PANGERANGO VOM MEGAMENDONG. JAVA.
Hinter Levimalam gelangt man an den Fuss des Megamendong, der die Grenze zwischen der Residentschaft Buitenzorg und den Preanger Landen bildet. Die Strasse überschreitet ihn mit Verschmähung fast aller Zickzacklinien auf einem Pass von 4620 Fuss. Daher ist dies Joch für Lastwagen nicht übersteigbar; leichte Postchaisen gebrauchen einen Vorspann von 6 Büffeln; der Güter-Transport geschieht durch Lastträger, und wird dadurch so vertheuert, dass er sich auf unentbehrliche Gegenstände beschränken muss. Nur auf grossem Umwege und nicht zu allen Jahreszeiten können die reichen Erzeugnisse des Ackerbaues aus den Preanger Landen Batavia erreichen. Auf schwierigen Gebirgswegen werden sie in Büffelkarren nach Tjikao, an die Grenze der grossen nördlichen Ebene, geschafft, und setzen von dort auf dem durch Aufnahme mehrerer Bäche für Prauen schiffbar gewordenen Tjitarum in einem grossen Bogen und vielen Windungen die Reise bis ins Meer, und dann zur See nach Batavia fort. Da die Transportmittel so unvollkommen und der Boden in den Preanger Regentschaften sehr fruchtbar ist, so sind dort alle Lebensbedürfnisse sehr billig; der Pikul Reis kostet selten mehr als 11/2 bis 2 fl.; es herrscht keine sichtbare Noth, aber auch kein Wohlstand, und grosse Einfachheit der Sitten.[58] Ein schmaler kühler Waldweg führt nach einem nahe gelegenen kleinen See, Telaga-warna, einem alten Kraterbecken. Die steilen Wände sind mit dichtem Wald bekleidet, zwischen den Hochstämmen viele Baumfarne, wilde Musen und Scitamineen. Die alten Bäume sind mit kletternden Farnen, Moosen und blühenden Orchideen bedeckt. Das Wasser ist spiegelglatt, nicht ein Laut ertönt, um das Gefühl der Waldeinsamkeit zu stören. Die Strasse steigt an der Südostseite des Jochs hinab: tiefe Schluchten erlauben häufig einen Einblick in die Struktur des Berges. Es wurde dunkel, bevor wir Tjipanas erreichten, nach einer heissen Quelle benannt, die hier in 3390 Fuss Höhe am nördlichen Abhang des Pangerango oder Gedeh-Gebirges hervorbricht. Hier steht ein einfaches Landhaus mit einem grossen Garten für den General-Guvernör, der zwar nur selten Zeit hat, die Besitzung zu besuchen; der Garten liefert ihm aber in dieser Meereshöhe unter Leitung eines europäischen Gärtners eine solche Fülle der feinsten europäischen Gemüse für die Tafel, dass immer noch sehr viel für etwa Durchreisende übrig bleibt, die das Glück haben, in der Wohnung des Gärtners Aufnahme zu finden. Heute gelang es nicht. Wir ritten nach dem einen Paal weiter entfernten Padjit, wo ein Pasanggrahan steht, d. h. ein geräumiges Haus mit Nebengebäuden zur Aufnahme der im Dienste der Regierung reisenden Beamten. In allen grösseren Orten giebt es Gasthäuser, in denen nicht mehr als 5 Gulden für den Tag und die Person gefordert werden darf. An solchen Orten, wo die Frequenz der Reisenden zu gering ist, um die Kosten zu decken, macht die Regierung die nöthigen Zuschüsse; an weniger besuchten Orten, besonders in den Kaffeedistrikten, sind für die kontrolirenden Beamten Pasanggrahans angelegt. Hier traf ich einen mir schon dem Namen nach bekannten deutschen Arzt, der mir für den folgenden Tag einen Platz in seinem Wagen zur Reise nach Tjandjur und Bandong anbot, was dankbar angenommen wurde.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit meinem neuen Bekannten, welcher „Officier van Gezondheid” für die Preanger Regentschaften war, vor Tagesanbruch in offenem Wagen vierspännig und von drei Vorreitern begleitet weiter. In Folge des Geräusches, das ein über den Wagen als Sonnendach ausgespanntes Zinkblech verursachte, wurden die Pferde so unlenksam, dass wir, um Zeit zu gewinnen zwei davon ausspannten und zurücksandten. Das Mittel hatte den gewünschten Erfolg. Tjandjur war bald erreicht, wir stiegen im Bungalow des Doktors ab. Während des Frühstücks vertrieben uns zwei zahme Hirsche und zwei Affen die Zeit. Einer der letzteren, ein behender Hylobat, war äusserst drollig und unerschöpflich in Neckereien gegen einen Lotong (Semnopithecus maurus), dem er an Gewandheit sehr überlegen war.
