Zweites Kapitel.

Reise nach Trogon. — Strassen. — Waringibäume. — Bogenschiessen. — Religion der Javanen. — Vulkan Guntur. — Erdtransport durch Wasser. — Solfataren. — Theebau. — Vulkan Papandayan. — Telaga bodas. — Kaffeebau. — Schattenspiel. — Hirschjagd. — Malayische Küche. — Tänzerinnen in Sumedang. — Gamelang-Musik.

Da der gefällige Arzt, der seit Padjet seinen Wagen mit mir getheilt, grade eine Dienstreise nach Garut vor hatte und mir anbot ihn zu begleiten, so arbeitete Junghuhn für mich einen Reiseplan aus, der sich möglichst an jene Reise anschloss und mir Gelegenheit gab, einige interessante geognostische Excursionen zu machen. Nachmittags kehrten wir nach Bandong zurück.

Unterwegs gingen vor uns einige Frauen mit Sonnenschirmen. Als der uns begleitende Amtsdiener sie gewahrte, rief er „payong!” (Schirm), worauf sie alsbald die Schirme zumachten und in voller Sonne an der Seite des Weges niederkauerten, indem sie ihr Gesicht abwandten. Die Frauen begnügen sich nämlich nicht, wie die Männer mit dem Niederkauern, sondern wenden als einen gesteigerten Ausdruck der Unterwürfigkeit den Europäern den Rücken zu. Die kleinen Jungen machen es wie ihre Mütter und nehmen aus Ehrerbietung eine Stellung an, die, da sie keine Hosen tragen in Europa eher für den Ausdruck des Gegentheils gelten würde.

Abends war in Bandong „Receptie”, wobei mir, wie später noch oft bei ähnlichen Gelegenheiten, das elegante Französisch auffiel, welches in den gebildeten Kreisen sehr allgemein zu sein scheint. Deutsch verstehen auch die Meisten, englisch nur sehr Wenige. Auch sind die Engländer wenig beliebt, das Volk nennt sie eine „Natie (spr. nazie) van Zeeroovers”, doch scheint trotzdem eine grosse gegenseitige Hochachtung zu bestehen, wie sie sich wohl bei so langer zäher Nebenbuhlerschaft entwickeln musste.

18. Juli. Der Blitz hat die Brücke über den Tjigaro zerstört; eine Depesche meldet, dass sie vor eilf nicht hergestellt sein kann; so fahren wir denn erst um 9 Uhr ab. Unsere Reise geht nach Trogon über die ganze Ebene von Bandong. Links treten die sie nördlich einfassenden Berge dicht an die Strasse, rechts breitet sich die grüne Fläche aus, ein ungeheures Reisfeld. In dem Pasanggrahan einer jeden Distriktsstadt stehen Erfrischungen für uns bereit: Thee, Wein, Obst und Gebäck. Der Bedana (Distriktshäuptling) macht die Honneurs des Hauses, darf aber nicht das Zimmer betreten ohne besondere Einladung der Reisenden und darf sich nur setzen, wenn ihm ein Stuhl angeboten wird; sein Gefolge kauert am Boden.

Durch das ganze Land führen schöne fahrbare Strassen, deren erste Anlage man dem Marschal Daendels verdankt, der 1808–11, als Holland eine französische Provinz war, hier schaltete. Sein Gedächtniss wird noch lange in Java fortleben wegen der Energie, Willkür und Grausamkeit, die ihn auszeichneten. Die Javanen nennen ihn tuwan- (Herr) besar- (gross) guntur (Donner).[60] Die Flüsse werden theils auf Fähren, theils auf Brücken überschritten. Letztere sind auf belebten Strassen aus Holz und überdacht, gewöhnlich aber aus Bambus und, wenn auch nicht sehr dauerhaft, doch schnell wiederherzustellen. Reist ein hoher Beamter in wenig besuchten Gegenden, so sind oft Tage vorher hunderte von Menschen thätig, um Wege durch den Wald zu bahnen und Brücken zu schlagen. Ausser der Art wie ein König zu reisen kann man nur noch zu Fuss oder zu Pferde fortkommen. Eilwagen und Omnibus sind mit Ausnahme einiger ganz kurzen Strecken nicht vorhanden.

