteten sich meist zu Grunde. 1849 wurden neue Verträge abgeschlossen; die Kontrahenten übernahmen es, den Thee ohne Zwangsarbeiter oder sonstige Hülfe der Regierung zu bauen, wogegen diese sich verpflichtete, das Fabrikat zu einem etwas höheren Preise abzunehmen. Sie glaubte wohl, dass ohne Zwangsarbeit wenig geliefert werden würde, es fand aber das Gegentheil statt; die Kontrahenten, die inzwischen den Betrieb genau kennen gelernt hatten, wussten die Bedingungen gut auszunützen und machten glänzende Geschäfte, so dass eine Theepflanzung zu den gewinnbringendsten Unternehmungen auf Java gehörte. Wie gross der Gewinn gewesen sein muss, lässt sich unter anderm daraus schliessen, dass der Vorsteher der Theepflanzung Tji-katjang, unser Gastfreund, als einige Jahre später, nach dem Tode des Besitzers, der Kontrakt meistbietend versteigert wurde, 600,000 Gulden bot, und dennoch überboten wurde, obgleich der Vertrag nur noch 3 Jahre gültig war. Zur Zeit, als die Kontrakte umgeändert wurden (1849?), erhielt man 319 ℔ Thee per Bau (1 Bau = 500 □Ruthen) zum Bruttowerth von 0,572 Gulden per ℔, 1854 dagegen 548 ℔ zum Werth von 0,821 Gulden d. h. 80% mehr Produkt von 40% höherem Werth.[64] Die Regierung hatte von dem grossen Fortschritt freilich keinen Vortheil, denn da der Preis, den sie dem Fabrikanten in Java zahlte, höher war, als der Marktpreis in Europa, trotz der hinzugekommenen Spesen, so wurde ihr das ganze Fabrikat abgeliefert, und ihr Verlust war um so grösser, je besser die Ernte ausfiel. Die vor Kurzem erloschenen Verträge sind daher nicht wieder erneuert worden.[65]
Der anfänglich sehr schlechte Javathee hat sich durch Verbesserung der Kultur und Fabrikation sehr gehoben, sein Hauptmarkt ist Holland und Ostfriesland, er ist herber und stärker als Chinathee und steht in dieser Beziehung dem Assamthee näher, ohne ihm jedoch an Wohlgeschmack gleichzukommen. Nach dem Urtheil Sachverständiger wird er wohl im Stande sein, nach Aufhören der Kontrakte seinen Platz auf dem Markt zu behaupten und wahrscheinlich an Güte gewinnen, da das Publikum nur nach dem wirklichen Werth, nicht nach einem mehr oder weniger genau umschriebenen Schema zahlt.