Tjandjur ist die Hauptstadt der Preanger Regentschaften, welche die grösste Provinz Java's bilden und an interessanten geologischen, namentlich vulkanischen Erscheinungen, malerischer Schönheit und schnellem Wechsel zwischen hochkultivirten Ländereien und wilden Gebirgs- und Waldlandschaften von keiner Provinz übertroffen werden. Das ausserordentlich sanfte, liebenswürdige, einfache, biedere Wesen der Bewohner verleiht ihr noch einen ganz besonderen Reiz. Das Verbot des Opiums in dieser Provinz und die Ausschliessung der Chinesen — nur einige sind in den Hauptorten unter der unmittelbaren Aufsicht der europäischen Beamten zugelassen — tragen gewiss wesentlich dazu bei die Sitteneinfachheit aufrecht zu erhalten. Die Provinz fiel den Holländern nicht durch Eroberung, sondern durch Verträge mit den einheimischen Fürsten zu. Als eine Folge davon haben die von ihnen abstammenden Regenten eine etwas unabhängigere Stellung als die in den andern Provinzen, und da sie meistens auch grosse Einkünfte beziehen, so führen sie einen glänzenden Hofstaat, der viele interessante Eigenthümlichkeiten darbietet. Die Bewohner dieser Provinz und des ganzen westlichen Theils von Java sind Sundanesen und haben ihre eigene Sprache. Im östlichen Java wird javanisch gesprochen, an den Küsten malayisch, welches aber auch im Innern so verbreitet ist, dass der Reisende damit ausreicht. Wir machten dem Residenten und übrigen Beamten unsern Besuch. Nachmittags sollte die Umgegend besichtigt werden, was aber wegen heftigen Regens auf den folgenden Tag verschoben wurde.
15. Juli. Morgens 4 Uhr erschien zur Spazierfahrt ein vom Regenten gesandter schöner vierspänniger Wagen mit zwei Livréebedienten vor unserer Thür. Nachmittags machten wir, von mehreren holländischen Beamten begleitet, einen Ritt durch Stadt und Umgegend. Die Häuser der Europäer sind von Stein, einstöckig, geräumig, meist mit einer Säulenhalle versehen, das Erdgeschoss ist nur wenige Fuss über dem Boden erhaben, schöne Gärten umgeben sie. In den von den Eingebornen bewohnten Stadttheilen herrscht nicht nur grosse Sauberkeit, auch Zierlichkeit macht sich überall bemerkbar. Die Wände der Häuschen aus gespaltenen, plattgedrückten, theils weissen, theils schwarz gefärbten Bambusen sind nach hübschen Mustern geflochten. Ein gut im Stande gehaltener Bambuszaun oder eine Hecke von blühenden Sträuchern fasst jedes Gehöft ein.
Die Eingebornen, Männer und Weiber, kauern ehrerbietig nieder, nehmen den Hut ab und verhüllen ihr Gesicht, sobald der Zug naht. Als wir vorgestern von Buitenzorg heraufritten, wichen uns die schwerbeladenen Kulis aus, verliessen den schmalen glattgetretenen Pfad und gingen auf dem kleinen vulkanischen Gerölle, womit die Strasse beschüttet ist bis sie an uns vorüber waren. Wenn einige es nicht gleich von selbst thaten, so verfehlte mein Reisegefährte nicht, ihnen gebieterisch „pinggir” (auf die Seite) entgegenzurufen. Auch schwer beladene Wagen wichen uns aus.
16. Juli, 5 Uhr früh von Tjandjur abgefahren. Die Strasse nach Bandong ist sehr bergig; wo es steil bergauf geht, werden drei Gespann Büffel vorgelegt. Ueber den Tjitarum setzten wir in einer Fähre; der diesseitige Bergabhang war so steil, dass die Pferde ausgespannt werden mussten, der Wagen rollte durch seine eigene Schwere abwärts. Vier und vierzig Menschen, die uns hier erwartet hatten, hemmten ihn vermittels eines langen aus Büffelfell geflochtenen Strickes. Es ging sehr laut dabei zu; den meisten Lärm machten natürlich die kleinen Jungen, die unaufhörlich kommandirten. Um 10 Uhr Vormittags erreichten wir Bandong, wo ich in dem gastlichen Hause des Assistent-Residenten die liebenswürdigste Aufnahme fand. Nachmittags wurde ein geognostisch interessanter und landschaftlich schöner Wasserfall besucht.
Bandong liegt im westlichen Theile der grossen nach ihm benannten, rings von vulkanischen Gebirgen eingeschlossenen 2100–2200 Fuss hohen Ebene, einem der schönsten Gebiete dieser schönen Insel. Der fruchtbare vulkanische Tuff, aus dem der Boden besteht, von den umgebenden Waldbergen reichlich mit Wasser versehen, welches der Fleiss der Bewohner in unzählige Rinnen verbreitet hat, liefert jährlich zwei Reisernten. Hier herrscht ein ewiger Frühling. Am nächsten Morgen ritt ich zu Junghuhn hinauf, der 1400' höher in Lembang am Fuss des Tankubang-prau noch kühler, aber auch feuchter wohnte. Ein Brief von Humboldt verschaffte mir sogleich die herzlichste Aufnahme in dieser sonst nur Wenigen zugänglichen Einsiedelei.[59] Die Thätigkeit des berühmten Naturforschers war jetzt fast ausschliesslich auf die Vermehrung und Akklimatisation der Cinchonapflanzen gerichtet. Hier erneuerte ich auch die Bekanntschaft mit Dr. de Vrij, der als Regierungschemiker sein Laboratorium in Bandong hatte und namentlich mit der Bestimmung der Alkaloide der neu eingeführten Cinchonen und mit der Untersuchung und Ermittelung der den Kulturpflanzen günstigsten Bodenarten beauftragt war.