Mittags erreichten wir Trogon, am SO. Abhang des noch thätigen Vulkanes Guntur. Wir stiegen bei dem Kontrolör ab, dessen Haus am Alun-alun liegt, einem grossen viereckigen schön gehaltenen Rasenplatz, wie ihn jeder grössere Ort in Java besitzt. Gewöhnlich stehen auf demselben einige Waringibäume (Ficus benjamina und F. indica), unter deren weitem Schattendach oft ein Trupp Reiter Platz hat. Diese herrlichen Bäume können mit ihrem dichten Laubdach einen ausserordentlich grossen Raum überspannen. Von den horizontalen Aesten gehen Luftwurzeln aus, die wenn sie den Boden erreichen, darin Wurzel schlagen und dann die Funktion selbstständiger Stämme verrichten, obgleich sie immer noch mit der Mutterpflanze zusammenhängen (vergl. S. 13 Rhizophoren); oft verschlingen und verstricken sich viele solcher Luftwurzeln in der Nähe ihres Ursprungs, während sie noch dünn sind und wachsen dann zu einer einzigen sonderbar gewundenen Säule zusammen; auf dieselbe Weise bilden sich zwischen den Säulen Bögen, die um so flacher sind, je entfernter von einander die zu einer solchen Säule verwachsenen Luftwurzeln entsprangen. So entstehen herrliche natürliche Tempel mit Säulengängen, grossen und kleinen Hallen, von einer gewöhnlich sehr regelmässig geformten flachen Laubkuppel überwölbt. Es ist kein Wunder, wenn die Phantasie der Menschen sie überall zu Wohnungen überirdischer Wesen erkor. Der grösste Waringibaum auf Java soll sich in Bantam befinden; noch viel grössere kommen in Indien vor, wo sie häufig von den Brahmanen als Tempel benutzt werden; überall werden sie in hohen Ehren gehalten.[61] Forbes, Oriental Memoirs I 25 erzählt von einer solchen Feige (F. microcarpa?) an den Ufern des Nerbudda: ... „Hohe Fluthen haben zu verschiedenen Zeiten einen beträchtlichen Theil dieses ausserordentlichen Baumes fortgerissen, aber das was noch steht hat, um die Hauptstämme gemessen, fast 2000 Fuss Umfang. Die überhängenden Zweige, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, bedecken einen viel grösseren Raum, darunter wachsen Anonen und andre Fruchtbäume. Es sind an 350 grössere und über 3000 kleinere Stämme vorhanden; ein jeder sendet fortwährend Aeste und herabhängende Wurzeln aus, um neue Stämme zu bilden.... Der Häuptling von Putnah pflegte unter diesem Baum mit grosser Pracht zu lagern; er hatte einen Empfangssaal, Speisesaal, Gesellschaftssaal, Schlafzimmer, Bäder, Küche und alle übrigen Räumlichkeiten, jede in einem besonderen Zelte; dennoch bedeckte dieser herrliche Baum das Ganze zusammen mit den Wagen, Pferden, Kamelen, Wächtern und Dienern; während seine weitreichenden Aeste schattige Stellen boten für die Zelte seiner Freunde mit ihren Dienern und ihrem Vieh; und es ist bekannt, dass der Baum bei dem Marsche eines Heeres 7000 Mann Obdach gewährt hat.”

Am Alun-alun liegen fast immer die Moschee und die Häuser der ersten inländischen Beamten. Auf einer Seite steht der Bobantjong, eine um mehrere Stufen erhöhte Plattform, unter einem von Säulen getragenen Ziegeldache. Auf dieser Tribüne pflegen die Regenten den Festen und Volksversammlungen beizuwohnen, die in Folge des javanischen Gemeinwesens periodisch auf diesen Plätzen stattfinden. Heute war die Tribüne von einem Musikcorps eingenommen. Von Zeit zu Zeit wechselte die wohlklingende, obgleich etwas einförmige Gamelangmusik mit einem Sängercorps ab, das auf der andern Seite des Platzes im Schatten eines Waringibaumes lagerte. In einiger Entfernung vor unserm Hause sassen einige Häuptlinge behaglich auf dem Rasen, umgeben von ihren Dienern und schossen mit Pfeil und Bogen nach einem sechzig Schritt entfernten Ziel. Die Bogen sind kaum 31/2 Fuss lang und werden horizontal gehalten. Viele schiessen gleichzeitig, so dass immer eine Menge Pfeile in der Luft schweben, nur wenige trafen die Scheibe. Sind alle Pfeile verschossen, so laufen kleine Jungen herbei und bringen ihren Herren die an der verschiedenen Farbe der Federn kenntlichen Geschosse zurück. Frauen waren bei dem Feste nicht anwesend.

Gegen Abend besuchten wir eine drei Paal entfernte, in einer Schlucht des Guntur gelegene warme Quelle. Sie ist rings von hohen üppig bewachsenen Felsen umgeben; ein Riesenbaum beschattet sie so wie zwei sehr zierliche Bambus-Tempel, in denen ein Paar fromme Eingeborne ihre Andacht verrichteten. Die Javanen sind sehr oberflächliche Muhamedaner, etwa so wie die Indianer der spanischen Kolonien Christen sind. Der Islam hat bei ihnen keine tiefen Wurzeln geschlagen, neben ihm aber sind grossartige Naturerscheinungen, die einen tiefen Eindruck auf ihr Gemüth machen, Vulkane, warme Quellen, auch Waringibäume, Gegenstände religiöser Verehrung. Sie glauben sie von Geistern bewohnt und bringen ihnen Opfer. Mit wirklicher Innigkeit verehren sie auch Alterthümer aus der Hinduzeit, besonders solche, deren Kunstwerth die Leistungen der heutigen Javanen so unendlich übertrifft, dass sie von ihnen für die Werke höherer Wesen gehalten werden. Von den strengen Muhamedanern unterscheiden sie sich besonders sehr vortheilhaft durch völlige Duldsamkeit; die Frauen gehen unverschleiert und verkehren mit den Fremden so frei wie in Europa.